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Von der Guerilla zerschossene Schule in Tumaco
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Im Oktober wird mal wieder über Frieden in Kolumbien verhandelt – zuerst in Norwegen, dann in Kuba. Aber dieses Mal stehen die Chancen nicht schlecht. Der neue Präsident ist bereit, die Rebellen der linksgerichteten FARC auch. Nach 50 Jahren Bürgerkrieg ist der Wunsch nach Frieden groß. Eine Reportage aus einem geschundenen Land. Peter Sonnenberg, ARD Mexiko-Stadt
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Susana Sinisterra, vor der FARC geflohen
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Susana Sinisterra ist mit vier Söhnen vor der FARC-Guerilla geflohen, hierher in den Süden Kolumbiens. Sie besaßen Land und ein Auto, jetzt teilen sie sich zwei Betten, haben nicht mal mehr eine Toilette und müssen bei jedem Schritt aufpassen, dass sie nicht durch den Boden brechen. Guerilleros hätten ihren Mann erschossen und gesagt, sie habe 24 Stunden um zu verschwinden. Seit einem halben Jahr ist das hier ihr neues Leben. Doch der Terror ist überall im Land. Vor sechs Wochen wurde ihr ältester Sohn entführt, als er nach Arbeit suchte. „Dass ich ihn gehen ließ ist das Schlimmste für mich. Männer haben mir sein Gepäck gebracht, das ist alles was mir von ihm geblieben ist. Sonst weiß ich nichts, nicht mal ob er noch am Leben ist, oder schon tot.“
Tumaco ist voller solcher Schicksale und ein gefährliches Pflaster noch dazu. Das Militär trieb Teile der FARC immer weiter in den Süden, hierher, wo viele Guerilleros ihre politischen Ziele vergaßen und umsattelten, auf Drogengeschäfte, Schutzgelderpressung, Raub und Mord. Ausgerechnet hier ist die einzige Anlaufstelle für Flüchtlinge, die sich jeden Tag scharenweise registrieren lassen wollen. Wenn die FARC Frieden will, die Frage drängt sich uns auf, warum vertreibt sie dann immer noch Menschen? Und überhaupt, wie lange wird der Friedenprozess wohl brauchen, bis er auch hier ankommt? „Wir haben hier vor allem die unkontrollierbaren Splittergruppen, die uns Sorgen machen“, sagt Victor Gallo, der Bürgermeister von Tumaco. „Bei den Friedensverhandlungen geht es um die Demobilisierung der Guerilla, aber die Frage nach den kriminellen Banden wird dort nicht gestellt.“
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Kein Arbeiten ohne Wachhunde im Süden Kolumbiens
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Es ist nicht das erste Mal, dass die Regierung in Bogota mit den Rebellen über Frieden verhandelt. Doch nach 48 Jahren Guerillakrieg steckt das Land in der Sackgasse und ein Friedensvertrag scheint wahrscheinlicher als je zuvor. „Beide Seiten haben wirklich alle Anstrengungen unternommen, um den Kampf für sich zu entscheiden“, sagt Ivan Cepeda, Sprecher des Repräsentantenhauses. „Mit ihrem Plan-Colombia hat die Regierung mithilfe der USA ihre Militär- und Polizeikräfte verdoppelt. Heute haben wir ein stärkeres Militär als Brasilien, das ein viel größeres Land ist als unseres. Die Guerilla hat ihrerseits schlimme Attentate in unseren Städten verübt, aber weder der Staat konnte die FARC besiegen noch die Guerilla hat es geschafft, an die Macht zu kommen.“
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Der Einsatz von immer mehr Militär gegen die FARC hatte keinen Erfolg
