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Gewaltätige Proteste in Nordirland
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Es herrscht kein Friede im Land, auch Jahre nach dem Friedensschluss. Der Hass zwischen Protestanten und Katholiken flammt vor allem in der Hauptstadt Belfast wieder auf. Jugendliche engagieren sich wieder in extremen Gruppen. Wie in den 70er Jahren fliegen Benzinbomben und Pflastersteine, brennen Autos, vermummen sich Demonstranten. Eine Reportage aus einem unbefriedeten Land von Annette Dittert, ARD London
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Im protestantischen Shankill Viertel
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Es herrscht Frieden in Belfast. Seit 14 Jahren. Ein Frieden, in dem die Gewalt der Vergangenheit im protestantischen Shankill Viertel so zelebriert wird wie eh und je. Die Wandbilder, die an die Mörder von damals erinnern, sie sind noch da. Überall. Ein Frieden ist das, in dem die Mauern, die die protestantischen Viertel von den Katholiken dahinter trennen, höher und höher gewachsen sind. 30 neue wurden gebaut, in diesem Frieden - 99 sind es heute, allein in Belfast. Mauern, ohne die es weiter Tote geben würde, davon sind Katherine und Margaret auf der katholischen Seite zutiefst überzeugt, dass diese Mauern notwendig sind, um sie zu schützen. „Es gibt hier immer noch die Protestanten, die glauben, dass wär‘ hier allein ihr Land“, sagt Katherine. „Und wir sind nicht mehr weit entfernt von 1969 und den Zuständen damals. All der Hass ist wieder da, fast wie damals“, ergänzt Margaret. Aber woher kommt diese Wut der Protestanten? Heute, 14 Jahre nach dem Friedensschluss? „Hunderte von Jahren haben sie mit uns machen können was sie wollten, das geht jetzt nicht mehr seit diesem Frieden.“ Und damit kommen sie nicht zurecht. Und das macht sie so wütend? „Ja, das macht sie sehr wütend. Dass wir uns nicht mehr alles gefallen lassen.“
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Wandbilder verherrlichen die Gewalt
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Erst vor wenigen Wochen kam es wieder zu Angriffen auf ihre Häuser, nur hundert Meter entfernt von hier. Es sind vor allem die Jugendlichen, die jungen Männer, die immer wieder gewalttätig werden. Ihre Waffen: Steine und Benzinbomben. 8 Polizisten wurden schwer verletzt in dieser Nacht. Zuvor hatten sie bereits auf andere Weise provoziert: Eine ihrer Bands war vor der der katholischen St. Patricks Kirche aufmarschiert, um hier triumphierend antikatholische Hymnen zu spielen. Wir treffen den Anführer dieser Band: Paul Shaw. Warum diese Provokationen? Immer noch heute? „London, die Regierung dort müsste uns Briten in Nordirland hier viel stärker unterstützen. Wir sind das vergessene britische Volk. Wir, die wir hier unser Leben geopfert haben, damit Nordirland Teil Großbritanniens bleibt. Wir sind jetzt völlig auf uns allein gestellt, und müssen deshalb jetzt auch alleine für uns kämpfen.“ Denn Nordirland müsse ihr Land bleiben. Protestantisch und britisch. Das sei doch ihre Identität.
