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Nepal: Honigjäger in der Steilwand

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Nepal: Honigjäger in der Steilwand

Die Luft ist dünn, die Baumgrenze fast erreicht. Die Natur hat das Dorf Golche Namphu mit Schönheit beschenkt. Aber auch mit Grausamkeit heimgesucht. Vor zwei Jahren bebte die Erde. Alle Häuser stürzten ein. Der Dorfälteste hat seines inzwischen wieder aufgebaut. Aber er und seine Mitbewohner trauern noch über die zwanzig Toten. Darunter auch zwei Männer, die als unersetzlich galten. Seit ihrem Tod ruht der wichtigste Brauch des Dorfes. "Unsere zwei Honigjäger sind bei dem Erdbeben getötet worden. Auch ihre Ausrüstung wurde zerstört. Doch morgen wollen wir einen neuen Anlauf starten", sagt Man Bahadur Silwal, der Dorfälteste.

Früher wurde zweimal im Jahr Honig geerntet. Schon lange bevor die neunzigjährige Mutter des Dorfältesten geboren wurde. Sie erinnert sich: "Die Ernte fiel immer reichlich aus. Zum Essen war der Honig allerdings zu stark. Wir haben ihn aus Medizin benutzt - für Menschen und für unsere Tiere." Noch immer ist die Nachfrage groß - vor allem im benachbarten China, wo der Honig als Wunderdroge gilt. Fünfzig Euro gibt es dort für den Liter. An einer Strickleiter soll der Honigjäger zu den Waben hinabklettern. Aber noch ist er nicht da, er kommt von außerhalb, der letzte seiner Zunft in der ganzen Region.

Am späten Abend taucht Maila Pakharin, der Honigjäger auf. Er ist den Gebirgspfad in der Dunkelheit gegangen. Aber Mut gehört ja zu seiner Arbeit, der vielleicht gefährlichsten im ganzen Land: "Warum soll ich Angst haben? Vor der Honigjagd werden wir den Göttern opfern. Das wird mich vor allen Gefahren schützen." Mitgebracht hat er seine zwei Söhne. Für sie wünscht er sich, dass sie einmal einen anderen Beruf ergreifen. "Die Honigjagd ist doch ein Fluch, anstrengend und nicht gut bezahlt. Aber es ist mein Karma. Ich büße für die Sünden in meinem vorherigen Leben." Beim gemeinsamen Essen wird die morgige Ernte verteilt. Dem Dorfältesten steht der größte Teil zu. Dem Honigjäger ein leistungsbezogenes Honorar: umgerechnet fünf Euro für den Liter.

Die Honigjäger brechen auf

Kurz nach Sonnenaufgang ziehen sie los: der Honigjäger, einige Helfer und viele Dorfbewohner, die zuschauen wollen. Ein herrlicher Tag, klarer Himmel, die Götter scheinen wohl gesonnen. Einer reichlichen Ernte steht nichts im Weg. Zwanzig Liter, noch mehr, wenn es besonders gut läuft. Dafür soll ein Opferritual sorgen. Die Bergbauern sind Hindus, pflegen dazu ihre ganz eigene Stammesfrömmigkeit. Der Dorfpriester, Shamsher Bahadur Silwal, erfleht himmlischen Schutz für den Jäger. "Über die Felswand und die Bienen wacht ein ganz bestimmter Gott. Mit unserem Opfer besänftigen wir ihn."

Mit dem Opferhuhn wird kurzer Prozess gemacht. Seine Überreste verbrannt. Die Jagd kann beginnen. An einem Felsen, geht es hundert Meter senkrecht in die Tiefe Der Honigjäger macht sich auf den Weg. Aus dem Tal steigt Rauch empor. Dort haben die Dorfbewohner ein Feuer angezündet. Um die Wildbienen aus ihren Waben zu vertreiben. Sie gelten als die größten Honigbienen der Welt, ihre Stiche als besonders schmerzhaft und gefährlich.

Kampf mit den Honigbienen

Der Honigjäger klettert zu den Waben herunter, ohne Gurt oder sonstige Absicherung. Mit einem Stock stößt er die erste Wabe ins Tal, wo sie von den Dörflern aufgefangen wird. Von der nächsten Wabe kratzt er den Honig in einen Eimer. Doch immer mehr Bienen dringen auf ihn ein. Übersäen ihn mit Stichen. Der Honigjäger muss die Flucht ergreifen. Er rettet sich schließlich auf den Felsvorsprung, auf dem seine Helfer warten. Doch die Attacken der Bienen werden immer heftiger. Der Jäger bricht zusammen.

Oben herrscht Panik. Wie bekommt man den Honigjäger wieder nach oben? Der kann sich noch einmal aufraffen, klettert mit letzter Kraft hinauf. Immerhin hat er überlebt. Sein Sohn ist erleichtert. Er selbst ist wütend: "Es lag am Priester. Er hat das Opfer nicht richtig gemacht. Ich habe mich schon beim Abstieg schlapp gefühlt." Der Dorfälteste greift ein: "So ein Quatsch. Das Ritual war das gleiche wie immer. Es lag am Feuer. Das war zu klein und erzeugte zu wenig Rauch, um die Bienen zu vertreiben." Allmählich kommt der Honigjäger wieder zu Kräften. Aber für ihn steht fest: noch einmal nach unten klettert er heute nicht mehr. Was wird nun aus der Honigernte? "Ich glaube nicht, dass er jemals wieder auf Honigjagd geht. Und außer ihm gibt’s weit und breit keinen. Für dieses Jahr war’s das auf jeden Fall" spricht der Dorfälteste.

Buße für die Sünden

Eine bittere Ernte. Den Bergbauern bleibt nicht einmal ein Liter Honig und dem Honigjäger vielleicht die Erkenntnis, dass er allmählich genug gebüßt hat für seine Sünden.

Eine Reportage von Markus Spieker, ARD-Studio Neu Delhi

Stand: 14.08.2017 13:34 Uhr

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