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Saudi-Arabien: Mehr Freiheit für Frauen

Saudi-Arabien: Mehr Freiheit für Frauen

Freier, nur weil sie bald ein Auto lenken darf? "Ja!" freut sich Designerin Rotana Al Hashimi: "Jetzt bin ich endlich frei. Ich kann bald zum Einkaufen fahren, in mein Büro, ganz wie ich will – ich brauche keinen Fahrer mehr". Endlich fällt es, das unsinnige Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Ab Juni 2018 dürfen sie auch im Königreich am Golf autofahren. Für wohlhabende Frauen: ein Befreiungsschlag. Für Andere: eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Nouf Al Subhi, arbeitslos, macht gerade bei einer Stiftung eine Umschulung zur Silberschmiedin. Auch hier tut sich etwas in Saudi-Arabien: Frauen bekommen mehr und mehr Zugang zu Männerdomänen, im Handwerk, in der Industrie oder im Management. Doch um zu ihrem Kurs zu kommen, braucht auch Nouf bislang einen Fahrer, denn öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht in Jeddah. Die 120 Euro im Monat für das Sammeltaxi sponsert ihre Familie. Geld, das sie lieber sparen würde, um irgendwann ein eigenes Auto zu kaufen.

Es herrscht Aufbruchsstimmung bei den Frauen im ganzen Land. "Früher konnten uns die Männer das Leben wirklich schwer machen und uns alles verbieten – jetzt haben wir mehr Rechte und es wird hoffentlich noch weiter aufwärts gehen!" Eine Reportage von Ute Brucker (SWR).

Zwei Männer im Auto.
Bald sitzen hier auch Frauen.

Frauen auf dem Rücksitz – am Steuer das Söhnchen. Tausendfach geklickt veräppelten saudische Webvideos wie dieses das unsinnige Fahrverbot. Mann bremst Frau aus, aber der Gag ist bald veraltet. In acht Monaten darf sie selbst ans Steuer aber Rotana Al Hashimi will ihr Traumauto jetzt schon bestellen. Autoshoppen – das neue Lieblingsvergnügen der wohlhabenden saudischen Frau.  "Ich kann mich dann endlich bewegen, ohne, dass ich ständig auf Jemanden warten muss, der mich chauffiert. Das ganz normale Alltagsleben, ich will zum Einkaufen fahren, ins Büro und wieder nach Hause. Einfach frei sein!"  Frauen haben übrigens bisher auch schon Autos gekauft, sagt der Händler, aber nur für ihre Chauffeure. Zum Selbstfahren macht's natürlich mehr Spass. Und wie findet's die männliche Kundschaft? "Es ist Zeit, dass unsere Frauen selbst fahren dürfen! Und ich hab' dann mehr Freizeit!"

Ausflüge nur in männlicher Begleitung

Auch das ist Saudi-Arabien. Nouf Al Subhi und ihre Schwestern haben keinen ständigen Chauffeur. Bus oder U-Bahn gibt es nicht in Jeddah. Wann immer Nouf aus dem Haus will, muss sie sich einen Fahrer mieten oder Bruder Mazen bitten. Sonntagsausflug an die Küstenpromenade – für Frauen aus der Mittel- oder Unterschicht geht das oft nur in männlicher Begleitung. Nouf will auf jeden Fall den Führerschein machen, schon aus finanziellen Gründen. "Ich will das Geld, das ich bisher für einen Fahrer ausgebe lieber für mich behalten. Das Gesetz macht Sinn: was sollen denn Frauen tun, die keinen Mann oder Bruder haben, wenn sie irgendwohin müssen – Taxi fahren?" Und der Bruder Mazen Al-Subhi ergänzt: "Das neue Gesetz erleichtert vieles. Aber ich persönlich lehne es ab. Ich kann doch meine Familie überall hinfahren."

