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Kaukasus: Kein Leben ohne Schmalspurbahn

PlayRussland: Eine Schmalspurbahn im Kaukasus – Lebensader für entlegene Dörfer
Kaukasus: Kein Leben ohne Schmalspurbahn | Bild: WDR

Ein kleiner Straßenmarkt, ein baufälliger Holzwaggon, in den ein Mann frisches Brot für abgelegene Bergdörfer lädt, die auch ihre Post per Eisenbahn erhalten – die "Matriza" nennen sie hier ihre alte Schmalspurbahn.

Dreistündige Fahrt der Matriza

Russland: Eine Schmalspurbahn im Kaukasus – Lebensader für entlegene Dörfer
Russland: Eine Schmalspurbahn im Kaukasus – Lebensader für entlegene Dörfer | Bild: WDR

"Ja, es gibt leider Orte da oben, wo außer der Matriza nichts hinkommt", erzählt eine Postfrau. Um sieben Uhr morgens beginnt die etwa dreistündige Fahrt. Lokomotivführer Artur weiß nie, ob und wann genau er ankommen wird. Aber Zeit spielt hier, in den Bergen des Kaukasus, ohnehin keine allzu große Rolle. Krumme Schienen, morsche Holzbohlen – alles muss dringend gewartet werden, meint Artur. "Es kommt vor, bei zu viel Schnee oder auch Frost, dass wir nicht durchkommen."

An dieser Stelle hat ein Erdrutsch vor wenigen Tagen alles zum Stehen gebracht, und der Blick nach links wirkt auch nicht beruhigend. Die Holzfirma, die den Zug betreibt, steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Sechs von neun Gleisarbeiter haben gekündigt, weil ihre Gehälter ausblieben.

Ein vergessener Ort

Der Ort Kuschinka. Artur musste von der Hauptstrecke abbiegen, um hierher zu kommen. Besucher, die Verwandte hier haben, Holzarbeiter, Einheimische, die im Tal Baumaterial kauften – nur die Matriza bringt sie her. Und was ist bei Unfällen? "Dann rufen wir auch bei der Matriza an und vereinbaren eine Rettungsfahrt. Nur so geht´s", sagt Nokolai.

Kuschinka. Hier müssen besondere Menschen wohnen. Nikolai hat seinen kleinen Frontlader selbst zusammen geschweißt. Er nimmt mich mit. Im Sommer ist es hier wunderschön, sagt er. Das mag sein, doch jetzt wird schnell klar, warum so viele Menschen hier weg gezogen sind. Kuschinka scheint von der Bezirksverwaltung komplett vergessen worden zu sein.
Lidia erwartet uns schon.

"Bei unseren Wegen kommt man hier nur noch mit solchen Autos weiter – aber unseres hat leider einen Platten", erzählt Lidia.

Überleben ohne Staat und Infrastruktur

Eine Werkstatt gibt es hier nicht – eine ordentliche Straße ins Tal ja aber auch nicht: Lidias Mann ist gestern mit der Matriza zum Arzt gefahren, erzählt sie. Nur sechzig Kilometer vom Olympiaort Sotschi entfernt überlebt in Kuschinka nur, wer auch ohne Staat und Infrastruktur zurecht kommt. Lidias Saft ist wirklich lecker. Zwei Nachbarinnen sind dazu gekommen, auch sie offenbar zufrieden mit ihrem Leben hier. Die Temperatur nahe dem Gefrierpunkt inspiriert mich zu einem Schuh-Vergleich.

"Mir ist nicht kalt. Nein", sagt eine Nachbarin. Für wen werden sie bei der Präsidentschaftswahl stimmen?

"Für Putin. Für wen denn sonst? Ihn hat Gott geschickt. Als er zum ersten Mal gewählt wurde, sagten die USA: Das ist der zweite Peter der Große. Sie heben doch unsere Renten an, wenn auch nur wenig. Putin ist ein armer Kerl. Alle verraten ihn. Aber er versucht, zu bewahren, zu vereinen, er macht alles", findet Lidia.