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Gerne wüssten wir von der FARC selbst, wie ernst sie ihr Friedensangebot meint. Ein Interview mit den Rebellen in Kolumbien ist aber fast unmöglich. Guerilleros die sich herauswagen werden verhaftet. Bei einer Pressekonferenz weist man uns heimlich auf einen Mann im Publikum hin. Er sei der Richtige für unsere Fragen, auch wenn er natürlich bestreiten müsse, selbst zur Guerilla zu gehören. „Wann immer es Friedensgespräche gab, haben die rechten Paramilitärs Anführer der FARC ermordet, weil sie den Friedensprozess zerstören wollen. Ich finde die Situation besorgniserregend, denn sollte es diesmal wieder so sein, dann wird die Guerilla auch wieder zu den Waffen greifen.“
Genau das ist schon einmal passiert. 1986 unterzeichneten Unterhändler von Regierung und Guerilla ein erfolgversprechendes Friedensabkommen, das das Papier kaum wert war, auf dem es geschrieben wurde. Den Versöhnungsszenen im Dschungel Kolumbiens folgten unzählige Morde an Ex-Rebellen, die jetzt politisch aktiv geworden waren. Die Folge war die Wiederbewaffnung der FARC. Und das ist Tumaco heute, 28 Jahre später. Die Schule wurde im August von FARC-Rebellen zerschossen, es gab 11 Tote, keine Schüler, es war ein Samstag. Neu gebaut und gut bewacht, das Haus der Polizei. Das alte Gebäude und neun Menschen wurden im Februar von einer FARC-Bombe zerfetzt.
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FARC- u Grenzgebiet Kolumbien (rechts) u Ecuador (links)
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Wir verlassen die Stadt und fahren tiefer hinein ins FARC-Gebiet. Wir wollen über die grüne Grenze bis nach Ecuador, wohin sich Verbände der Rebellen zurückgezogen haben. Heute hält die Guerilla, so wie auf diesen Archivbildern zu sehen, immer noch 725 zivile Geiseln in Käfigen in mobilen Lagern fest. Oft viele Jahre lang, versteckt, tief im Dschungel, in den Bergen oder den Mangrovenwäldern des Grenzgebietes. Unser Ziel ist Palma Real, ein Fischerdorf an den Mangroven Nordecuadors, dass nur mit dem Boot erreichbar ist. Das viele Militär steht erst hier, seit Palma Real von rechten Paramilitärs überfallen wurde. Die wollten damit FARC-Rebellen einschüchtern, die seit einiger Zeit ihr Lager in der Nähe aufgeschlagen hatten und Palma Real kontrollierten. Kein Mensch hier will mit uns reden. Wer der FARC helfe oder zu viel rede werde erschossen, hätten die Paramilitärs ihnen gesagt, und zum Beweis auf dem Sportplatz einen Mann hingerichtet. Versteckt hinter Häusern erzählt uns das einer der Soldaten. „Die Leute machen nur noch was ihnen gesagt wird, egal ob von Paras oder FARC. Sie haben Angst, wollen nicht noch mehr Probleme und vermeiden alles, was ihnen Schwierigkeiten bringen könnte oder noch mehr Tote.“
Wohlgemerkt, der Friedensprozess hat begonnen in Kolumbien. Der Guerillakrieg verbreitet dennoch weiter Angst. Die Regierung lässt die Waffen auch nicht ruhen, fliegt täglich Entlaubungsmittel in den Dschungel, danach kommen die Maschinen mit den Scharfschützen. Die Kolumbianer aber sind nach fast 50 Jahren Angst längst kriegsmüde, alle die mit uns sprachen setzen große Hoffnungen in die Friedensgespräche. „Ich bin ein Opfer dieses Krieges“, klagt Susana Sinisterra. „Doch irgendwann bekommen die Schuldigen weiß Gott ihre Strafe und dann soll es ihnen schlimmer ergehen als mir.“ Vielleicht gelingt der Frieden diesmal, aber Sicherheit wird in Kolumbien nicht über Nacht kommen. Viel zu lange, so scheint es, war Gewalt in diesem Land der Normalzustand.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 14.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.