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USA: Legaler Rausch

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USA: Legaler Rausch

Ein Staat im Rausch. Nicht Gold und nicht Aktien versprechen das große Geld. Sondern Marihuana. Seit Beginn des Jahres kann im US-Bundesstaat Colorado das Rauschmittel Cannabis ganz legal gekauft werden – und schon entwickelt sich in Windeseile ein Milliardengeschäft. Während die einen mit großen Partys das Recht auf den freien Rausch feiern, werden in anderen Bundesstaaten Menschen bis zu zwanzig Jahre in Gefängnisse weggesperrt - weil sie ein paar Gramm Marihuana geraucht haben. Eine Reportage über „Hope and Dope“ von Tina Hassel, ARD Washington.

Schlange stehen, stundenlang bei bitterer Kälte – und das für einen ganz besonderen Stoff. Marihuana Shops locken Touristen aus dem ganzen Land nach Denver. Denn in Colorado gibt es das berauschende Kraut jetzt legal im Laden. "Wir sind über 20 Stunden hierher gefahren." "Nur deswegen?" "Ja, das ist ein historischer Moment, eine tolle Erfahrung."

Zwei Männer
Der Andrang bei den Marihuana-Shops ist groß

Ein kurzer Blick auf die Ausweise - jeder der älter ist als 21, darf shoppen gehen. Auch wir dürfen in die heiligen Hallen und sind erstaunt: dort sieht es aus, wie in einer Edelkonditorei. Nur dass statt Törtchen Pflanzenbüschel in der Vitrine liegen. Karameldrops, Knuspersnacks oder trinkbare Elexire –  auf den ersten Blick kaum von normalen Gourmetprodukten zu unterscheiden. Toni Fox ist die Besitzerin. Der Laden brummt, erzählt sie uns. Bisher durfte sie nur Pott für medizinische Zwecke verkaufen, da kamen 25 Kunden am Tag, jetzt 400. "Nicht nur wir profitieren, auch Colorado. Die legalen Verkäufe schaffen tausende Arbeitsplätze. Die Steuer auf Marihuana wird für Schulen verwendet. Neue Verkaufsräume sind angemietet worden. Das ist ein boomendes Geschäft und wir stehen erst am Anfang."

Hanf-Pflanze
...mehr Wert als Gold

In der Schatzkammer hinter dem Laden hängen die kostbaren Kräuter zum Trocknen. Pflanzen im Wert von tausenden Dollar. Eine Unze Marihuana ist mehr wert als eine Unze Gold, erfahren wir erstaunt. Doch einen Haken hat das florierende Geschäft - es darf nicht über Banken abgewickelt werden. Denn die unterliegen nationalem Recht und das verbietet den Handel mit Pot noch immer. Also läuft hier alles cash, große Summen gehen bar über den Tisch, in einem Land, in dem man sonst schon beim Bäcker mit Kreditkarte bezahlt. "Das ist ein großes Problem. Ich muss mit Bündeln von Bargeld, zehntausende Dollar, in den Taschen rumlaufen. Das macht mir Angst."

Kathy ist aus Texas angereist und lässt sich zunächst einmal gründlich beraten. In ihrer Heimat ist nicht nur der Verkauf, sondern auch der Besitz von Marihuana streng verboten. Ihre Einkäufe muss sie in Colorado genießen, wenn sie nicht harte Strafen riskieren will. Denn der Stoff, für den sie hier Schlange stehen, wird in anderen Bundesstaaten strikt bekämpft. "Hoffentlich ändern sich die Gesetze bald überall. Es ist doch verrückt, dass du dich zu Tode saufen kannst, aber nicht etwas rauchen darfst, das deinem Körper nicht schadet."

