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Syrien: Aleppo – Die freiwilligen Rückkehrer

Syrien: Aleppo – größtenteils zerstört. Geld für den Wiederaufbau fehlt praktisch.
Syrien: Aleppo – größtenteils zerstört. Geld für den Wiederaufbau fehlt praktisch.

Sie ist der Hölle von Aleppo entkommen. Fatima floh vor zwei Jahren nach Deutschland. Jetzt ist sie zurückgekehrt. Nach Aleppo.

Rückkehr in die alte Heimat

"Wenn ich das jeden Morgen hier sehe, bin ich traurig. Dann erinnere ich mich an die Nachbarn, sie haben sich sehr verändert. Es sind weniger Menschen in den Straßen", erzählt Fatima. Vor allem der Osten Aleppos ist schwer zerstört. Hier hatte sich die bewaffnete Opposition noch vor einem Jahr verschanzt. Bis sie nach einer Vereinbarung mit der syrischen Regierung abzog. Das Haus, in dem Fatima lebte, wurde von Bomben getroffen. Ihre Wohnung – verwüstet. Deshalb übernachtet sie jetzt bei Verwandten.

Fatima hat Pharmazie studiert. Ihre Apotheke wurde während der Kämpfe beschädigt. Sie lag in der Nähe der Frontlinie. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis sie mit Hilfe von Freunden die Apotheke wieder aufgebaut hatte.

"Mein Land wurde vor meinen Augen zerstört. Ich sah all diese Zerstörungen. Ich habe erlebt, auch nachts, dass die Leute angegriffen und getötet wurden, mit Bomben, und anderen Waffen, die im Krieg verwendet werden. Das alles habe ich gesehen. Deshalb habe ich mein Land verlassen."

Flucht nicht für alle möglich

Sosi flüchtete mit ihren Töchtern aus Aleppo nach Schweden, kehrte zurück und wagt den Neuanfang.
Sosi flüchtete mit ihren Töchtern aus Aleppo nach Schweden, kehrte zurück und wagt den Neuanfang.

Fatima floh über Griechenland nach Gießen in Deutschland. Ihr größter Wunsch war es, ihre vier Kinder nachzuholen, die bei ihrem geschiedenen Mann lebten. Das war der Plan. Auch Sosi Thumas kehrte zurück. Zwei Jahre lebte sie mit ihren Töchtern in Schweden. Doch auch sie sind jetzt wieder in Aleppo. Tochter Lilit spricht gut englisch und schwedisch. Ihr Arabisch ist nicht mehr so gut, da hilft nur pauken. Schweden war toll, sagt Sosi, aber damals konnten nicht alle aus der Familie fliehen. Das war das Problem.

"Mein Mann konnte damals nicht weg, seine Mutter ist alt. Es ging einfach nicht. Wir warteten auf ihn. Zwei Jahre lang. Dann wurde die Lage in Aleppo wieder besser. Mein Mann wollte deshalb Syrien nicht verlassen. Also wollten auch meine Töchter zurück, weil sie ihren Vater wirklich brauchten", erzählt Sosi Thumas.

Auf der Suche nach den Kindern

Syrien: Ein Rückkehrerin – freiwillig. Die Wohnung wurde durch Bombenangriffe total zerstört.
Syrien: Ein Rückkehrerin – freiwillig. Die Wohnung wurde durch Bombenangriffe total zerstört.

Auch die Apothekerin war begeistert von ihrem Gastland Deutschland. Fatima wartete aber verzweifelt auf eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis. Doch die kam nicht, erzählt Fatima. "Das war‘s. Sagt mir ja oder nein. Entweder ihr lehnt mich endgültig ab oder nicht.
Aber nur ein Jahr Aufenthalt, das hätte nicht gereicht, um meine Kinder rüberzuholen. Deshalb kehrte ich nach Syrien zurück."

Fatima kam in eine zerstörte Stadt. Aber das war nicht das schlimmste. Die Kinder – weg. Der Vater hat sie mitgenommen in die Provinz Idlib.

"Ich hoffe, ich kann meine Kinder holen, dass ich mit ihnen wieder vereint bin, in meinem Land, und dass wir zusammenleben. Aber der Vater meiner Kinder hat das abgelehnt. Ich habe das erst einmal hingenommen, weil meine finanzielle Lage zurzeit schwierig ist. Sobald ich genug Geld habe, versuche ich alles, um meine Kinder zu mir zu holen."

Kein Gefühl der Fremdheit

Sosi flüchtete mit ihren Töchtern aus Aleppo nach Schweden, kehrte zurück und wagt den Neuanfang.
Sosi flüchtete mit ihren Töchtern aus Aleppo nach Schweden, kehrte zurück und wagt den Neuanfang.

Der Osten Aleppos ist immer noch schwer zerstört. Geld für den Wiederaufbau ist praktisch nicht da. Der uralte, berühmte Basar ist nicht wiederzuerkennen. West-Aleppo dagegen ist relativ intakt. Sosi und ihre Tochter Lilit gehen shoppen. Das Angebot ist natürlich nicht so reichhaltig wie in Schweden, aber Sosi sagt, es sind nicht die materiellen Dinge, die ein Leben erfüllen.

"Gut wieder zu Hause zu sein", sagt Sosi Thumas. Ihre Tochter Lilit: "Mein Vater ist hier. Und all die Menschen, die ich kenne."

Deutschland hat ihr geholfen und sie geschützt. Aber noch viel mehr liebt sie ihre Heimat und vor allem ihre Kinder.

"Als ich wieder auf dem Boden von Aleppo stand, war das Gefühl der Fremdheit verschwunden. Obwohl ich betonen will, dass ich dem deutschen Volk sehr dankbar bin. Es hat mich nicht fühlen lassen, dass ich eine Fremde bin. Die Deutschen waren sehr entgegenkommend und haben mich gut behandelt. Aber sie konnten mir nicht die Wärme meines Landes geben, die ich verloren hatte", erzählt Fatima.

Einen ungebrochenen Optimismus hat Fatima. Den wird sie für ihr neues altes Leben auch brauchen.

Autor: Alexander Stenzel/ARD Studio Kairo

Stand: 04.12.2017 12:13 Uhr

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