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Mehr als 5000 Polizisten schützen die Katholiken
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Alfie McCrory war einer der Radikalen hier. Heute hat er genug von alldem, anders als die Jungen: „Ich hab vier Jungs und zwei Mädchen und ich will einfach nicht mehr, dass sie so aufwachsen wie ich aufgewachsen bin.“ Alfies Haus ist nur durch eine Straße getrennt von den katholischen Vierteln. Wann immer die Protestanten die katholische Seite provozieren, werfen die Kids von hier ihrerseits Benzinbomben auf seine Seite, um Vergeltung zu üben. „Wenn ich hier nach Hause komme abends, dann muss ich mich einbunkern hier, wie Sie sehen habe ich hier eine Spezialsicherheitstür, mit Metallbalken im Holz, und wenn wir hier reinkommen, jede Nacht, wo andere Leute überall auf der Welt einfach nur die Tür zuschließen, mach ich das hier davor, einen weiteren Spezialmetallbalken, damit niemand die Tür nachts eintreten kann. Ohne das wären wir hier alle wahrscheinlich schon tot. Aber so kommt keiner rein, das ist das letzte was ich jede Nacht tue, um meine Familie zu verteidigen.“ 6 Kinder hat Alfie, heute passt er auf die Enkel auf. Kinder, die sich an den Terror vor der Tür gewöhnen mussten, denn Alfie will hier bleiben. Er glaubt heute nicht mehr an Gewalt. „Es geht ja auch längst nicht mehr um Religion oder irgendwas. Es sind die Kids, die einen Kick daraus ziehen, hier Brandbomben zu werfen… Auf beiden Seiten. Sie wollen die Helden sein, ja wie wir damals, nur dass wir Alten heute froh sind, wenn sie im Gefängnis landen und das möglichst lang.“
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Parade der protestantischen Hardliner durch die katholischen Viertel
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Samstagmorgen vor zwei Wochen. Die protestantischen Hardliner haben angekündigt, wieder eine ihrer Paraden abzuhalten. Wieder mitten durch die katholischen Viertel. Wieder werden sie provozieren. Die Katholiken wollen ihre Kirche diesmal verteidigen. Und sich davor in stummem Protest aufstellen. „Wir sind die Opfer hier und nicht die Täter. Und daran müssen wir uns alle heute halten.“ Sie wollen eine neue Gewaltwelle verhindern. Aber nach den jüngsten Ausschreitungen haben viele hier dennoch Angst vor der Parade heute. Obwohl mehr als 5000 Polizisten am Rande der Strecke verteilt sind zu ihrem Schutz. Pünktlich um 11, wie angekündigt, geht es los. Wie so viele Male zuvor. Die Trommeln können sie schon von weitem hören. Und dann kommen sie den Berg hinunter. Die Männer, die immer noch marschieren. Protestanten, deren Vorvorfahren hierhergeschickt worden waren, um das katholische Irland zu besetzen. In ihrem Windschatten die neue Generation. Das hier ist immer noch unser Land. Sagen diese Schritte. Das sind unsere Straßen, nicht Eure. Und die Trommel sagt den Rest. Ohrenbetäubend laut sind sie, und natürlich sind wieder Songs dabei, die die Katholiken beleidigen. Fast eine Stunde lang geht das so. Dann ist der Spuk vorbei, so plötzlich wie er gekommen war. „Und das war nur friedlich heute, weil sie Spezialeinheiten von der Polizei geschickt haben. Normalerweise mit normalen Polizisten hätte das geknallt.“
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Die Trommeln sind schon von weitem zu hören
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Die Bands haben derweil den protestantischen Teil Belfasts erreicht. Wo sie begeistert empfangen werden. Alfie McCrory marschiert nicht mit. Er lässt die Parade an sich vorbeiziehen. Auf der Treppe eines Containers, den er umgebaut hat als provisorisches Jugendzentrum. Denn niemand helfe den Kids hier sonst, inmitten von Angst und Arbeitslosigkeit. „Die Kids, die hier in diesen Ghettos leben, werden automatisch als Verbrecher gebrandmarkt, wie wir Alten ja auch. Jobs gibt’s hier nicht und wenn dann bekommen sie die nicht. Wir haben die höchste Selbstmordrate hier in ganz Großbritannien… Mein eigener Sohn hat sich das Leben genommen…“ Darüber aber will er nicht mehr sprechen, nur so viel sagt er noch, dass das der letzte Anstoß gewesen sei, gegen den Strom zu schwimmen. Gegen die Mehrheit der protestantischen Hardliner, die den alten Krieg immer wieder neu aufleben lassen wollen. Es ist ein seltsamer Frieden, der hier herrscht. Ein Frieden hinter Mauern und Zäunen, die mit jedem Jahr höher wachsen. Und so mit jedem Jahr unüberwindbarer erscheinen.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 14.10.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.