Interview mit Stefan Schaaf, ARD-Korrespondent in Madrid

Stefan Schaaf in Madrid
Stefan Schaaf in Madrid

Die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien findet seit zwei, drei Jahren immer größere Unterstützung. Wie erklären Sie sich das?

Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist zum einen historisch begründet, er geht zurück bis zum 11.9.1714, als die Bourbonen Katalonien besiegten und die Region ihre Autonomie verlor. Dieses Datum gilt als das katalanische "9/11". In der verhassten Franco-Diktatur durften dann die Katalanen nicht ihre eigene Sprache sprechen, ihre Kultur wurde unterdrückt. Vor diesem Hintergrund gewann der Unabhängigkeitsgedanke in den letzten drei Jahren noch einmal durch die Wirtschaftskrise richtig an Fahrt – Madrid wird zum Sündenbock für die schwierige Lage gemacht.

Hinzu kommt der Amtsantritt der konservativen Rajoy-Regierung in Spanien Ende 2011 und damit eine ziemliche Sprachlosigkeit im Umgang mit den Separatisten. Ein Dialog findet nicht wirklich zwischen Madrid und Barcelona statt, und so kann man sagen, dass auch die Regierung Rajoy zum Aufschwung der Unabhängigkeitsbewegung beigetragen hat.

Welche Rolle spielt die Wirtschaftskrise für die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien?

Eine wichtige. Das populäre Argument geht so: Die Katalanen zahlten viel für die ärmeren Regionen Spaniens, bekämen aber nur wenig zurück. Wenn Katalonien selbst über sein Geld verfügen könnte, dann ginge es der wirtschaftsstarken Region rund um Barcelona sehr viel besser. In Deutschland ist die Diskussion ja auch unter dem sperrigen Stichwort Länder-Finanzausgleich bekannt.

Viele Katalanen zeigen also mit dem Finger auf Madrid und verweisen auf eklatante Misswirtschaft. Da trifft es sich allerdings schlecht, dass auch Katalonien seine eigenen Korruptionsfälle hat. So versteckte etwa ein Held der Autonomiebewegung, Jordi Pujol, mehr als 30 Jahre lang ein großes Vermögen auf Konten im Ausland. Das wurde jetzt bekannt. Diese Schwarzgeld-Affäre ist ein ziemlicher Schlag ins Kontor.

Bei Demonstrationen für die Unabhängigkeit darf ein "Castell" – also eine Menschenpyramide – in diesen Tagen eigentlich nicht fehlen. Woher kommt das?

Jetzt im Sommer haben viele Dörfer und Städte ihre Patronatsfeste, die  gebührend begangen werden. Und da dürfen "Castells" als das Sinnbild katalanischer Kultur nicht fehlen. Gleichzeitig werden diese Feste aber oft auch als Demonstrationen für die Unabhängigkeit benutzt, gerade im ländlichen Raum. Kritiker werfen den Separatisten vor, dass sie kulturelle Symbole wie etwa die "Castells" für sich okkupieren. Das sei nicht zulässig. Es wird also auch mit Ikonen, mit Fahnen und Plakaten Politik gemacht.

In Schottland stimmen die Menschen am 18. September darüber ab, ob sie unabhängig vom Rest Großbritanniens werden wollen. Inwieweit beeinflusst das die Stimmung in Katalonien?

Es wird die Stimmung beeinflussen, nicht mehr und nicht weniger. Nach letzten Meinungsumfragen – die in Spanien aber nicht unbedingt sehr zuverlässig sind –, ist ein großer Teil der Katalanen noch unentschlossen, was die Frage der Abspaltung von Spanien angeht. So sind knapp 40 Prozent der Befragten eigentlich gegen die Unabhängigkeit, fordern aber mehr Autonomierechte wie etwa Steuerhoheit für die Region. Der Ausgang  in Schottland könnte Einfluss auf diese Gruppe der eher noch Unentschlossenen haben.  

Hat der spanische Premierminister Rajoy einen Fehler gemacht, indem er das von den Katalanen geforderte Referendum für illegal hat erklären lassen?

Nein, eigentlich nicht – er hat keine andere Wahl. Nach der spanischen Verfassung sind Referenden auf regionaler Ebene nicht zugelassen, allenfalls könnten alle Spanier gemeinsam über die Unabhängigkeit eines Landesteils entscheiden. Und  Rajoy muss vorsichtig sein: Denn die Basken beobachten ganz genau, was sich in Katalonien tut. Da könnte es schnell zu einer Kettenreaktion kommen.

Aber, wie so oft, der Ton macht die Musik: Rajoy hat von Anfang das Ansinnen der Katalanen abgewiesen und wenig Dialog-Bereitschaft gezeigt. Es gab keinen Versuch, Brücken zu bauen. Nun sieht es so aus, als würden da zwei Züge aufeinander zurasen, und die Frage bleibt: Wer bremst zuerst? Immerhin hat es in der letzten Juli-Woche nach langer Zeit wieder ein Treffen von Rajoy mit Kataloniens Regierungschef Mas gegeben. Da blieben beide Seiten in der Sache hart, aber es lief wohl atmosphärisch besser ab. Schauen wir mal.

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