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Schweiz: Flüchtlinge in die Bunker

Schweiz: Flüchtlinge in die Bunker

Tagsüber ist es ein Leben zwischen Beton und Mülltonnen. Tristesse pur. Hier aber sind sie sicher. Asanthan und Shafrin flohen aus Sri Lanka, hatten Angst um ihr Leben als Anhänger der tamilischen Opposition. Sie sind froh, in der Schweiz zu sein. Eines aber bedrückt sie: Jede Nacht müssen sie wieder runter.

Der Bunkereingang
Der Bunkereingang

Der Eingang zum Bunker liegt neben einer Schule mitten in einem Wohngebiet von Lausanne: viele Familien und Kinder. Nach einer Stahltür führt eine Betontreppe unter die Erde. Ein Abstieg in eine beklemmende Welt. Hier leben sie auf engstem Raum ohne Fenster, ohne frische Luft. Mehr als 50 Asylbewerber schlafen hier jede Nacht dicht auf dicht oder versuchen es zumindest. Die erste Nacht war für Shafrin ein Horrortrip.

Shafrin
Shafrin

Shafrin, Asylbewerber: "Ich musste viel weinen. Es ging mir nicht gut. Ich konnte ohne frische Luft nicht schlafen, hatte Probleme zu atmen."
Ein anderer Mann sagt: "Die Belüftung ist überlastet, wir schwitzen alle, es ist zu heiß."

Zu wenige Sanitäreinrichtungen

Ein wenig Abkühlung immerhin gibt es im Waschraum. Der aber ist oft hoffnungslos überfüllt. An Privatsphäre ist nicht zu denken: zwei Duschen, drei Toiletten – das muss für alle reichen.

Asanthan: "Wir kämpfen hier. Um halb Sieben werden wir von den Leuten geweckt. Dann müssen wir ewig Schlange stehen im Waschraum. Es gibt einfach nicht genug Platz."

Viele hier flohen vor Leid und Folter aus Eritrea, Gambia, Nigeria. Nach einer langen Odyssee sind sie nun also in der Schweiz gestrandet in der vagen Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit einer solchen Bleibe aber hat wohl keiner gerechnet.

Ein anderer Mann sagt ironisch: "C’est le Bunker de la Suisse! Voila! Das ist der Bunker der Schweiz – das ist es!“

Shafrin: "Wir sind in der Schweiz und müssen in einem Bunker leben. Ich dachte, wir werden draußen in einem normalen Gebäude untergebracht. Als ich das hier zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich es nicht begreifen."

Eine Notlösung, die aber zu lange dauert

Schon jetzt leben weit mehr als tausend Asylbewerber unter der Erde, Tendenz stark steigend. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Schweiz unterkellert: Tausende Bunker, die heute nutzlos sind, wäre da nicht der steigende Zustrom von Asylbewerbern, mit denen die Behörden kaum fertig werden.

Erich Dürst
Erich Dürst

Erich Dürst, Direktor Empfangsstelle für Migranten, Kanton Waadt: "Es ist eine Notlösung. An und für sich keine sehr gute Lösung natürlich, aber einfach die einzige, die wir zur Hand haben kurzfristig, um unsere Aufgabe erfüllen zu können."

Flüchtlinge im Gemeindesaal
Flüchtlinge im Gemeindesaal

Über der Erde ist die Millionärsdichte so hoch wie kaum in einem anderen Land. In Genf prägen Luxus und Überfluss das Straßenbild. Es gibt freie Büroräume und öffentliche Gebäude, meint zumindest eine Gruppe von Asylbewerbern. Sie haben kurzerhand einen Gemeindesaal besetzt, weigern sich, unter die Erde zu ziehen. Die Stadt lässt sie gewähren, vorerst. Aus Angst vor Repressalien wollen sie anonym bleiben.

Protest der Flüchtlinge

Ein Flüchtling sagt: "Wir haben uns geweigert, in den Bunker zu gehen, weil wir Menschen sind. Wir müssen doch wenigstens einen anständigen Schlafplatz haben. Es ist erniedrigend, uns in eine Anlage zu sperren, die für Kriegszeiten gebaut wurde."

Ihnen reichen ein paar alte Matratzen auf hartem Parkett. Im Gemeindesaal regiert das Chaos: Eine improvisierte Küche, eine Dusche für alle. Und doch ist das besser als ein Leben im Bunker.

Pablo Cruchon
Pablo Cruchon

Pablo Cruchon von der Initiative "No Bunker" kritisiert die Unterbringung in Bunkern: "Wenn es nur für eine Nacht wäre, wäre das kein Problem. Wir haben aber etliche Asylbewerber, die sechs, acht Monate, ein Jahr in einem Bunker verbracht haben. Alle Psychiater, Ärzte, selbst das Anti-Folter-Komitee der Schweiz sagen, das sei eine körperliche und geistige Misshandlung."

Was das heißt, erfährt Asanthan nun schon seit fünf Monaten. Seine Flucht aus Sri Lanka führte den 24-Jährigen über Katar, Kenia, die Türkei und im März dann schließlich in den Bunker.

Asanthan ist verzweifelt: "Ich kann nicht mehr zurück. Aber hier kann ich auch nicht bleiben. Ich weiß nicht, wie es weitergeht."

Nach einer kurzen Nacht darf er jetzt wieder nach oben mit seinem Freund Shafrin. Endlich frische Luft und Sonne, wenigstens für ein paar Stunden. Abends dann wartet wieder der Bunker auf sie.

Autor: Daniel Hechler, ARD Genf

Stand: 18.08.2015 12:58 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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