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Südsudan: Der gescheiterte Staat

Südsudan: Der gescheiterte Staat | Bild: SWR

Erst 2011 erlangte der Südsudan die Unabhängigkeit. Hoffnungsvoll war der junge afrikanische Staat gestartet. Doch heute herrscht Bürgerkrieg: Der blutige Machtkampf zwischen Regierung und Rebellen hat Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Der Südsudan ist als Staat gescheitert und kann seine eigenen Bürger nicht schützen und auch nicht mehr ernähren. UN-Blauhelme, UNICEF und das Welternährungsprogramm der UN versuchen, die Not zu lindern und ein Mindestmaß an Infrastruktur aufrechtzuerhalten.

Volker Schwenck, Studio Kairo

Ihre Waffen sollen Frieden bringen. Blauhelmsoldaten aus Nepal patrouillieren in einem Flüchtlingslager im Südsudan. In dem afrikanischen Land tobt ein mörderischer Machtkampf, der mittlerweile Züge eines Stammeskrieges angenommen hat. "Den Menschen im Lager droht Gefahr von anderen Volksgruppen da draußen", erklärt Captain Devraj Bhatt von den nepalesischen Streitkräften. "Hier leben Angehörige ganz unterschiedlicher Stämme aus dem ganzen Land."

Das Land versinkt im Krieg

Flüchtlingslager Bentiu
Flüchtlingslager Bentiu | Bild: SWR

Mehr als zwei Millionen Menschen wurden durch die Kämpfe vertrieben, gut 130.000 haben sich dem Schutz der Vereinten Nationen anvertraut. Südsudan versinkt im Krieg – kann die Weltgemeinschaft Frieden stiften? Niedergebrannte Siedlungen, die Bewohner verschwunden. Blauhelmsoldaten auf dem Weg zum UN-Lager Bentiu. 70.000 Menschen sind hierher vor den Kämpfen zwischen Regierung und Rebellen zu den Blauhelmen geflohen. Viele Frauen, viele Kinder – kaum Männer. "Manche Männer sind bei den Rebellen, manche verstecken sich im Busch und viele wurden von Regierungssoldaten der SPLA einfach umgebracht," sagt die Frau.

In Bentiu leben vor allem Nuer – diese Jungs sind Nuer und auch der Anführer der Rebellen gehört zum Nuer-Stamm. Der regierende Präsident ist ein Dinka – und so kommt es seit Beginn des Bürgerkriegs immer wieder zu Gewalt zwischen beiden Stämme. Die Kinder kneten, was sie täglich sehen: Männer mit Waffen. "Wir werden uns an den Dinka rächen", sagt ein Junge. Die Spirale aus Hass und Gewalt dreht sich immer weiter.

Es trifft vor allem Frauen und Kinder

Menschen im Flüchtlingslager Bentiu
70.000 Menschen haben Schutz bei der UNO gesucht. | Bild: SWR

Die Nuer aus Bentiu leben mittlerweile im UN-Lager. Sie haben Angst vor Übergriffen draußen. Bentiu ist Frontstadt. Mal in der Hand der Rebellen, zurzeit unter Kontrolle der Regierung – und damit der Dinka. "Vor der Krise, vor 2013, war das hier eine schöne Stadt", sagt Oberstleutnant Robert Harz von der Bundeswehr. Es gab hier Handel und soziales Leben. Das ist durch den Krieg alles zerstört worden." Oberstleutnant Robert Harz ist militärischer Verbindungsoffizier bei der UN-Mission im Südsudan. Er hält Kontakt zu beiden Parteien, fährt Patrouille und dokumentiert Massaker, Vertreibungen, Überfälle. Vor gut einem Jahr hatten die Rebellen Bentiu überrannt und mindestens 350 Menschen regelrecht abgeschlachtet. Südsudans Regierung zeigt dem deutschen Offizier bereitwillig die Spuren der Gräueltaten. Es waren keine Kämpfer, die da sterben mussten. Es waren Dinka, einfacher Regierungsmitarbeiter, oder Menschen, die sich nicht laut genug über den Sieg der Rebellen gefreut hatten. Frage: Was schockiert sie am meisten in diesem Land? "Dass Zivilisten, Frauen, Kinder, die Hauptbetroffenen von diesem Krieg sind. Das schockiert mich am meisten."

Tag für Tag kommen neue Flüchtlinge ins Lager. Die meisten von ihnen berichten von Gräueltaten von Regierungssoldaten der SPLA. Haltlose Lügen, heißt es von Regierungsseite. Doch UNICEF-Mitarbeiter haben zu viele ähnliche Berichte gehört, um sie alle für erfunden zu halten. Sie erzählt, wie die Soldaten an der Wasserstelle im Dorf ein Mädchen erschossen weil es sich nicht ein drittes Mal vergewaltigen lassen wollte. "Es geht dabei darum zu verhindern, dass der jeweils andere Stamm irgendwann später Rache nehmen kann", erklärt Sylvester Morlue von UNICEF. Ein zehn Jahres altes Mädchen zu vergewaltigen – das hat nichts mit sexuellem Verlangen zu tun. Da soll die Zukunft des Mädchens zerstört werden."

Die UNO kann das Land nicht retten

Beobachtungsturm der UNO
Selbst im Lager der UNO sind die Flüchtlinge nicht sicher. | Bild: SWR

Henrik Hebo ist Polizist aus Norwegen. Die Flüchtlinge haben schreckliches erlebt. Sie sollen sich wenigstens im Lager sicher fühlen. Doch jede Nacht kommen Bewaffnete ins Lager, klagen Flüchtlinge. Und die UN-Polizei – machtlos. "Es gibt leider keinen Zaun, sagt der Polizist, und das ist nur eines der Probleme. Es ist so einfach etwa für Regierungssoldaten von der SPLA, hier Leute auszurauben oder Flüchtlinge zu bedrohen". Die UN-Sicherheitskräfte im Lager haben Schlagstöcke, die Eindringlinge Kalaschnikows. Ein ungleicher Kampf. Mein ganz persönliches Ziel ist: wenn ich wenigstens für ein paar Leute hier im Südsudan irgendetwas Gutes tun kann – dann hat es sich gelohnt, hier zu sein." Die UN-Truppen können die internen Probleme des Landes nicht lösen. Die Vereinten Nationen können das Land nicht retten. Aber niemand will sich vorstellen, wie es den Menschen dort ginge, wenn die Blauhelme nicht hier wären.

Stand: 23.06.2015 09:15 Uhr

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