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Jemen: Mit dem Krieg kommt der Hunger

Junge (Bild: dpa )Bildunterschrift: Ein Junge sammelt Verwertbares in einem Slum ]

Im Februar rechnete das Welternährungsprogramm mit 1,2 Millionen Hungernden im Jemen. Wenige Monate später sollen bereits 4 Millionen Menschen im Jemen nicht mehr genügend zu Essen haben. Bald – so warnen Experten – soll sogar jeder Zweite der rund 25 Millionen Einwohner betroffen sein. Schwere Not in einem arabischen Land, das durch Stammeskriege, Terrorbekämpfung, Al Kaida und explodierende Kriminalität in seiner Existenz bedroht ist. Eine Reportage von Thomas Aders, ARD Kairo

Kind (Bild: SWR)Bildunterschrift: Viele kleine Kinder sind chronisch unterernährt ]

Kinder-Intensivstation Omran, im Norden des Jemen. Ausdruckslose Gesichter, die meisten Kinder etwa zwei Jahre alt, und zwei Kilogramm schwer; chronisch unterernährt. Im vergangenen Monat sind in diesem Raum sieben Kleinkinder gestorben, davon allein drei in dieser Woche. Fast unbemerkt von den Medien spielt sich im Armenhaus der arabischen Halbinsel ein Drama ab, und jede Woche wird es schlimmer. Die Hälfte der Menschen hier, so sagt man uns, hungert. Meistens sind es Kinder, die so geschwächt sind, dass sie krank werden.  „Die Eltern wohnen oft in den entlegensten Orten, ein Bus bis hierher kostet fast 50 Dollar!“, erklärt der Chefarzt Dr. Ahmed Sobhy. „Weil sie kein Geld haben, warten sie, und lassen ihre Kinder erst mal von Kurpfuschern behandeln. Bis es dann zu spät ist.“ Die kleine Barra'h - ein kritischer Fall: Die Mutter hatte das Mädchen schon in mehrere Krankenhäuser gebracht, aber ihr Zustand verschlechterte sich. Durchfall, Erbrechen, tagelang. Jetzt sind lebenswichtige Organe angegriffen, und das Mädchen hat innere Blutungen. „Der Arzt hat mir gesagt, Baraa'h ist unterernährt. Sie ist meine einzige Tochter“, klagt die Mutter Umm Barrah Mohsen Salah . „Wenn sie stirbt, werde ich ihr in den Tod folgen.“

Mann mit Sack Mehl (Bild: SWR)Bildunterschrift: Der Jemen hängt am Tropf der humanitären Hilfe ]

Lebensmittelverteilung fast überall im Lande, ein Zentner Mehl alle zwei Monate für Familien mit mehr als sechs Mitgliedern, dazu Öl und Zucker. Der Jemen hängt am Tropf der humanitären Hilfe, und das nicht erst seit diesem Jahr. Aber nun ist die Situation plötzlich so verheerend geworden, dass selbst die Vereinten Nationen davon überrascht wurden. „Im Januar mussten wir 1.2 Millionen Jemeniten mit Lebensmitteln versorgen“ sagt Barry Came Welternährungsprogramm. „Im Mai waren es bereits 1.8 Millionen und danach haben sich die Zahlen mehr als verdoppelt. Jetzt versorgen wir fast 4 Mio. hungernde Menschen!“ Überall fehlt es in dem wüstenartigen Land an Wasser, weniger als vier Prozent der Fläche ist geeignet für Landwirtschaft. Bei weitem zu wenig, um immer mehr Jemeniten zu ernähren. Doch die Probleme sind auch von Menschen gemacht: auf den besten Anbauflächen wird Kat angebaut, eine berauschende Droge. Kat verbraucht extrem viel Wasser, so dass der Grundwasserspiegel immer mehr absinkt.

Soldaten (Bild: SWR)Bildunterschrift: Die Zentralregierung hat die Kontrolle über Teile des Landes verloren ]

Größtes Problem aber: die politische Instabilität. In weiten Teilen des Landes herrscht nicht die Zentralregierung, sondern die mächtigen Stämme. Vor anderthalb Jahren haben dann islamistische Fanatiker eine zusätzliche Offensive gegen den Staat begonnen, vor allem hier in der Provinz Abyan, nordwestlich von Aden. Einige Tausend Kämpfer von Al-Kaida hatten hier einen Gottesstaat errichtet. Besonders hart umkämpft: die Stadt Zinjibar. In diesem Stadion waren Menschen von den Fanatikern gefoltert und getötet worden. Nach den blutigen Kämpfen vom Mai ist Abyan heute weitgehend zerstört. Hunderttausende von Menschen sind geflüchtet und leben jetzt von Hilfsgütern. Ein Regierungsgebäude, ehemals Hauptquartier der Al-Kaida. Heute kann man das Gelände nicht betreten, überall sind Minen!

