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Südafrika: Die Heimkehr der Fachleute

Südafrika: Die Heimkehr der Fachleute

Wer was werden will, geht ins Ausland. Das ist in vielen Entwicklungs- oder Schwellenländern ein ungeschriebenes Gesetz. Auch aus dem südlichen Afrika sind jahrzehntelang die besten Schul- und Hochschulabsolventen abgewandert nach USA oder Europa, und meist auch dort geblieben. Eine Agentur in Johannesburg hat nun eine Bewegung in die umgekehrte Richtung angestoßen: 1.000 hochqualifizierte Fachleute hat sie zurück geholt ins südliche Afrika.

Der Architekt Sai Chalamanda zum Beispiel hat es noch keinen Tag bereut, in seine Heimat Malawi zurückgekehrt zu sein. Hier sind Geschäftsideen noch neu, die anderswo schon zum Mainstream gehören, sagt er. Doch längst nicht überall in der Region haben gute Köpfe auch gute Chancen: Der Ingenieur Shelton Siziba will seine Heimat Simbabwe lieber heute als morgen hinter sich lassen – er arbeite nicht für sich, sondern für seine Kinder, sagt er. Und denen will er eine Chance bieten.

Ein Bericht von Thomas Denzel (ARD-Studio Johannesburg)

Archiktekt Sai Chalamanda
Sai Chalamanda: "Alte Geschäftsideen funktionieren in Afrika"

Manchmal könne er seinen Erfolg selbst nicht fassen, sagt Architekt Sai Chalamanda. Er hat den Auftrag bekommen dieses Krankenhaus zu planen – und das hier in seiner Heimat Malawi – einem der ärmsten Länder der Welt. Vor 16 Jahren war er nach England ausgewandert – damals hatte er in Afrika keine Zukunft für sich gesehen. "Es ist schwierig in Malawi Geschäfte zu machen", erklärt Sai Chalamanda, "Für Projekte braucht man als Unternehmensgründer Geld von der Bank – und die Zinsen hier sind mit um die 30 Prozent einfach zu hoch. Als ich wieder zurück nachhause kam, war meine Strategie deshalb erst einmal klein anzufangen."

Zurück in der Heimat gründete Sai im brachliegenden Industriegebiet von Lilongwe seine eigene Firma. Zunächst bot er Fotokopierdienste an. Das Geschäft lief gut, obwohl in Malawi die Hälfte der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag lebt. Später begann Sai T-Shirts zu bedrucken, die ersten Großaufträge kamen. Mit dem Gewinn baute er ein eigenes Architekturbüro auf. "Malawi ist noch ein Entwicklungsland", erklärt Sai Chalamanda. "Aber darin liegt auch eine Chance. Denn Geschäftsideen, die anderswo, zum Beispiel in England oder den USA, schon alt sind – die funktionieren hier, weil sie hier noch neu sind."

Agentur holt Fachkräfte aus dem Ausland zurück

Eine Zukunft in Afrika bietet diese Agentur in Johannesburg denen, die bereit sind, nach ihrer Qualifizierung im Ausland zurück zu kehren. Die Agentur führt eine Kartei von hochqualifizierten Afrikanern, die ausgewandert sind. Ihre Kunden: Firmen in der afrikanischen Heimat, die Mitarbeiter suchen, die den Kontinent kennen Fast Dreiviertel aller afrikanischen Hochschulabsolventen arbeiten in Übersee – immerhin 1.000 davon hat Angel Jones mit ihrer Agentur schon zurückgeholt – Menschen, die oft nicht nur wegen eines guten Jobs zurückkommen. "Für mich war es der blaue Himmel, den ich hier jeden Morgen sehe", sagt diese Rückkehrerin Elmarie Goosen. Sie und Angel können ihre Rührung nicht verbergen - es gehe eben um mehr als nur ums Geschäft. "Meine Kunden aber haben ganz handfeste Gründe dafür Mitarbeiter aus der Heimat zu suchen", erklärt Angel Jones von der Agentur "Homecoming Revolution". "In Afrika geht es in der Geschäftswelt sehr oft um Beziehungen. Deshalb wollen die Firmen hier Leute mit internationaler Erfahrung, die aber außerdem auf dem Markt hier Kontakte haben."

Mitarbeiterinnen einer Headhunter-Agentur am Schreibtisch
Agentur bringt mehr als 1.000 Fachkräfte zurück

Kontakte, die hat Shelton Siziba zwar und sogar einen guten Job als Ingenieur – doch wenn er mit dem Sammeltaxi durch Zimbabwes Hauptstadt Harare fährt, dann wird er ständig daran erinnert warum er trotzdem das Land verlassen will. Zimbabwe befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise – wer die Chance hat wandert aus. Schlaglöcher überall – selbst hier in der Hauptstadt. Und am Straßenrand wird Geld getauscht – staatliche Schuldscheine sind die neue Währung – doch in vielen Läden werden nur US Dollar akzeptiert. "Ich lebe nicht nur für mich selbst, sondern für meine Kinder", sagt Shelton Siziba, "Und die Schulen hier sind einfach zu schlecht. Dazu kommt, dass mein Verdienst nur gerade so ausreicht."

Schlechte Perspektive für die Mittelschicht

Shelton gehört zur jungen gebildeten Mittelschicht in Zimbabwe – und die scheint das Land komplett zu verlieren. Schon seit Monaten plant er auszuwandern. Viele seiner Kollegen seien längst schon weg – sagt Shelton. Seine beiden Söhne, seine Frau und er führen ein für zimbabwische Verhältnisse gutes Leben – doch sie träumen von mehr. Von einer Zukunft in Australien – aber auch über Kanada oder Deutschland haben sie schon nachgedacht. "Man verdient dort gut als Ingenieur", sagt Shelton Siziba, "Ich werde etwas sparen können und dieses Geld dann in die Ausbildung meiner Kinder investieren. Und dann hoffe ich mich irgendwann einmal selbständig machen zu können."

Straße in der Hauptstadt von Zimbabwe
Harare: Wirtschaftskrise in Zimbabwe

In Zimbabwe sieht Shelton dafür keine Chance. Keine Agentur der Welt, so sagt er, könne ihn davon überzeugen zu bleiben oder später einmal zurückzukommen. "Wenn ich jemals wieder zurückkomme, dann nur zu Besuch", sagt Shelton Siziba. "Ich kann mir hier nicht einmal leisten, ein Haus zu bauen. Ich wohne zur Miete. Ich werde also gehen und allenfalls für einen Urlaub zurückkommen – nicht um zu bleiben."

Ein stattliches Haus mit Garten - Die Rückkehr nach Malawi hat sich gelohnt, sagt dagegen der Architekt Sai Chalamanda. In seinem Fall brauchte es keine Agentur, die ihn von Zuhause überzeugt – es war seine Frau Joan, die ihm Mut machte. Sie war in Malawi zurückgeblieben als er nach England ging. "Weil er zurückgekommen ist, haben seine Mitarbeiter jetzt Jobs – es war also die richtige Entscheidung", sagt Joan Chalamanda. "Es war nicht nur gut für uns, sondern auch für andere Familien. Ich will mir nicht vorstellen wie es diesen Leuten heute gehen würde ohne ihn."

Für ihre Familie jedenfalls liege die Zukunft in Malawi, sagen Joan und Sai – und sie sind überzeugt: nur die Einheimischen selbst werden es am Ende schaffen die Wirtschaft Afrikas voranzubringen.

Stand: 02.10.2017 19:34 Uhr

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