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Indien: Schlachthöfe für die "Heilige Kuh"

Indien: Schlachthöfe für die Heilige Kuh

Genau weiß man’s nicht, aber einiges spricht dafür, dass Juju eine echt glückliche Kuh ist. Das satte Grün, das weite Feld, und genug Platz gibt’s auch anschließend im Freiluft-Stall, der, wenn Juju einmal nicht mehr so fit sein sollte, zum Sanatorium wird. Schlachten ist hier, in Jaipur, wie im ganzen Staat Rajasthan, verboten. "Die Tiere, die keine Milch mehr geben, werden in einigen anderen indischen Staaten oftmals geschlachtet", erzählt der Direktor Bhandari. "Bei uns werden sie vorm Schlachten geschützt. "Und von Hindus angebetet. Hier als Freundin des Gottes Krishna. Und hier in echt und solo.

Was eine Kuh so hergibt

Kuh
Neben der Milch liefert die Kuh noch viele andere Produkte für den Menschen

Ein Priester bringt Juju Opfergaben dar, bittet um Schutz, preist sie als Lebensspenderin. Und der Direktor des Hofs, dem ein Forschungszentrum angeschlossen ist, gibt dazu seinen wissenschaftlichen Segen. "Nicht nur die Milch ist gesund, auch der Urin der Kuh, auch die Butter, die wir aus der Milch gewinnen. Die Kuh stellt den Menschen eine ganze Produktpalette zur Verfügung, und deshalb haben sie ein religiöses Tabu um die Kuh errichtet, um sie vorm Schlachten zu schützen."  Neben Spenden finanziert sich der Hof vor allem aus dem Vertrieb von Kuhpisse. Sie wird in Eimern aufgefangen, dann erhitzt. Und fertig ist das Zauberelexir. "Das ist Abfüllabteilung. Hier wird der Urinextrakt in Flaschen gefüllt. Er enthält Wirkstoffe, die von großem medizinischem Nutzen sind. Ungefähr zehn Krankheiten können damit kuriert werden." Und Beauty-Produkte liefert die Kuh außerdem: Seifen, Salben, Cremes, Massageflüssigkeiten. Kuhsmetik – ein neuer Trend.

Doch manchmal enden die auch Kühe so. Ihr Blut im Abwasser, ihr Fleisch auf dem Tisch. Indien ist der zweitgrößte Exporteur von Rindfleisch. Das kommt angeblich vor allem von Büffeln, tatsächlich aber auch von  Kühen wie dieser. Eine Schlachtung in Meerut, dreihundert Kilometer von Jaipur, auch hier ist das grundsätzlich verboten. Vorher werden die Tiere, die meistens herrenlos herumstreunen, entführt. Bilder eines solchen Kuhnappings, zufällig aufgezeichnet von einer Überwachungskamera.  Die Kuh wird anschließend geschmuggelt zu einem Ort wie diesem. Ein Hinterhof, der sich nachts in einen Schlachthof verwandelt.

Heimliche Schlachtungen

Kühe
Eigentlich beten die Hindus die Kühe an - es gibt aber auch illegale Schlachtungen

"Die Kühe werden aus allen Landesteilen hierher gebracht und geschlachtet", sagt der Anwalt Sandeep Behal. "Das Fleisch wird dann durch verschlungene Kanäle weiter vertrieben und in legalen Schlachthäusern unter das Büffelfleisch gemixt, manchmal auch in Nachbarländer wie Bangladesch gebracht." Sandeep Pehal ist Kuhschützer, sammelt Beweise gegen die Schlächter. Gruselige Bilder, die den Hertransport dokumentieren: von Kühen, denen die Darmöffnungen zugenäht werden, um keine Spuren zu hinterlassen. Und viele heimliche Aufnahmen von Schlachtungen in den Hinterhöfen ringsum. Hunderte davon, sagte er, es davon in der Stadt. Und jede Nacht enden hier tausende von Kühen. "Jeder weiß es hier. Auch jeder Polizist. Aber keiner unternimmt etwas. Es ist ein riesiges Kartell des Schweigens und Vertuschens. Eine Mafia."

Und die schreckt auch vor Morden nicht zurück. Dieser Mann trauert um seinen Sohn, der in der Nachbarschaft eines illegalen Schlachthofs lebte. Obwohl selbst kein Hindu, sondern Muslim, legte er sich mit der Kuh-Mafia an. Und wurde vor kurzem erschossen. Festnahmen gab es keine. In dem Hof gehen sie weiter ihrem blutigen Geschäft nach. Spuren der letzten Nacht: Kuhknochen, zerstückelt und gekocht, das Mark bringt schließlich auch Geld. Der Bruder des Ermordeten führt die Indizien vor. Er ist wütend und verängstigt. "Erst heute Morgen, ungefähr um halb sechs, wurden wieder ein halbes Dutzend Kühe geschlachtet. Mein Bruder hat sich damals belästigt gefühlt und protestiert. Deshalb ist er getötet worden. Und nun werde auch ich bedroht." Aber wer sind die Kuhschlächter? Sie kommen ebenfalls aus der Nachbarschaft, sind arm, brauchen das Geld: umgerechnet etwas mehr als einen Euro pro Schlachtung einer Kuh kriegen sie. Einer gibt sich tatsächlich zu erkennen, erklärt, er habe vorhin, vor Morgengrauen ein Dutzend Kühe geschlachtet. Warum auch nicht? "Ich geb’s zu, ich schlachte Kühe, ich kriege Geld dafür, ist doch ein ganz normaler Job."

Frei und furchtlos

Kuh-Skulptur
Eine Kuhskulptur, angebetet als Freundin des Gottes Krishna

Zurück in der Jaipur, der Stadt, in der die Kühe sogar vor dem berühmten Palast der Winde herumlaufen können, frei - und furchtlos. Seit Januar haben sie hier einen besonderen Schutzpatron: Indiens ersten Minister für Kuh-Angelegenheiten. Er selbst besitzt ein paar Dutzend Kühe, pflegt und verehrt sie. Sein wichtigstes Ziel: endlich die illegalen Schlachtungen stoppen. "Wir werden scharfe Gesetze erlassen", sagt Kuh-Minister Otaram Devasi. "Wir werden die Fahrzeuge, in denen Kühe geschmuggelt werden, beschlagnahmen. Außerdem haben wir eine Hotline eingerichtet für Hinweise, die zum Ergreifen der Täter führen. Wir werden diesen Skandal aus der Welt schaffen." Geht es nach dem Minister, gibt es sein Amt bald nicht nur für Rajasthan sondern für das ganze Land. Denn dort regiert seit letztem Jahr auch die stark hinduistisch ausgerichtete Partei BJP. Gilt dann überall im Land das Schlachtungsverbot, auch dort, wo viele Muslime leben? "Egal, ob Hindu oder nicht, ich finde: Jeder der Kuhmilch trinkt, sollte ein Gelübde ablegen, keiner Kuh etwas zuleide zu tun. Das wäre der effektivste Schutz."

Für den Minister, wie für alle fromme Hindus, ist die Kuh natürlich nicht nur Milchspenderin, auch nicht nur Anbetungsobjekt, sondern eine dritte Mutter – neben der leiblichen und der Mutter Erde. Für Juju und ihre Artgenossen dürfte es allerdings nicht so sehr darauf ankommen, heilig zu sein. Heil bleiben, auch im Alter, das macht Kühe überall vermutlich am glücklichsten.

Markus Spieker, ARD Studio Neu Delhi

Stand: 03.03.2015 13:57 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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