Inhalt.
Hauptnavigation.
Suche.
Bildunterschrift:
Mit der Ankunft der weißen Siedler vor 200 Jahren beginnt der Niedergang der Aborigines
]
Das Jahr 2013 soll in Australien ein historisches Jahr werden. Zum ersten Mal soll in der Verfassung anerkannt werden, dass die „Aborigines“ die Ureinwohner des Kontinentes sind. Ein Akt der Versöhnung mit einer Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrhunderten unter Diskriminierung und Ausgrenzung leidet. Trotz milliardenschwerer Hilfsprogramme leben die meisten Aborigines weiter in ärmlichen Verhältnissen. Ihre Gemeinden haben mit Alkoholismus und Alltagsgewalt zu kämpfen. Eine Reportage von Norbert Lübbers, ARD Singapur
Agnes Armstrong ist eine mutige Frau. Sie will uns ihr Zuhause zeigen. Ein Zuhause, das so gar nicht in die Hochglanz-Reiseprospekte Australiens passt. Statt Didgeridoo und Boomerang - ein rauer Alltag zwischen Bier und billigem Schnaps. Es ist 10 Uhr morgens. Ihr Mann, die Brüder und Cousins sind schon lange mehr nicht nüchtern. “Ich versuche, was ich kann. Aber es ist früh am Morgen. Sie streiten sich und sind betrunken. Morgen kann ich vielleicht mit ihnen reden, dass das so nicht geht!” Agnes ist vom Stamm der Miriwoong. Stolz auf ihre Herkunft. Und sie will kämpfen, nicht länger zuschauen müssen. Doch gegen die Alkoholexzesse und Handgreiflichkeiten ist sie oft hilflos. Ein Erfolg ist es schon, wenn sie es schafft, ihren Enkel Bryan regelmäßig in die Schule zu schicken!
Bildunterschrift:
Agnes Armstrong
]
Wir sind in Kununurra. Eine Kleinstadt im Nordosten des Bundesstaates Western Australia 5.000 Einwohner. Die Hälfte von ihnen Aborigines. Chris Griffiths ist hier geboren. Auch er ein Miriwoong. Der Mann für alles, die gute Seele von Kununurra. Jeden Morgen macht er seine Runde, um einige alte Damen wenigstens für ein paar Stunden aus ihrem tristen Alltag zu herausholen. “Das ist schon manchmal hart hier. Viele hier trauen sich erst gar nicht nach einem Job zu fragen. Sie haben keine Schulbildung und kommen einfach nicht in dieser Welt klar. Und dann geben sie sich auf!”
Bildunterschrift:
Die Alten hoffen auf eine bessere Zukunft der Kinder
]
Agnes Armstrong will sich nicht aufgeben. Vor Jahren hat sie mit dem Trinken aufgehört und ist die einzige in ihrem Haus, die sich für einen Job zurecht machen muss. Für Chris ist das Ganze mehr als ein Fahrerjob. Er will von den alten Frauen lernen und ihnen zeigen, dass ihre Herkunft und Tradition der Schlüssel zum Erfolg sind! “Sobald Du Teil einer Gruppe bist, bist Du Teil einer Familie. Und in dieser Familie spürst Du, dass Dein Herz manchmal stärker schlägt als gewöhnlich!” Wir begleiten Agnes zum Künstlerzentrum. Nicht nur hier ist sie eine geachtete Malerin. Ihre Bilder werden in ganz Australien verkauft. Die Hälfte der die Erlöse geht an die Frauen wie sie. Damit unterstützen sie ganze Familie unterstützen. Im Nebenraum: Jarita, ihre Mutter Gloria und Großmutter Phyllis. Jarita ist eine der wenigen jungen Frauen hier. Sie malt das Land ihrer Vorfahren. Eine mythische Welt, die sie nur aus alten Erzählungen kennt. “Meine Mutter, meine Oma, meine Urgroßeltern. Sie alle kommen von dort.” Jahrhunderte altes Wissen - weitergeben von Genration zu Generation. Es sind Grundrisse, Karten der Vergangenheit. Ein Stück Heimat, das es so nicht mehr gibt und jetzt in den Bildern weiterlebt. “Ich habe mit dem Malen angefangen, als ich noch ein kleines Mädchen war“, sagt Phyllis Ningamara, Glorias Schwiegermutter. „Ich sehe meinen Vater noch vor mir. Mit dem Didgeridoo, wie er gemalt und geschnitzt hat!”
Bildunterschrift:
Die Aborigines haben hier schon vor 40.000 Jahren als Nomaden gelebt und gejagt
]
Ihre alte Heimat. Die Kimberleys. Ein raues Stück Natur. Aborigines haben hier schon vor 40.000 Jahren als Nomaden gelebt und gejagt. Mit der Ankunft der weißen Siedler vor 200 Jahren beginnt der Niedergang. Die Ureinwohner werden vertrieben. Ermordet. Und das Land verliert durch Staudämme, Landwirtschaft und Bergbau sein Gesicht! Heute leben die meisten Miriwoong in der Stadt, doch angekommen sind sie nicht. Die Kluft zwischen weißen Australiern und Ureinwohnern ist nach wie vor riesengroß. Aborigines sterben im Schnitt 17 Jahre früher. Sie brechen öfter die Schule ab, landen eher im Gefängnis. Fast 50 Prozent sind arbeitslos. Die Angst vor dem Absturz, Chris kennt sie. Als Jugendlicher hatte er Stress mit der Polizei. Um nicht völlig auf die schiefe Bahn zu geraten, hat er seinen Schulabschluss in einer anderen Stadt gemacht!! “Ich wusste: Ich werde nicht lernen und nicht die Ausbildung bekommen, die ich brauche, wenn ich hier bleibe. Ich bin für ein paar Jahre weggegangen, damit ich mich voll auf diese Sache konzentrieren kann!”
Bildunterschrift:
Nur noch wenige Aborigines sprechen ihre Muttersprache fließend
]
Auch die alten Damen aus Kununurra drücken noch einmal die Schulbank. Sie gehören zu den letzten 20, die noch fließend ihre Muttersprache sprechen. Sie wollen ihren Enkeln die Sprache näher bringen. Dafür habe sie sogar einen Linguisten aus Deutschland geholt. Er soll jetzt helfen, ihre Sprache vor dem Aussterben zu retten. Die Sprache dokumentieren, bevor es zu spät ist. Das verschriftlichen, was bisher nur als gesprochenes Wort gelebt hat. Ein Wettlauf gegen die Zeit. “Die Leute haben so viel verloren. Die haben ihr Land verloren, die haben einen Teil ihrer Kultur verloren. Und jetzt verlieren sie noch ihre Sprache“, erklärt Knut Olawsky, Linguist am Mirima Language Center. „Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden. Wenn man all das nicht mehr hat, ist es sehr schwierig zu bestimmen: Wer bin ich?” Agnes spricht zu ihren Vorfahren: “Ich komme heute zurück in meine Heimat. Schaut mich an und nehmt mich auf. Ich gehöre zu euch.” Die Sehnsucht nach der alten Zeit. Ihr ständiger Begleiter. Und die Hoffnung, dass die nächste Generation vielleicht besser zurecht kommt als sie selbst.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 09.12.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.