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Somaliland: Verzweifeltes Warten auf den Regen

Somaliland: Verzweifeltes Warten auf den Regen

Der blaue Himmel ist wie ein Fluch. Ein Fluch, der alles aussaugt – im Osten von Somaliland. Und auch wir sehen nur Trockenheit – nichts als Trockenheit. Dieser Fluss hat schon seit zwei Jahren kein Wasser mehr. Und je weiter wir kommen, desto beißender wird er – der Gestank nach Verwesung. Abdullahi Bahnau hat seine Tiere eines nach dem anderen sterben sehen. 40 Kamele hatte er und 50 Ziegen und Schafe. Außer sechs Ziegen ist ihm nichts mehr geblieben. Sein ganzer Reichtum liegt hier. Das, womit er seine Familie einst ernährt hat. "Früher haben wir die Tiere verkauft und haben uns damit unser Essen, unser Wasser gekauft. Und die Kleidung für die Kinder. Aber jetzt sind alle unsere Tiere tot. Wir haben alles verloren", erzählt er. "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wir hatten früher auch Dürren – aber diese Dürre hat uns nichts übrig gelassen."

Nichts außer einem Kilo Mehl

Ein Mann in karger Landschaft.
Viele Menschen leben wie Abdullahi Bahnau von der Viehzucht, doch aufgrund der Trockenheit sterben ihnen die Tiere weg.

Abdullahi Bahnau ist über 100 Kilometer gewandert. Auf der Suche nach Wasser und Futter. Aber nirgendwo gibt es einen einzigen grünen Strauch. Seit zwei Jahren hat es hier nicht mehr geregnet. Seine Familie hat keine Kraft mehr weiterzuziehen. Abdullahi Bahnaus Frau hat nur noch in Kilo Mehl zu essen. Sonst nichts. Eine Nachbarin aus dem Dorf hatte Mitleid mit ihnen. Aber sie habe kein Wasser, um damit etwas zu kochen. "Als wir noch die Tiere hatten, konnte ich den Kindern Milch und Butter geben", sagt Ismahan Bahnau. "Doch jetzt haben wir nichts mehr – nur trockenes Mehl. Was anderes habe ich nicht. Ich weiß, dass meine Kinder davon Bauchschmerzen bekommen. Vor allem mein Kleines."

Beten und auf Regen warten

Eine Frau und mehrere Kinder.
Ismahan Bahnau und ihre Kinder hoffen auf Hilfe.

Die Eltern machen sich furchtbare Sorgen um ihre Kinder. Aber sie haben kein Geld für ein Busticket in die Stadt – zum Krankenhaus. Sie sitzen hier unterm Baum, sagen sie, beten und warten auf den Regen. Im Dorf verteilt eine lokale Hilfsorganisation Geld an die Ältesten. Die sollen es dann unter ihren Familien aufteilen. 85 Dollar pro Person, gespendet von der Kindernothilfe. Die Hilfsorganisationen probieren neue Wege aus. Geld statt einem Sack Mehl. Weil die Menschen selber besser wissen, was sie brauchen. Doch die Hilfe reicht hinten und vorne nicht. Und die Zahl der Menschen, die Unterstützung brauchen, steigt.

Wenig Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft

Kinder und eine Frau sitzen auf ausgedürrtem Boden.
Shafagh Laghai hat in Somaliland viele Menschen getroffen, die durch die Dürre alles verloren haben.

