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Namibia: Deutsche Schuld gegenüber Hereros

Namibia: Deutsche Schuld gegenüber Hereros

Christa Kaunduus Großvater war noch ein Kind als die Deutschen sein Land angriffen. Die Mutter verhungerte auf der Flucht, er wurde gefasst und kam ins Konzentrationslager. Später ging er als Arbeiter auf die enteignete Farm seiner Familie zurück. "Er hütete die Kühe, die sie uns weggenommen hatten", sagt Christa Kaunduu heute. Mehr als hundert Jahre ist es her, dass deutsche Soldaten im heutigen Namibia Herero und Nama vertrieben und ermordet haben – inzwischen spricht auch die Bundesregierung von einem Völkermord.

Eine offizielle Entschuldigung aber gab es aber bis heute nicht; über eventuelle Reparationen wird seit 2015 verhandelt. Einige Herero haben vor der UNO gegen Deutschland geklagt. Thomas Denzel (ARD-Studio Johannesburg) hat Christa Kaunduu zur ehemaligen Farm ihrer Familie begleitet. Der deutschstämmige Besitzer dort ist nicht der Ansicht, dass seine Vorfahren irgendetwas falsch gemacht haben. 

Herero sitzen vor Hütte im Freien
300 Kilometer entfernt von der Heimat.

Arm ist ihre Familie, sagt Christa Kaunduu – arm seit dem Krieg mit den Deutschen vor 113 Jahren. Zwar haben sie Land hier im Osten Namibias, aber nur ein paar Blechhütten auf einem kleinen Flecken mitten in der Steppe – zu unfruchtbar für die Landwirtschaft, erklärt Christa. Ihre eigentliche Heimat liege 300 Kilometer westlich von hier, die Familie habe dort eine Farm besessen auf fruchtbarem Land, von dem die Deutschen sie damals vertrieben hätten. Christa besitzt ein Foto von ihrem Großvater. Der hat noch gelebt auf der alten Farm in der Heimat – als kleiner Junge mit seiner Mutter. "Als die deutschen Truppen unser Land angriffen, flohen mein Großvater und seine Mutter", erzählt Christa. "Seine Mutter verhungerte auf der Flucht, er wurde gefasst und kam ins Konzentrationslager. Später gelang ihm die Flucht nachhause – doch unser Land gehörte inzwischen einem Deutschen. Also begann mein Großvater für ihn zu arbeiten – und hütete die Kühe, die sie uns weggenommen hatten."

Die Forderung: Entschuldigung und Reparationszahlungen

Herero in Uniform
Jedes Jahr erinnern die Herero und Nama an den Völkermord der Deutschen.

Christa ist nicht allein – jedes Jahr erinnern Tausende Herero und Nama an das was sie einen Völkermord der Deutschen nennen. An diesem Ort hier sollen die kaiserlichen Soldaten eine Wasserstelle der Herero vergiftet haben: "Quelle der tödlichen Bauchschmerzen" nennen sie ihn deshalb. "Wir sind gekommen um zu Euch Ahnen zu sprechen", sagt dieser Mann. Dass sie es hier tun hat einen weiteren Grund: am selben Ort soll ein deutscher General den Befehl erlassen haben, die Herero aus dem Land und in die Wüste zu treiben.

Auch Christa ist gekommen. Sie trägt wie die anderen Frauen den traditionellen Kopfschmuck, der an Kuhhörner erinnern soll, die Männer Uniformen im Stil der kaiserlichen Truppen. Die Forderungen an Deutschland: eine offizielle Entschuldigung und Reparationszahlungen. "Ich glaube allerdings nicht, dass Geld aus Deutschland jemals bei uns Herero ankommen wird", sagt Christa. "Zwar gibt es Verhandlungen mit Deutschland – aber Deutschland verhandelt nicht mit uns direkt, sondern mit unserer namibischen Regierung – und die wird von anderen Stämmen dominiert, die das Geld dann selbst behalten."

