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Türkei: Akademiker suchen neues Standbein

PlayTürkei: Entlassene Akademiker in der Türkei fordern ihr altes Leben zurück

Im Januar 2016 unterzeichneten mehr als 1000 Akademiker in der Türkei eine Online-Petition. Sie forderten darin eine friedliche Beilegung des Kurdenkonflikts im Südosten des Landes und kritisierten die türkische Regierung. Die sah darin Terrorpropaganda für die verbotene PKK.

Viele Akademiker vor dem Nichts

Türkei: In der Türkei demonstrieren Akademiker gegen ihre Entlassung

Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurde dann ein Großteil der Unterzeichner per Dekret entlassen – denn das ist seit dem Ausnahmezustand möglich. Viele der Akademiker stehen vor dem Nichts und sind gezwungen sich jobtechnisch umzuorientieren. Katharina Willinger hat einige von ihnen getroffen. Noch sitzt nicht jeder Handgriff. Ulaş Bayraktar steht erst seit einigen Monaten hinter dem Tresen. Im Frühjahr 2017 wurde der Politik-Dozent entlassen, bekam wie so viele andere Beamte ein Berufsverbot und eine Ausreisesperre. Was nun – war die große Frage, die er sich stellte.

"Wir wollten unbedingt etwas hier in unserer Stadt, also in Mersin machen. Wir wollten klar stellen: Wir gehen hier nicht weg. Wir werden neue Wege finden, das was wir früher an der Uni gemacht haben, auch weiterhin zu machen."

Ulaş hatte die sogenannte Friedenspetition türkischer Akademiker unterzeichnet. Deshalb wurde er per Dekret entlassen und bekommt nun keinerlei Unterstützung: Kein Arbeitslosengeld, später auch keine Rente.

Ein Café als Insel der Hoffnung

Türkei: Sie nennen es "Insel der Hoffnung" – entlassene türkische Akademiker geben nicht auf

Zusammen mit anderen entlassenen Kollegen hat er inzwischen ein eigenes Café eröffnet – mit Bibliothek. Kültürhane, Kulturhaus haben sie es genannt. Regelmäßig finden hier Workshops und Lesungen statt. Wissen teilen, einen Ort zum Lernen, zum Diskutieren und kritischen Hinterfragen bieten, das war Ulaş Wunsch. "Für mich sind das hier die Samen der Hoffnung. Ob sie aufgehen, oder verdorren, das wissen wir noch nicht. Aber bislang blüht hier alles. Und wir erhalten sehr viele Nachrichten, in denen uns die Leute sagen: Ihr habt uns wieder Hoffnung gegeben."

Täglich bekommt Ulaş Besuch von ehemaligen Studenten, die weiter seine Betreuung suchen. Auch Cansu gehört dazu. Am Wochenende kellnert sie hier. Vier Jahre lang war Ulaş ihr Dozent. Seine Entlassung habe sie so sehr demotiviert, dass sie eine Weile gar nicht mehr zur Uni ging. Als Ulaş ihr von Kültürhane erzählte, wollte sie unbedingt mitmachen.

"Hier lerne ich jeden Tag etwas dazu. Ich sehe das hier gar nicht als Arbeit. Wir reden, lesen Bücher, wir tauschen unsere Meinungen aus. Über Politik aber auch über andere Themen. Dieser Ort tut mir richtig gut", erzählt Cansu Mert.

Ausreiseverbot gefährdet Ehen

Türkei: Viele entlassene Lehrer und Professoren arbeiten heute in Cafes, Dönerläden oder nähen Ledertaschen

Eine Insel der Hoffnung, nennt Ulaş das Café. Die Arbeit hier gäbe ihm Kraft und lenke ihn von privatem Kummer ab: Seit acht Monaten hat er seine Frau nicht mehr gesehen. Sie arbeitet an einer Uni in Deutschland. Er darf nicht ausreisen. Sobald sie in die Türkei kommt, droht ihr das auch. "Ich schicke ihr täglich E-Mails, wie ein Tagebuch. Wenn sie zurückkommt, soll sie jedes Detail dieses Ortes kennen, jedes Detail unseres Lebens nachdem sie fort ging. Haben sie die Papiervögel gesehen? Sie schickt sie mir aus Deutschland. Aber unsere Trennung ist für mich das schlimmste an dieser ganzen Sache."