Awaad - ein Opfer der Gotteskrieger. Sein einziger Fehler war es, vor einem Jahr zusammen mit einer Frau spazieren zu gehen. „Wir waren nicht verheiratet“, sagt Awaad „und das hat den Dschihadisten genügt, sie schossen auf uns. Die Frau neben mir ist gestorben, ich wurde schwer verletzt und kann nicht mehr arbeiten.“ Khaled Ali, 35 Jahre alt, zwei Kinder. Vorwurf von Al-Kaida: der Diebstahl einer Pistole. Strafe - laut ihrer Interpretation der Scharia - der Verlust der rechten Hand. „Sie haben Allahu akbar geschrien, als sie mir die Hand abgehackt haben, Gott ist groß. Es sind verdammte Lügner, sie haben hier alles vernichtet und gesagt, das ist das Gesetz Gottes. Schaut doch, wie wir heute leben müssen.“

Textilfabrik (Bild: SWR)Bildunterschrift: Durch die Zerstörung dieser Textilfabrik haben 6000 Baumwollfarmer ihre Arbeit verloren ]

Wie perfide die islamistischen Fanatiker denken, zeigt sich in dieser Textilfabrik, dem früher einmal größten Arbeitgeber der ganzen Region. Die Hi-Tech-Waffen der Fanatiker, darunter Flugabwehrgeschütze und Panzerfäuste. Die Al-Kaida im Jemen - gesponsert durch kapitalkräftige Finanziers im Ausland - vernichtet mit ihren Sprengsätzen alles, was dem Land auch nur eine Spur Hoffnung verspricht: Straßen, Brücken, Elektrizitätswerke, Telefonleitungen und - Arbeitsplätze. Durch die Zerstörung dieser Textilfabrik haben 6000 Baumwollfarmer ihre Arbeit verloren, 6000 Familien sind verarmt, rund 40.000 Menschen. Die Wirtschaft liegt am Boden, Touristen meiden das Land.

Familie beim Essen (Bild: SWR)Bildunterschrift: Das Essen besteht oft nur aus trockenem Brot und Suppe ]

Der Jemen ist dabei, ein gescheiterter Staat zu werden, und die Schwächsten bezahlen den höchsten Preis, wie die Familie Hafez im Norden des Landes. Vater Ahmed ist Tagelöhner und verdient als Fahrer alle paar Tage umgerechnet zwei Euro. Für die Mutter heißt das: sparen an allen Ecken und Kanten, vor allem beim Essen. Wie jeden Tag tischt sie ihrer Familie trockenes Brot auf und Holba, eine nährstoffarme Suppe aus Bockshornklee. An einem Freitag wurde Rahaf, die kleinere Schwester der dreijährigen Batul plötzlich krank. Unterernährt, dehydriert, der Bauch aufgequollen. 177 Euro - die gesamten Ersparnisse der Familie: alles ausgegeben für die verzweifelte Suche nach medizinischer Hilfe. „Wir haben Rahaf zuerst in das lokale, staatliche Krankenhaus gebracht, man sagte uns, sie wäre nur ein wenig schwach“, erzählt die Mutter Umm Rahaf Hafez. „Ein Allgemeinarzt für Dutzende Kinder, kein Spezialist. Ich habe ihn gefragt: was hat meine Tochter denn? Er hat gesagt: Gar nichts!“ Ahmed und seine Frau brachten ihre Tochter vier Tage später in die Provinzhauptstadt und auf die Intensivstation. Doch die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun, es war zu spät. Erst war der Hunger gekommen, dann die Krankheit, und am Dienstag vor zwei Wochen war die kleine Rahaf tot. Jeden Freitag kommen Ahmed und seine Frau seitdem hierher und gießen das namenlose Grab ihrer Tochter. Doch wenn sie eine Blume pflanzen, wie sie es schon oft versucht haben, ist sie abends schon verdorrt.  

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 14.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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Sendetermin
So, 14.10.12 | 19:20 Uhr