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Portugal: Illegale Adoption durch Evangelikale aus Brasilien?

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Portugal: Illegale Adoption durch Evangelikale aus Brasilien?  | Bild: imago

Die Geschichte von Maria, liest sich wie ein Thriller: Vor zwanzig Jahren gab die Portugiesin ihre drei Kinder in ein Kinderheim der sogenannten "Universalkirche vom Reich Gottes". Von dort sind sie eines Tages verschwunden. Inzwischen weiß Maria: ein Sohn ist gestorben, die zwei anderen Kinder leben im Ausland, im Umfeld der "Universalkirche".

Diese wurde 1977 in Brasilien gegründet. Nach eigenen Angaben hat sie mittlerweile 9 Millionen Anhänger weltweit. Portugiesische Journalisten haben das dubiose Verschwinden von Marias Kindern und anderen dokumentiert. Justiz und Parlament sind mit den Vorgängen befasst. Ein Bericht von Alexandra Borges, Judite Franca und Lourdes da Conceicao.

Zwei Frauen im Gespräch, unscharf dargestellt
Von der Babysitterin erfährt eine Mutter vom Schicksal ihrer Kinder | Bild: SWR

Lissabon: In einem Park treffen sich zwei Frauen. Die eine ist Mutter. Ihre Kinder sind seit 20 Jahren verschwunden. Die andere Frau war Babysitterin und behauptet zu wissen, was mit ihnen geschah. Beide Frauen wollen unerkannt bleiben. Sie haben – so sagen sie – Angst vor einer Kirche, die für das Verschwinden der Kinder verantwortlich sein soll. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sieht die Mutter die Gesichter ihrer Kinder. Nun als Erwachsene. "Meine Vera, meine Kinder sind wunderschön." Und die Babysitterin sagt: "Ich war die Babysitterin von allen drei Kindern, solange sie in den USA waren. Ich weiß, wo sie sind, wer sie dorthin gebracht hat."

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Mutter hatte in 90er Jahren ihre Kinder aus Not in ein Heim der evangelikalen "Universalkirche" gegeben. Die Babysitterin behauptet ihr gegenüber, dass die drei Kinder von dem Leiter der Kirche dort persönlich ausgesucht, und in die USA gebracht wurden. Sie selbst sei in dem Privatjet des Kirchenoberhaupts mitgeflogen. "Ich habe meinen Sohn nicht einmal laufen sehen", klagt die Mutter. Und die Babysitterin erzählt: "Leider habe ich eine schlechte Nachricht: Fábio ist tot."

Außenansicht Kinderheim
Kinderheim der evangelikalen "Universalkirche"  | Bild: SWR

Hier in diesem Haus war das Kinderheim. Gegründet wurde allerdings ein Sozialverein – wie dieses Schriftstück aus dem Jahr 1994 bezeugt. Die Betriebsgenehmigung für ein Kinderheim wurde erst sieben Jahre später erteilt. Stimmt der Vorwurf, dass hier illegal Kinder betreut und manche sogar im Auftrag der Kirche verschleppt wurden? Journalisten des portugiesischen Fernsehsenders TVI begaben sich auf eine akribische Spurensuche. Eltern, die ihre Kinder vor 2001 hier abgaben, wurde offenbar mit Bescheinigungen eine Legalität vorgetäuscht, die es nicht gab. Inzwischen ermittelt die portugiesische Staatsanwaltschaft. "Wie ist es möglich in den 90er Jahren, dass ein Heim Kinder aufnimmt, ohne dass es vom Jugendamt und vom Gericht beaufsichtigt wird?", fragt sich Staatsanwalt Gonçalo Melo Breyner. "Und das Jahre lang." Eltern mit geringem Einkommen gaben hier ihre Kinder aus Verzweiflung ab. An ein Heim, das von der "Universalkirche vom Reich Gottes" betrieben wurde.