In New York vor Gericht

Vertreter der Herero in New York vor Gericht
In New York sind die Herero vor Gericht gegangen.

In New York sind Christas Mitstreiter deshalb gegen Deutschland vor Gericht gegangen. Hier wollen sie direkte Verhandlungen Deutschlands mit den Herero und Nama erzwingen – und damit am Ende direkte Reparationszahlungen an die betroffenen Stämme. "Sollen die Regierungen doch irgendetwas aushandeln – aber ohne unsere Beteiligung ist es nicht das Papier wert, auf das es geschrieben ist”, sagtVekuii Reinhard Rukoro, einer der Kläger. "Dann werden die Deutschen zweimal bezahlen müssen: das Geld, das sie an die namibische Regierung verschwenden und das Geld, das sie uns bezahlen müssen." Doch die Herero sind gespalten. Andere Gruppen unterstützen die Regierungsverhandlungen. Und dort hat Deutschland bisher kein Geld angeboten, sondern stattdessen Hilfsprojekte.

Wir sind wieder unterwegs in Namibia. 300 Kilometer Weg haben wir vor uns, auf der Suche nach Christas Heimat. Sie will uns und ihrer Nichte zeigen wo einst die Farm ihrer Familie lag. Bis heute ist das Land im Besitz einer deutschstämmigen Familie. Wir wissen nicht, ob Christa und wir dort willkommen sind. Irgendwo hier hatte Christas Familie einmal ihre eigene kleine Farm. Das Haus des heutigen Grossfarmers liegt auf einem Hügel. Als wir ankommen ist niemand zuhause. Christas Großvater habe hier für die Deutschen gearbeitet bis er zu alt dafür war, sagt sie – dann hätten sie ihn weggeschickt, auf das unfruchtbare Stück Land im Osten. Wir warten – dann kommt der Farmer nachhause. Er und Christa unterhalten sich in Afrikaans – einer der Sprachen der weißen Siedler. An Christas Großvater könne er sich erinnern, sagt der Farmer.

Enttäuschung über den Farmer

Farmhaus
Der deutschstämmige Farmer sieht keinen Anlaß für eine Rückgabe von Land.

Das Land allerdings hätten seine Vorfahren den Herero abgekauft. Zurückzugeben sei also nichts – denn er wisse nichts davon, dass jemand je vertrieben wurde. "Vielleicht ist das auch ein bisschen ihre Fantasie", meint der deutschstämmige Farmer Reinhard Voigts. "Wo auf der Welt kriegen die Indianer oder irgendwelche Aborigines in Australien ihr Land wieder zurück? Man muss natürlich nicht einfach sagen 'nein', sondern man muss ihnen schon irgendwas aushandeln, Zugeständnisse machen. Aber die Ländereien wieder zurückkriegen? Nein. Wir haben auch viel geleistet, die Deutschen damals, die Ländereien aufgebaut und so weiter.”

 Den Friedhof gleich neben dem Farmhaus aber dürften Christa und ihre Nichte gern besuchen, sagt der Farmer. Betreten wollen sie ihn nicht. Wie sie mir erklären, fordert die Tradition, dass ein männliches Familienoberhaupt sie begleitet. Auch eine ihrer Tanten sei hier begraben, sagt Christa. Hier zu sein bedeute ihr viel, doch vom Ausgang des Gesprächs mit dem Farmer sei sie enttäuscht. "Wenn er mir kein Land geben will, dann sollte er mir wenigstens die Pension meines Großvaters auszahlen", sagt Christa. "Er hat nämlich nie eine bekommen – und ich könnte mir von dem Geld meine eigene Farm kaufen." Sie verstehe, dass die Deutschen unser Land wollten, sagt Christa, denn es sei gutes Land. Einen Groll gegen die Deutschen habe sie nicht, sagt sie – aber sie will Gerechtigkeit.

Stand: 20.11.2017 12:53 Uhr

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