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Russland: Sibiriens Moore brennen

Russland: Sibiriens Moore brennen

Seit 11 Jahren zieht Tag für Tag Rauch durch Dörfer und Städte. In Sibirien brennen zahlreiche Moore und es wirkt als hätten die lokalen Behörden, die Bürgermeister und Bezirksvorsteher, den Kampf aufgegeben. So zumindest empfinden es Umweltaktivisten, die verzweifelt versuchen, die vielen Brandherde zu löschen. Eine Sisyphos-Arbeit, bei der sie kaum Unterstützung finden. "Früher", sagt ein russischer Greenpeace-Mitarbeiter, "in der Sowjetunion löschte jeder Kolchos selbst auf seinem Gebiet. Doch jetzt fühlt sich niemand mehr verantwortlich für staatliches Land."

Das Problem:  Viele Moore sind über Jahre nicht geflutet worden, trockneten aus. Jetzt genügt ein Funke und sie brennen. Sie zu löschen ist extrem aufwändig. Bis zu tausend Liter Wasser für einen einzigen Quadratmeter braucht man, um den Torfbrand auch in der Tiefe zu bändigen. Fehlendes Geld, fehlendes Gerät, fehlendes Interesse, Apathie lähmen die Region. ARD-Korrespondent Udo Lielischkies (Studio Moskau) hat vor Ort verzweifelte Umwelt-Aktivisten begleitet.

Müde sehen Grigori Kuksin und seine Helfer aus – nach dem sechsstündigen Nachtflug Moskau-Ulan Ude. Einheimische Umweltschützer warten schon auf die Experten von Greenpeace. Bald beginnt der Winter in Sibirien, und vorher wollen sie das Problem lösen, das schon von weitem sichtbar ist: Torfbrände. Der Rauch zieht seit elf Jahren durch Dörfer und Städte hier, verpestet die Atemluft von Zehntausenden. Die Experten von Greenpeace sind zum nicht zum ersten Mal hier, um der überforderten Bezirksregierung zu helfen.

Die Behörden sind überfordert

Mit der Drohne verschafft sich Grigori, der Leiter der Greenpeace-Gruppe, einen schnellen Überblick: Wo sind Brandherde, wo gibt es Wasser. Das Gebiet umfasst 300 Hektar. Sogar die Hauptstadt Ulan-Ude hat der Qualm vor Jahren erreicht. Leute aus dem Dorf helfen Grigori, das verzweigte Kanalsystem aus der Sowjetzeit zu verstehen. Nebenan löscht eine Handvoll Männer der Bezirksverwaltung. "Das hilft nicht. Fünf Leute lösen hier kein Problem."

Rauch über Landschaft
"Die löschen, bis es scheinbar aufhört. Doch an einem Tag brennt es dann wieder."

Bis zu eintausend Liter Wasser für nur einen Quadratmeter sind nötig, hat Grigori erklärt: Der kleine Tankwagen der Bezirks-Verwaltung ist eine eher symbolische Geste. Warum sind die Behörden hier seit so vielen Jahren überfordert? Die Greenpeace-Aktivisten müssen sich als erstes beim stellvertretenden Bezirk-Leiter vorstellen. Der will demonstrieren, dass seine Leute alles im Griff haben: Jedes neue Feuer werde sofort gelöscht. Doch der Sommer sei eben heiß gewesen. Die Freiwilligen widersprechen nicht offen, und auch Grigori redet vorsichtig, diplomatisch. Es ist den Behörden auch so schon unangenehm genug, merken wir, vor der Kamera von Moskauer Umwelt-Aktivisten über richtige Brandbekämpfung belehrt zu werden.

Am nächsten Morgen beginnen die Freiwilligen mit den höher gelegenen Brandherden. Die können nur mit Hilfe von Wasserpumpen gelöscht werden. Grigori ist Experte für schwierige Torfbrände, er hat sie schon in Indonesien gelöscht. Hier brennt der Torf bis zu einem Meter tief. "Die Einheimischen haben in der Regel weder Ausrüstung noch Ahnung", sagt Iwan. "Die löschen, bis es scheinbar aufhört. Doch an einem Tag brennt es dann wieder."