In der Hauptstadt Ankara steht das Ehepaar Cem und Müslüme Cinar vor dem beruflichen Scherbenhaufen. Die Grundschullehrer wurden vor knapp einem Jahr entlassen. Jetzt schlagen sie sich mit einem kleinen Imbiss durch. 686 – Die Nummer des Dekrets mit dem sie entlassen wurden, prangt an ihrer Ladentheke. Galgenhumor angesichts ihrer wirtschaftlichen Lage.

"Wir haben unser Auto verkauft, um diesen Laden eröffnen zu können. Wir haben zwei Kinder und müssen ja irgendwie über die Runden kommen", erzählt Cem Cinar.

Geschichten von entlassenenen Akademikern

Heute haben sie Besuch von Kemal Inal. Der Kommunikationswissenschaftler sammelt die Geschichten entlassener Akademiker, um sie in einem Buch zu veröffentlichen. Und ja, auch er wurde im Ausnahmezustand entlassen. Jetzt will er zumindest einigen der rund 40.000 entlassenen Lehrern und Dozenten ein Gesicht geben.

"Viele Leute, die Opfer der Dekrete wurden, tauschen sich mittlerweile aus. Wir teilen unsere Sorgen, und es entsteht eine Art Solidarität, eine Form des Widerstands. Es geht nicht nur darum, in diesen Laden zukommen, um etwas zu essen, sondern was noch wichtiger ist: Es geht auch um politischen und persönlichen Austausch."

Kontakt zu Leuten seiner alten Universität hat Kemal Inal hingegen kaum noch. An der rechtskonservativen Uni, war er einer der wenigen links-liberalen Dozenten. Nun verbringt er Stunden zu Hause in seinem Arbeitszimmer, schreibt an seinem Buch.

Auch er hat finanzielle Sorgen, erzählt er. Laufende Kredite, aber plötzlich kein Einkommen mehr. Die kleine Unterstützung, die er von der Gewerkschaft bekommt, reicht nicht aus. Mit seiner Frau verkauft er daher selbstgenähte Ledertaschen.

Nicht nur überleben, sondern das alte Leben wieder zurückbekommen

Türkei: Entlassene Akademiker in der Türkei fordern ihr altes Leben zurück

"Wir essen jetzt zum Beispiel oft Suppe statt einer richtigen Mahlzeit. Ich gehe selten raus, damit ich kein Geld ausgebe. Ich hab viele Bewerbungen verschickt, aber keiner stellt jemanden wie mich, der per Dekret entlassen wurde, ein. Arbeitslosigkeit kann natürlich jeden treffen. Aber für uns ist es jetzt wichtig, eine Überlebensstrategie zu entwickeln." Nicht nur überleben, sondern das alte Leben wieder zurückbekommen – das fordern entlassene Akademiker und Journalisten auf einer Demonstration in Istanbul. Auch Ulaş Bayraktar, der ewige Optimist, ist extra von Mersin nach Istanbul gekommen.

"Es ist nicht leicht. Es ist wirklich nicht leicht, der ewige Optimist zu sein. Manchmal tut es gut, einfach zu sehen, dass man nicht der einzige Dumme, der einzige Narr ist. Es gibt auch andere Narren hier. Sie zu sehen, hilft, dass man den Glauben an sich selbst nicht verliert. Man tankt Kraft, um nicht unterzugehen und den Kampf weiterzuführen."

Kraft wird Ulas Bayraktar brauchen: Gegen jeden Akademiker, der damals die Friedenspetition unterzeichnete, soll nun auch rechtlich vorgegangen werden. Seit Dezember laufen die ersten Prozesse. Angst hat der Wissenschaftler nicht, sagt er. Er sei schließlich Optimist.

Autorin: Katharina Willinger/ARD Studio Istanbul

Stand: 07.01.2018 21:12 Uhr

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