Zweimal in der Woche gibt es frisches Brot

Russland: Brot, Lebensmittel und die Post sind an Bord – Warten auf die Bummelbahn
Russland: Brot, Lebensmittel und die Post sind an Bord – Warten auf die Bummelbahn | Bild: WDR

Putin hat Russland wieder zu einer großen Nation gemacht – Neben Lena auf dem Weg durch das schlammige Kuschinka klingt das seltsam. Die einzige Brücke zu ihrem Friedhof ist schon lange kaputt, keine Behörde fühlt sich verantwortlich. Nach Kuschinka kommen andere Dörfer ohne jeden Straßenanschluss. Artur arbeitet erst seit zwei Jahren auf der Matriza, doch inzwischen kennt er alle Anwohner der Strecke. Frisches Brot bringt die Matriza nur zweimal pro Woche. Es muss eine Weile reichen.

Auf dem Weg in die Berge sammelt die Matriza immer mehr Kinder ein. Fast zwei Stunden Fahrt zur Schule haben einige vor sich. Auch das ein Grund, warum viele Familien aufgeben.

"Sie ziehen weg wegen dieser Bedingungen. Zumindest die, die es sich leisten können", sagt Swetlana.

Stundenlanger Fußmarsch für Briefe

Pferde und Kühe stehen häufig auf den Gleisen. Dieses Mal hat Artur Glück: Sie gehen freiwillig, er muss sie nicht vertreiben. Eine letzte Weiche, dann steuert Artur seine Matriza im Rückwärtsgang zum Zielpunkt: Wir sind in Otdalonnij. "Die Abgelegene" heißt der Ort. Zwei Biefträgerinnen holen den Postsack.

Die meisten Menschen haben Otdalonnij verlassen, doch die russische Post lässt die verbliebenen 300 nicht im Stich. Die Schule liegt am anderen Ende des Ortes.
Die meisten Häuser stehen leer und verfallen in Otdalonnij. Der Forstbetrieb, der den Ort ernährte, machte zu, nachdem er den alten Baumbestand der Region abgeholzt hatte.

Tatiana bringt die Post in Nachbarorte, eine Stunde Fußmarsch entfernt. Es ist eine pittoreske Wanderung. Nur vierzehn Kilometer entfernt habe Putin eine Residenz bauen lassen, erzählen die Einheimischen. Das Baumaterial wurde mit Hubschraubern eingeflogen. Hier aber fehlt sogar eine normale Straße.

Fahrten mit der Matriza werden jeden Tag gefährlicher

Russland: Die einzige Verbindung in die Stadt – Die Matriza unterwegs auf morschen Gleisen
Russland: Die einzige Verbindung in die Stadt – Die Matriza unterwegs auf morschen Gleisen | Bild: WDR

"Als die Eltern starben zog der Sohn weg", erzählt eine Postfrau. Sechs Stunden dauert der Aufenthalt in Otdalonnij, Artur nutzt die Zeit für Wartungsarbeiten an seiner Matriza. "Es ist alles alt. Da, die Bremsbeläge müssen auch bald erneuert werden." Sein Zug verfällt so schnell wie der Ort. Und ohne Gleisarbeiten werden die Fahrten mit der Matriza jeden Tag gefährlicher. "Sie springt ja jetzt schon fast täglich aus den Schienen und kann sicher auch mal umfallen. Dann hängt's von der Stelle ab", so Artur.

Das Brot, das Artur brachte, liegt im Dorfladen. Hier kann er sich aufwärmen, im Winter. Reis, Nudeln, Konserven: billige Grundnahrungsmittel, für mehr reichen die Renten der Alten hier nicht, und Arbeitsplätze gibt es fast keine in Otdalonnij. Für wen stimmen sie, bei der Präsidentschaftswahl, hier im vergessenen Dorf?

"Für wen schon. Für Putin natürlich. – Sind sie nicht enttäuscht von ihm. Nein, er ist ein guter Präsident und hat Russland aus Schutt und Asche wieder aufgebaut", meint eine Frau.

Aus Schutt und Asche wieder aufgebaut? Das Russland, in dem sie leben, können sie kaum meinen. Es muss das sein, das ihnen das Fernsehen präsentiert. Ein Gruppe Gläubiger fährt ins Tal.

Die Matriza rumpelt an verlassenen Häusern vorbei. Wie lange sie noch die Menschen hier mit der Zivilisation verbinden wird ist unklar.

Bericht: Udo Lielischkies/ARD Studio Moskau

Stand: 19.03.2018 12:06 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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