Rotana al Hashimi
Rotana al Hashimi

Immer noch konservativ viele saudische Männer und die Frauen: traditionell schwarz verhüllt. Rotana al Hashimi kämpft für Farben, denn Schwarz sagt sie, schreibt uns der Koran gar nicht vor. Die selbständige Textildesignerin war vor 10 Jahren eine der ersten, die es wagte, die Abaya, das Traditionsgewand der saudischen Frau, auch in Grün, Rot oder Lila zu entwerfen. Orientiert hat sie sich dabei an den alten, ebenfalls bunten Trachten der Beduinenfrauen. Damals war das noch ein Skandal. "Als ich mit den bunten Abayas anfing, mussten die Frauen ihren Mann noch um Erlaubnis fragen, ob sie das tragen dürften. Mein Gott, dachte ich. Aber die Leute waren echt schockiert: wow eine grüne Abaya, Rot, oder Pink. Das war man einfach nicht gewöhnt." Rotana hat auch ein eigenes Label für edle Gebetsteppiche. Frauen als Unternehmerinnen – in ihren Kreisen gibt es das schon seit einigen Jahren.

Wirtschaftliche Reformen nützen auch den Frauen

Aber jetzt träumt auch Nouf Al Subhi davon. Momentan ist sie arbeitslos und macht eine Umschulung zur Schmuckherstellerin. Angeleitet von einer britischen Goldschmiedin. Der britische Kronprinz Charles betreibt gemeinsam mit einer saudischen Stiftung ein Projekt. Frauen sollen neue Bereiche des Arbeitsmarkts erschlossen werden. Deshalb lernt Nouf, was bislang nur saudischen Männern vorbehalten war: ein Handwerk. "Für die Zukunft wünsche ich mir eine kleine Werkstatt, in der ich selbst unterrichten kann. Um zu zeigen, dass jede saudische Frau in der Lage ist, ein Handwerk auszuüben. Und ich würde gern meinen eigenen Schmuck herstellen." 

Saudi-Arabien im Wandel. Angetrieben durch den Verfall des Ölpreises drängen die Modernisierer im Königshaus auf wirtschaftliche Reformen. Eine Entwicklung, die den Frauen zupasskommt – man kann nicht länger die Hälfte der Bevölkerung zuhause sitzen lassen. Rotanas Familie gehört zur Elite des Landes. Der Vater, erfolgreicher Immobilien-Unternehmer, sieht das Thema als Ökonom ganz pragmatisch: "50% der Bevölkerung sind Frauen – sie müssen eine Rolle in der Gesellschaft spielen", meint Mowaffaq Al-Hashimi. Seine Kinder: in vielem westlich sozialisiert. Rotanas Schwester ist Mutter von drei Kindern aber auch berufstätig. Und ihr Bruder wünscht sich einfach eine moderne Gesellschaft: "Ich denke, Frauen sollten auch in höheren Posten im Business vertreten sein, das bringt uns voran", sagt Mohammed Al-Hashimi. "Der Wettbewerb wird dann härter für Männer, aber das steigert die Produktivität. Ist ja anderswo auf der Welt auch so."

Nouf Al Subhi
Nouf Al Subhi

120 Euro im Monat kostet Nouf der Mietchauffeur, der sie täglich zum Goldschmiedekurs hin- und zurückbringt, unter der Woche hat der Bruder keine Zeit. Geld, das die Familie mühsam zusammenkratzt aus den 400 Euro Rente der Mutter und den Einkommen der Geschwister. Ihr seht ja, dass wir aus einfachen Verhältnissen kommen, sagen sie. Aber auch für uns bewegt sich was. "Wir Frauen haben jetzt mehr Freiheit" sagt Madjida Al-Subhi. "Wenn wir unser eigenes Geld verdienen, müssen wir nicht immer den Mann bitten, dass er uns was gibt." Und Nouf ergänzt: "Wir hatten doch keinerlei Ansehen in der Welt. Niemand wusste etwas über uns saudische Frauen. Jetzt beweisen wir, dass wir alles schaffen können". Aufbruchsstimmung in Saudi-Arabien – die Frauen jedenfalls wollen durchstarten!

Stand: 30.10.2017 08:21 Uhr

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