Gebäude, "Tempel" der Universalkirche vom Reich Gottes
Die "Universalkirche vom Reich Gottes": nach eigenen Angaben neun Millionen Anhänger in 182 Ländern | Bild: SWR

Aber was ist diese Kirche? Die evangelikale Freikirche wurde 1977 in Brasilien von Edir Macedo gegründet. Der frühere Lotterieverkäufer nennt sich selbst "Bischof", fängt in einem öffentlichen Park in Sao Paulo an zu predigen. Heute füllt er Tempel, Kinosäle, Fußballstadien. "Gebt alles, was ihr dabei habt", schreit ein Priester in diesem Video, das im Internet kursiert. Die "Universalkirche" verbreitet auf ihren Treffen das Heils- und Wohlstandsversprechen: Gib Gott ein Zehntel von dem, was Du besitzt, und er wird Dir das Dreifache zurückgeben. Ein Expriester wirft der Kirche vor, auf diese Weise Millionen zu verdienen. "Je mehr eingesammelte Spenden, desto höher steigt der Priester in der Kirchenhierarchie", erzählt ex-Priester Lucas Paulo. Geht es gar nicht um Glauben? "Das Wort Glaube benutzen wir nicht hinter dem Altar". Edir Macedo zeigt öffentlich seinen Reichtum. Er besitzt in Miami Apartments, einen Vergnügungspark für Millionäre, die sich ihr Auto ins Zimmer bringen lassen. Er hat eine Bank in Brasilien, und die zweitgrößte Mediengruppe des Landes: TV Record. Er reist im Privatjet und gilt als einer der mächtigsten Männer weltweit. Heute hat die "Universalkirche" nach eigenen Angaben neun Millionen Anhänger in 182 Ländern, 320 Bischöfe, 14.000 Priester.

Verordnete Sterilisierung für die Bischöfe

Der Ausbau seines Weltimperiums sollte nicht durch Vaterpflichten gehindert werden. So predigte der Kirchenchef Macedo im eigenen Kirchenkanal. "Man zeugt Kinder, wie die Ratten. Das ist nicht der Wille Gottes". Ehemalige Mitglieder der Kirche behaupten: Macedo habe seinen Bischöfen in den 90er Jahren verordnet, sich sterilisieren zu lassen. "Die Bischöfe standen Schlange vor den Kliniken, um sich sterilisieren zu lassen", sagt Ex-Priester Lucas Paulo. "Wie vor einem Schlachthof." Auch die Töchter von Edir Macedo sind offenbar mit sterilisierten Bischöfen verheiratet. Dies schreibt jedenfalls eine Tochter über sich in ihrem privaten Blog im Internet. Der Post ist inzwischen gelöscht. Ihre einzige Möglichkeit Kinder zu haben: Eine Adoption. Genau in dieser Zeit, erzählen Ex-Mitglieder der Kirche, verordnet der Kirchenchef seinen Priestern: Adoptionen. "Das war ein Befehl von ihm: Wenn du nicht adoptierst, schmeiße ich dich aus der Kirche raus", sagt Alfredo Paulo Ex-Bischof der Universalkirche UKRG.

Foto von junger Frau
Die Mutter sieht zum ersten Mal seit 20 Jahren die Gesichter ihrer Kinder | Bild: SWR

Macedo soll in den 90er Jahren persönlich nach Lissabon geflogen sein und im Kinderheim der Universalkirche die drei Geschwister gefunden haben. Das legt eine eidesstattliche Aussage der ehemaligen Betreuerin Ana vor einem portugiesischen Gericht nahe. "Maria, ihre Kinder hat Edir Macedo, der Kirchenführer, selbst ausgesucht – für seine Tochter Viviane." Ana ließ sich nach eigenen Angaben von Macedo als Babysitterin anwerben. Zusammen brachten sie die Kinder außer Landes. Ihr Pass zeigt den Einreisestempel. Völlig unklar ist, wie es dann zu der Adoption kommen konnte. "Wir wurden nie von einem Richter gefragt", sagt die Mutter. Aber das schreibt das portugiesische Gesetz vor. Wiederholt haben die portugiesischen Journalisten die Universalkirche mit ihren Recherchen und Zeugenaussagen konfrontiert. Detaillierte Antworten erhielten sie nicht, dafür aber millionenschwere Schadenersatzklagen – inzwischen großenteils abgewiesen. Und das ist das offizielle Bild, das der "Bischof" Edir Macedo von sich verbreitet. Ein Familienmensch: Rechts mutmaßlich Marias Kinder aus dem portugiesischen Heim: Luís ist heute Priester, Vera Kirchendienerin. Der dritte und jüngste, Fábio, wurde von den Geschwistern getrennt. Er ist mit 18 Jahren gestorben.

Stand: 06.08.2018 11:09 Uhr

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