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Schweden: Das Boot ist voll

Ende des Traums von der Integration?

Schweden: Das Boot ist voll

Die große Brücke über den Öresund – Symbol für das Zusammenwachsen der Länder im Norden. Seit Monaten kommen immer mehr Flüchtlinge über diesen Weg nach Schweden, auf ihrer Suche nach einem neuen Zuhause. Die meisten landen hier, im Hauptbahnhof! Wer noch genug Geld hat, kauft ein Bahnticket. Wer nicht mehr weiter weiß, bittet in der Nothilfestation gegenüber um Unterstützung.

Schwierige Zeiten für den Minister

Morgan Johansson
Morgan Johansson

Um seinen Job beneidet Morgan Johansson niemand in diesen Wochen: Der Minister für Einwanderung muss die vielen Tausend Flüchtlinge irgendwie unterbringen ... und die Helfer weiter motivieren. Hier in Malmö hört er dieselben Geschichten wie überall: Es kommen einfach zu viele!

Einwanderungsminister Morgan Johannsson verdeutlicht die Zahlen: "Seit 2011 haben wir 100.000 Syrer aufgenommen; das sind ein Prozent unserer Bevölkerung. Wenn ganz Europa so handeln würde, könnten wir fünf Millionen syrische Flüchtlinge in Europa aufnehmen."

Europa aber ist weit entfernt von einer Einigung in der Flüchtlingspolitik. Zehntausend Asylsuchende kommen derzeit nach Schweden – pro Woche! Die eigentlich so routinierten Behörden wissen nicht mehr, wie sie die Neuankömmlinge unterbringen sollen.

Minister Johannsson sieht die Aufnahmekapazität am Ende: "Wir haben unsere Grenzen erreicht, das, was wir leisten können. Und wenn es wirklich so sein sollte, dass noch sehr viel mehr Menschen kommen, dann wird es noch schwieriger für uns."

Die Helfer brauchen Hilfe

Auf unserer Reise machen wir uns von Malmö auf dem Weg nach Vänersborg in Mittelschweden. Neben einer Psychiatrischen Klinik und einem offenen Strafvollzug liegt hier Schweden größtes Flüchtlingsheim mit Platz für mehr als 1400 Menschen, die hier bis zu anderthalb Jahren auf ihren Asylbescheid warten müssen.

Bei der Essensausgabe
Bei der Essensausgabe

Weil das Einwanderungsamt und auch der private Betreiber die Essensausgabe nicht mehr organisieren konnten, verteilt jetzt eine Flüchtlingsselbsthilfegruppe den Mittagstisch – in grossen Familienportionen. "Support", auf Deutsch "Unterstützung" nennen sie sich. Der Syrer Adnan Abdul Ghani hat "Support" vor gut einem Jahr gegründet: "Es gab einfach nicht genug Mitarbeiter, um die Mahlzeiten zu verteilen, bei der Behörde. Auch für die anderen wichtigen Tätigkeiten fehlt es an Personal. Deshalb sind wir gefragt worden, ob wir das übernehmen können."

Die Selbsthilfegruppe organisiert eine Menge Aktivitäten für die Flüchtlinge in Vänersborg. Wer nichts zu tun hat, wird schnell frustriert, in den Unterkünften, haben sie hier erkannt. Deshalb wollen sie die Menschen beschäftigen, weil die Behörden chronisch überlastet sind.

Adnan Abdul Ghani erklärt den Ansatz: "Wir Flüchtlinge können die Asylverfahren nicht beschleunigen. Aber wir können die Wartezeit sinnvoll gestalten."

Wartezeit sinnvoll gestalten

Einer der beliebtesten Treffpunkte: der Haarsalon. Niemand hat Geld für einen Friseurbesuch, deshalb frisieren sich die Frauen gegenseitig. Den ganzen Tag über wird hier geschnitten und geföhnt – kostenlos! Die Ausstattung: eine Spende aus der Nachbarschaft.

Adnan Abdul Ghani zeigt uns noch den Tanzkurs. Damit die Kinder den Tag über nicht Trübsal blasen, haben die Flüchtlinge diese Gruppe gegründet: für die Jungen und Mädchen – Höhepunkt des Tages!