Ohne Freiwillige geht fast gar nichts

Der Verwaltungschef hatte Hilfe versprochen, tatsächlich kommen ein Löschwagen und ein Frontlader. Grigori soll die Männer anweisen, doch die wirken nur mäßig begeistert. Vor einem Monat waren sie zum letzten Mal hier, geben sie dann zu – obwohl es hier doch jeden Tag brennt. Immerhin haben sie einen Damm aufgeworfen, um Wasser umzuleiten. Nur so lassen sich große Brandflächen effektiv löschen – der Torf muss geflutet werden. Doch wie konnte er überhaupt austrocknen? "Die hatten einfach vergessen, die Abzweigung zu öffnen und Wasser ins Torf zu lassen", meint Grigori. "Über ein Jahr lang war das eine hochriskante Situation. Torf ohne Wasser kann schnell einen Brand entfachen."

Feuerwehrauto
Schweres Gerät ist selten verfügbar.

Der als Notlösung schnell geschaufelte Damm hat jetzt Kühen bach-abwärts das Trinkwasser blockiert. Unsere Kamera hat die weiteren Beamte angelockt, glaubt Grigori. Sie versprechen Unterstützung. Wird hier immer so aktiv gelöscht? "Natürlich hilft Greenpeace, aber so intensiv wird hier immer gearbeitet, systematisch", sagt Dmitri Schwetzow.

Nach etlichen Stunden kaum sichtbarer Fortschritt: Der Torf muss mühsam Schicht für Schicht gelöscht und die Temperatur muss ständig gemessen werden. Übernachtet wird in einer billigen Wohnung, alle sind hundemüde. Die Drohnenbilder bestätigen dann, was sie ahnten: Die Bezirks-Feuerwehr war schnell wieder weg. Offizielle Erklärung: Das Benzin war alle. "Heute habe ich alles Benzin bezahlt", sagt Grigori, "für morgen verspricht die Verwaltung für 40 Liter aufzukommen." Vierzig Liter Benzin – soll an solchen Beträgen ihr Einsatz scheitern?

Niemand fühlt sich verantwortlich

Nur durch Zufall sieht Grigori am nächsten Tag Rauch. Er versucht zu löschen, das Feuer brennt seit Stunden gleich neben einer Stadt – offenbar hat aber bisher niemand die Feuerwehr gerufen. Typisch, meint Grigori bitter. "Etwa einhundert kleine Brandherde sind heute entstanden. Und die werden sich jetzt alle einbrennen und qualmen." Das wird den ganzen Winter über die Stadt verräuchern

Waldboden mit kleinen Flammen und verkohlten Stellen.
Die brennenden Torfschichten können bis zu 500 Grad heiß sein.

Nach einer halben Stunde ist immer noch kein Löschzug angekommen. Wir zeigen Grigori dafür einen Brand, den wir selbst gestern entdeckt haben, zwanzig Kilometer von seinen Löscharbeiten entfernt. Auch hier brennt Torf, erkennt der Brandexperte sofort. "Vorsichtig hier, es kann hier tief sein. Da kann man verbrennen, bis zu 500 Grad können da sein. Da unten sind´s 240"

In der Sowjetunion löschte jeder Kolchos selbst auf seinem Gebiet, erklärt Grigori, doch jetzt fühlt sich niemand mehr verantwortlich – die betroffenen Einwohner wirken apathisch: Seit elf Jahren sitzen sie im Rauch und warten auf ihre Behörden. Doch die haben weder Geld noch Interesse. Ein Teufelskreis. "Niemand war da als es bei uns anfing zu brennen", klagt eine Anwohnerin. "Damals hätte man sofort löschen müssen."

Und so sind es nur die Greenpeace-Aktivisten und wenige lokale Helfer, die zäh um jeden einzelnen Brandherd kämpfen. Motiviert, aber manchmal auch resigniert. "Die Einheimischen hier zahlen doch Steuern. Warum ist denn niemand von den Behörden hier, um mit uns zu löschen?", fragt sich Sofia. "Die Feuerwehr kam mit gerade mal zwei Leuten." Nach fünf Tagen haben sie gerade die Hälfte der geplanten Brandherde gelöscht. Etliche werden jetzt den Winter hindurch weiter schwelen.

Stand: 30.10.2017 09:50 Uhr

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