Als wir im nächsten Dorf ankommen, versammelt sich sofort eine Menschenmenge. Sie hoffen, dass die Mitarbeiter der Hilfsorganisation etwas mitgebracht haben. Für die ist die Lage auch schwer zu ertragen. "Es bricht einem das Herz, es ist sehr traurig", sagt Muna. "Die Hilfe, die wir leisten, ist sehr gering. Es kommt auch sehr wenig Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft. Aber wenn wir nicht bald mehr tun, werden wir hier eine schwere Hungersnot haben." Ein Grund für die fehlende internationale Hilfe ist, dass Somaliland sich vor 26 Jahren für unabhängig erklärt hat. Vom ewigen Krisen-Nachbarn Somalia. Das kleine Land hat es geschafft, friedlich und stabil zu sein. Aber niemand erkennt die Unabhängigkeit an. Und so kommt kaum Hilfe von außen. Unterdessen strömen mehr und mehr Dürreflüchtlinge in die Dörfer. In Somaliland sollen keine Camps entstehen, so will es die Regierung. Damit sich keine Krankheiten verbreiten. Und kein Terror. Die Last tragen die Dorfbewohner. "Die Vertriebenen leben jetzt alle bei anderen Familien. Unser Dorf ist voll, wir stapeln uns in den Hütten. Und wir hatten vorher schon nicht viel", sagt eine Frau. Was sie denn nun tun wollen, fragen wir. "Was sollen wir denn schon tun? Wenn es nicht bald regnet, dann ist es für uns das Ende des Lebens auf dieser Erde."

Schmaler Grat zwischen Leben und Tod

Eine Frau und ein Kind.
Im Krankenhaus von Burao warten viele Kinder auf Hilfe.

Im Krankenhaus von Burao ist er schon schmal – der Grat zwischen Leben und Tod. Vor allem für die vielen mangelernährten Kinder. Die Kleinen haben meistens auch noch Lungenentzündungen, Masern oder Durchfall. Krankheiten, die für sie tödlich verlaufen können. Auch der kleine Ayanle kämpft ums Überleben. Er wurde ausgesetzt – in einem der Dürre-Dörfer. Saado Daher hat ihn aufgenommen und ist schon seit 26 Tagen mit ihm im Krankenhaus. Die Hälfte seines Lebens. Sie hat ihn Ayanle genannt – glücklicher Mann. "Die Internationalen Organisationen zählen nur die Toten, die vor Hunger sterben", sagt Yusuf Ali, Klinischer Leiter im Krankenhaus Burao. "Noch sind das nicht so viele. Aber wir haben mittlerweile Hunderte Patienten, die sterben, weil sie Infektionen haben – als Folge der Dürre." Der einzige Kinderarzt ist ein syrischer Flüchtling. Sie seien froh, ihn hier zu haben, sagt der Klinische Leiter Ali. Denn ansonsten ist ihre Ausstattung kärglich. Dabei ist es das größte Krankenhaus in der Dürre-Region. Mit einem Einzugsgebiet von zwei Millionen Menschen.

Regierung hat ein Geldproblem

Ausgetrockneter Fluss
An dieser Stelle war einmal ein Fluss. Seit zwei Jahren ist er ausgetrocknet.

Und was tut die Regierung von Somaliland? Die hat ein Geldproblem. Um das zu verstehen, sollen wir uns den Viehmarkt anschauen. Komplett leer. Dabei lebt Somaliland vom Viehhandel. 75 Prozent der Staatseinkünfte kommen über Steuereinnahmen aus dem Export. Etwa 70.000 Tiere im Monat hätten sie vor der Dürre exportiert, sagt Nashwam Al-Qabili. Die meisten Viehhändler hätten schon dicht gemacht. "Ich hatte 50 Angestellte", erzählt er. "Jetzt habe ich nur noch zwölf. Diese Dürre ist eine wirtschaftliche Katastrophe für Somaliland. Wenn das so weitergeht, müssen auch wir zu machen." Viele Somaliländer spüren, dass sie zu abhängig von der Viehzucht sind. Auch Abdullahi Bahnau sagt, wenn sie diese Dürre überleben, dann sollen seine Kinder zur Schule gehen. Und eine andere Perspektive im Leben haben als er. Doch um zu überleben müsste endlich mehr Hilfe ankommen.

Autorin: Shafagh Laghai, ARD-Studio Nairobi

Stand: 03.04.2017 16:11 Uhr

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