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Nordirland: Belfast in Brexit-Zeiten

Nordirland: Belfast in Brexit-Zeiten

Wenn Robert das Geräusch hört, kommt die Erinnerung zurück. An die 16 Jahre in Haft. Robert war ein IRA-Mann, ein Bombenleger, jagte Geschäfte in die Luft, um Großbritannien in die Knie zu zwingen. Ein Soldat sei er gewesen, der Irischen Befreiungsarmee (IRA) – andere nennen ihn einen Terroristen. Heute ist die Zelle, in der er noch einmal Platz nimmt, ein Museum. "Die Briten durchsuchten damals unsere Häuser, töteten meine Angehörigen", sagt er. "Was machst du dann – steckst du deinen Kopf in den Sand? Oder machst es wie viele meiner Generation. Du stehst auf und schlägst zurück."

Klare Botschaften von beiden Seiten

Hier in der Shankill-Gegend tragen sie ihre Loyalität immer noch demonstrativ zur Schau.
Hier in der Shankill-Gegend tragen sie ihre Loyalität immer noch demonstrativ zur Schau.

Nur einen Katzensprung entfernt treffe ich Noel. Welten trennen die Beiden. Noel war ein Killer. 20 Jahre hat er gesessen. Auch er sagt, er sei ein Soldat gewesen, für die Krone und dafür, dass Nordirland britisch bleibt. Hier in der Shankill-Gegend tragen sie ihre Loyalität immer noch demonstrativ zur Schau. Die Farbe frisch. Die Flaggen neu. "Ich habe einen katholischen Nationalisten erschossen", sagt der ehemalige UVF-Terrorist. "Und das war eine klare Botschaft an ihre Gemeinschaft. Wenn ihr den Kampf der IRA unterstützt, hat das einen Preis."

Eine Mauer durchschneidet die Stadt

Die Mauer trennt die loyalistische Shankill- von der pro-irischen Falls-Road in Belfast.
Die Mauer trennt die loyalistische Shankill- von der pro-irischen Falls-Road in Belfast.

Belfast, von oben gesehen – scheinbar eine ganz normale Stadt. Aber was ist normal in einer Stadt, in die solche Wunden geschlagen wurden, die unter der Haut weiter schmerzen. Auch 20 Jahre nach dem Friedensabkommen. Eine gewaltige Mauer durchschneidet diese Stadt. Trennt die loyalistische Shankill- von der pro-irischen Falls-Road, trennt, was nicht zusammenwachsen kann und will. Sie ist eine Touristenattraktion, auch Robert, der Bombenleger von damals, führt Besucher gerne hierher. Robert bewegt sich in dieser seltsamen Gefühlsspreizung zwischen Bewunderung für den bewaffneten Kampf und Bedauern für die Opfer. In diesen Tagen und Wochen spürt er Unruhe, es gebe in seiner Gegend einige, die wollten keinen Frieden. Wenn zum Beispiel der Brexit wieder Grenzen schafft, dann könnte alles wieder losgehen. "Es braucht doch nur einen, der den Finger an die Bombe legt", sagt Robert. "Mehr braucht es nicht, um den Friedensprozess zu gefährden." "Haben die denn noch Waffen?", fragen wir. "Ja, sie haben Waffen und Sprengstoff."

Sie gibt den Menschen Sicherheit

Wer im Schatten dieser Mauer lebt, der will sie.
Wer im Schatten dieser Mauer lebt, der will sie.

Dies- wie jenseits – wer im Schatten dieser Mauer lebt, der will sie. Auch wenn es zuletzt ruhig blieb – es ist eben auch die Mauer in den Köpfen, die noch steht. Die Wiggins haben sich eingerichtet in ihrem Mauer-Häuschen in der Shankill-Gegend , mit Kunstrasen und Hollywoodschaukel. Wenn die Mauer fällt, sind sie sofort weg. "Wir fühlen uns hier gut, hier sind wir sicher", sagen sie. "Wenn die Mauer nicht mehr stünde, gäbe es Mord und Totschlag." Misstrauen, ein Stück Missgunst, durch Jahre des Konflikts in Seelen gebrannt – auf beiden Seiten hören wir die selben Sorgen. "Alles ist nur für die anderen da drüben und unsere Kultur geht kaputt", sagt Albert Wiggins. Deswegen halten sie fest – an Traditionen, an den Heldengeschichten ihrer Kämpfer, Belfast ist voller dunkler Erinnerungen.

Angst, Terrain zu verlieren und abgehängt zu sein

"Wenn Du die Leute fragst, wollen sie Frieden, dann sagen sie ja", sagt Noel. "Fragst du nach Versöhnung, ist das eine ganz andere Geschichte – bringst du sie so zusammen, es gäbe einen Aufruhr. Zusammenwachsen – das braucht noch Generationen." Aber es braucht nicht viel, um das fragile Gleichgewicht Nordirlands aus den Fugen zu bringen. Dass sie in London zur Regierungsbildung jetzt eine Partei von der anderen, der Loyalisten-Seite ins Boot holen – das bringt den irischen Nationalisten Robert richtig auf. Brandgefährlich! Und da ist sie wieder, diese Angst, Terrain zu verlieren, abgehängt zu sein. "Die Britische Regierung ist gerade dabei, den Friedensprozess zu sprengen", sagt Robert. "Aus extrem egoistischen Gründen. Nur um an der Macht zu bleiben. Das ist abstoßend und empörend."

Handschlag unter feindlichen Kämpfern

Auch Noel von der loyalistischen Shankill-Road führt jetzt Touristen durch seinen Teil der Geschichte. Auch sein Kampf war ein gerechter, sagt er. Dafür getötet zu haben – bereut er. Was immer politisch passiert, er will seinen Schritt machen, einen nach vorne. Nicht mehr zurück. Und Robert macht mit. An ihrem "Check Point Charlie" tauschen sie jetzt die Touristen aus, Handschlag unter feindlichen Kämpfern. Das ist noch keine Versöhnung – aber hier in dieser britischen Unruhe-Provinz ein beachtlicher Sprung.

Autorin: Hanni Hüsch, ARD London

Stand: 18.06.2017 20:43 Uhr

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