Olga aus der Ukraine übt sechs Mal pro Woche mit ihnen, will demnächst sogar auftreten. "Alles ist besser, als einfach nur herumzusitzen", sagt Adnan: "Und die überforderten Behörden sind froh über alles, was wir ihnen abnehmen."

Aggression gegenüber Flüchtlingen

Spuren des Brandanschlags
Spuren des Brandanschlags

Nicht überall in Schweden sind Asylsuchende noch willkommen. Die Stimmung wird aggressiver, wie in Deutschland. Diese Schule bei Stockholm sollte demnächst eigentlich als Unterkunft genutzt werden. Unbekannte haben hier Feuer gelegt. Der Sicherheitsdienst entdeckte den Brand, deshalb ist der Schaden gering. Fast ein Dutzend Gebäude sind in den vergangenen Wochen angezündet worden, deshalb halten die Behörden ihre Pläne inzwischen geheim. Gona Graufelds von der Einwanderungsbehörde beschreibt die Lage: "Es hat sich viel verändert: Bisher gab es keine Aggression gegenüber Asylsuchenden. In den Neunzigern haben wir das zum letzten Mal erlebt. Seitdem war es immer friedlich."

Gona Graufelds
Gona Graufelds

Immer weniger Vermieter wollen ihre Objekte als Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen, hören wir von Gona Graufelds: "Uns fehlen inzwischen Angebote von Immobilienbesitzern, von denen wir Unterkünfte mieten könnten. Deshalb gehen wir jetzt direkt auf die Städte und Gemeinden zu, bitten sie um Schulen und Sporthallen."

Kein gutes Zeichen für eine Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten für ihre Willkommenskultur rühmt.

Unterkunft 200 Kilometer nördlich des Polarkreises

"Ich mag den Platz eigentlich. Es ist aber so weit weg."
"Ich mag den Platz eigentlich. Es ist aber so weit weg."

Wir fahren ganz weit in den Norden, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, zur letzten Station unserer Reise. Riksgränsen heißt der Flecken. Vor einigen Tagen sind mehr als 600 Flüchtlinge in dieses Skihotel gebracht worden, nach einer 24-Stunden-Odyssee im Überlandbus! Die meisten kommen aus Syrien, und fragen sich, was sie hier oben eigentlich sollen: "Als wir angekommen sind, waren wir schon ziemlich geschockt als wir hörten, dass wir ganz in den Norden müssen. Wir sind die Kälte doch nicht gewöhnt." "Ich mag den Platz eigentlich. Es ist aber so weit weg."

Ein Jahr lang war Marwan Arkawi unterwegs, auf der Balkanroute. Auch er kommt aus Syrien. Schweden, sagt er, sei von Anfang an sein Ziel gewesen. Dass er aber an einem Ort wie diesem landen würde, hat er sich nicht vorstellen können: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so nah an den Nordpol komme. Ich hatte sogar etwas Angst, weil ich fürchtete, sie bringen uns hierhin und kümmern sich dann nicht mehr um uns."

36 Stunden vor Ankunft der ersten Flüchtlinge erfuhr das Hotelpersonal von den ungewöhnlichen Gästen. Eigentlich öffnen sie hier erst zur Skisaison im Februar. Die Anfrage der Regierung kam kurzfristig. Jetzt müssen sie 600 Menschen versorgen. Ansonsten passiert nicht viel. Die Tage sind lang, wenn man nicht weiß, wie man sich beschäftigen soll. Und die Einwanderungsbehörde lässt sich nur zwei Mal in der Woche sehen.

Marwan Arkawi will studieren, Ingenieur werden. Dass es viel Zeit braucht, um in Schweden anzukommen, hat er inzwischen begriffen, sehr viel mehr Zeit, als er gedacht hatte: "Es wird zehn Jahre dauern, vielleicht etwas weniger. Wir müssen uns ja erst in die Gesellschaft einfinden, Schwedisch lernen, ganz neu anfangen, eine eigene Wohnung suchen."

Seine Zukunft wird der 22-Jährige hier allerdings nicht beginnen können. Denn spätestens in vier Monaten müssen alle Flüchtlinge das Skihotel am Polarkreis wieder verlassen. Dann kommen die zahlenden Gäste. Dann gibt es keinen Platz mehr für die Asylsuchenden, auch nicht an diesem Ende der Welt.

Autor: Clas Oliver Richter, ARD Stockholm

Stand: 03.11.2015 16:05 Uhr

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