Henry Wooten
Knapp 100 Gramm Marihuana zum Eigengebrauch - macht 35 Jahre Gefängnis in Texas

Wir sind nach Texas geflogen, nach Huntsville, in eines der berüchtigtsten Gefängnisse der USA. Überraschend haben wir eine Drehgenehmigung bekommen. 13.000 Häftlinge sitzen hier. Wegen der vielen Hinrichtungen lässt man nur selten Kameras ins Innere. Hier treffen wir Henry Wooten. Die Polizei hatte ihn beim Rauchen von Marihuana erwischt. Knapp 100 Gramm zum Eigengebrauch – ausreichend, um ihn für 35 Jahre hinter Gitter zu sperren. Ohne Geld für einen guten Anwalt und mit zwei Vorstrafen aus seiner Jugend, darf Henry noch nicht einmal bei guter Führung früher entlassen werden. 30 Jahre hat er noch vor sich – er ist 59. "Ich habe einen Fehler gemacht. Dafür werde ich bestraft, das ist in Ordnung. Aber nicht so, nicht so hart. Die haben mir gesagt, egal was du tust, ob du Recht hast oder nicht, wir stecken dich für den Rest deines Lebens in den Knast. Verdammt, das ist mein Leben…."

11 lange Autostunden entfernt, in Amarillo, Texas, lebt Henrys Familie. Seit 5 Jahren muss Sheryl den gemeinsamen Sohn alleine großziehen. AJ ist zehn und vermisst seinen Papa sehr. Er schreibt ihm Briefe, versucht in Kontakt zu bleiben. Er wird 40 sein, wenn sein Vater entlassen wird. Unsere Familie ist zerstört, sagt uns Sheryl bitter. Und dann beten sie dafür, dass Henry doch noch begnadigt wird. "Nur einen Bundesstaat entfernt ist Marihuana jetzt legal. Und hier wirst du für nicht einmal 100 Gramm Pot 35 Jahre lang weg gesperrt. Das ist doch verrückt. Ich begreife das nicht. Kürzlich hat das Fernsehen über einen jungen Mann berichtet, der vier Menschen umgebracht hat. Vier Menschen! Der hat 10 Jahre mit Bewährung bekommen." AJ zeigt uns das Lieblingsbild mit seinem Vater. Vor drei Jahren hat er ihn zum letzten Mal besucht. Ihn im Gefängnis zu sehen, sei schrecklich gewesen. Er habe da nicht mehr hingewollt. "Aber wenn ich mir das anschaue, dann habe ich das Gefühl, mein Papa ist ganz nah bei mir."

Schild Marihuana Store
Seit Anfang 2014 in Colorado legal: Marihuana

Zurück nach Denver, wo entspannt gepafft und inhaliert wird, dass es nur so qualmt. Solange das nicht in der Öffentlichkeit geschieht, ist alles ganz legal. Eine breite Mehrheit hatte in einem Referendum für die Gesetzesänderung gestimmt. Nun kommt das Kraut nicht mehr vom Schwarzmarkt sondern aus kontrollierten Läden. 22% Mehrwertsteuer kassiert Colorado bei jedem verkauften Joint – und auch sonst vertritt die Stadt die neue Politik selbstbewusst. "Alle unsere letzten Präsidenten haben Marihuana geraucht", sagt Michael Elliott, Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes Denver. "Wir haben Goldmedaillengewinner, die das Zeug genommen haben. Dennoch sitzen bei uns so viel Menschen wegen Marihuana im Gefängnis, wie sonst nirgends auf der Welt. Ohne dass das irgend etwas bringt."

In seiner Zelle in Huntsville klingt das für Henry Wooten wie die Botschaft von einem anderen Stern. Dass Pott Rauchen nun legal ist mancherorts, lässt ihn emotional werden: "Ich will, dass mein Sohn AJ weiß, ich liebe ihn aus tiefstem Herzen. Ich hoffe so sehr, dass Marihuana auch in Texas legal wird und sie meine Strafe verkürzen. Das ist meine einzige Hoffnung." Eine verzweifelte. Herny Wooten war schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort. So widersprüchlich können die Vereinigten Staaten sein. Doch aufgeben will er nicht. „Ich werde diese Mauern lebendig verlassen“, sagt er uns zum Abschied.

Stand: 15.04.2014 10:35 Uhr

Sendetermin

So, 12.01.14 | 19:20 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Südwestrundfunk produziert.