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Türkei: Selbstzensur oder Widerstand in der Kunst

Türkei: Selbstzensur oder Widerstand in der Kunst

"Ein guter Nachbar" lautet das Thema der diesjährigen Kunstbiennale von Istanbul. Doch was zeigt man, wenn sich die guten Nachbarn abwenden, weil die eigene Regierung zunehmend autokratisch wird? Laute Kritik an dieser Autokratie suchen Betrachter der Biennale vergeblich. Allenfalls vorsichtig skeptisch kommen die Installationen daher. Zu viele Kuratoren haben bereits ihren Job verloren, zu viele Sponsoren-gelder sind plötzlich versiegt. Kritik ist riskant geworden in Erdogans Türkei, auch für Künstler. Allerdings nicht überall: die Hafenstadt Izmir ist zur heimlichen Hauptstadt der Aufmüpfigen geworden. Hier haben fast 70 Prozent der Bevölkerung gegen die neue Verfassung gestimmt, hier können Künstler noch am ehesten ausdrücken, was sie denken. Katharina Willinger (ARD-Studio Istanbul) hat vorsichtige und rebellische Kunstschaffende besucht.

Austellung der Kunstbiennale in istanbul 2017
Kunstbiennale in Instanbul

Ausstellungseröffnung im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu. Pınar Öğrenci ist die Besitzerin der Galerie - und etwas nervös. Denn sie stellt hier heute Abend auch selbst aus - zusammen mit drei weiteren Künstlern. Ihre Videoinstallationen handeln vom Krieg und von der Flucht aus der Heimat. "Nicht nur Menschen bewegen sich und migrieren. Mit ihnen bewegen sich auch ihre Lieder oder ihre Instrumente, wie in meinem Film. Ihre ganze Kultur bewegt sich mit ihnen und sucht sich einen neuen Ort.", so die Künstlerin. Pınar stammt aus dem osttürkischen Van, nahe der iranischen Grenze. Die studierte Architektin lebt seit 25 Jahren in Istanbul. Lange war ihre Kunst geprägt von urbanen Motiven wie der Stadtentwicklung, doch seit einiger Zeit prägen vor allem Krieg und Migration ihre Werke. Letztere ist ein Thema, das Kunstschaffende in der Türkei auch persönlich berührt. "Der gesellschaftliche Druck und die Gewalt in den letzten Jahren haben uns Künstler natürlich beeinflusst", sagt Pınar Öğrenci, "Es ist eigentlich unmöglich, davon nicht beeinflusst zu werden. In den letzten beiden Jahren und vor allem im letzten halben Jahr hat es dazu geführt, dass viele Künstler weggezogen sind. Nicht nur Künstler sondern auch Kuratoren, Autoren, Musiker und andere Kollegen der Kunstszene."

Izmir: Hochburg der säkularen Türkei

Viele dieser Istanbuler Künstler sind hier her gezogen: Nach Izmir an der türkischen Westküste. Die Stadt mit vier Millionen Einwohnern gilt als säkulare Hochburg der Türkei. Seit den 1970er-Jahren wird sie von links-kemalistischen Parteien regiert. Besonders im letzten Jahr hat sich Izmir zu einer Art Zufluchtsort für Intellektuelle und Künstler entwickelt.

Hafenpromenade von Izmir
Izmir: Zufluchtsort für Intellektuelle und Künstler

Der Musiker Şevket Uyanık ist vor 6 Monaten von Istanbul nach Izmir gezogen. Das Leben hier sei einfach entspannter, die Menschen offener, erzählt er. Şevket arbeitet auch als Kommunikationsexperte für die türkische Piratenpartei. Eines seiner Kernthemen ist Zensur. In der Türkei habe die während des Ausnahmezustands stark zugenommen. "Zahlreiche Kulturzentren und Theater wurden seitdem geschlossen. Filmfestivals wurden abgesagt und vor allem Kunst, die sich mit der Situation im Osten des Landes beschäftigt, wird verhindert", so der Kommunikationsexperte und Musiker. "Zensur ist was echt Schlimmes. Aber was noch schlimmer ist, ist Selbstzensur. Früher haben einem die Eltern ja immer gesagt "das sagt man nicht, das tut man nicht". Nun haben wir selbst damit begonnen, uns so etwas zu sagen. Das ist sehr gefährlich.

Haftbefehle und Theaterschließung

Şevket nimmt uns mit in eines der Ausgehviertel von Izmir, um uns einigen Freunden vorzustellen. Unter ihnen sind auch Kazim, Dokumentarfilmer, und Mehmet, Theater-Schauspieler. Beide mussten in letzter Zeit Erfahrungen mit Zensur machen. Bei Mehmet war es die Schließung seines Theaters - per Dekret, das heißt ohne Gerichtsprozess. " Zunächst hieß es, die Schließung sei nur vorübergehend, für 20 Tage. Später wurde das Theater aber nicht mehr geöffnet. Es blieb bei der Schließung und wir haben bis heute keine Antworten auf unsere Fragen nach dem Warum bekommen. Solche Schikanen passieren leider momentan. Als Künstler fragt man sich dann: Was habe ich denn getan? Ich hab doch nichts falsch gemacht. Es ist einfach ungerecht", klagt der Schauspieler Mehmet Küçükgünaydın.

Kazım Kızıl in einem Straßencafé
Kazım Kızıl: "Alles was ich mache, hat mit der Türkei zu tun"

Kazım wurde im April sogar festgenommen. Während er Proteste gegen das umstrittene Referendum filmte. Nach seiner Festnahme kam er in Untersuchungs-Haft. Plötzlich warf man ihm Präsidentenbeleidigung vor. Nach drei Monaten kam er wieder frei. Doch bald beginnt ein Prozess gegen ihn. "In einem gewöhnlichen Rechtsstaat würde mich natürlich ein Freispruch erwarten. Aber wir leben momentan in einer Zeit, in der wir nichts vorhersehen können. Vor allem nicht, wenn es um die Justiz geht", erklärt der Dokumentarfilmer Kazım Kızıl.

Künstler wollen Türkei nicht verlassen

Die Türkei zu verlassen ist für die Künstler trotz ihrer Probleme keine wirkliche Option. Auch nicht für Mehmet Küçükgünaydın: "Nein, ins Ausland gehen will ich nicht. Wir lieben unser Land und möchten hierbleiben. Nach Deutschland will ich nur, um auf Theater-Tournee zu gehen", so der Schauspieler. Auch Kazim Kızıl will bleiben. "Meine Arbeit, das, was ich machen möchte, hat mit diesem Land, also mit der Türkei zu tun. Wenn die Bedingungen aber noch schwieriger werden sollten, dann werde ich vielleicht darüber nachdenken zu gehen", so der Dokumentarfilmer.

Künstlerin Pınar Öğrenci vor ihrer Flaschen-Installation
Pınar Öğrenci: "Künstler stehen unter Druck"

Zurück in Istanbul begleiten wir Pınar auf die Biennale. Alle zwei Jahre ist die Kunstausstellung in der Stadt zu Gast. Zwei Monate lang präsentieren dann über 50 nationale und internationale Künstler hier ihre Werke. Die diesjährige Istanbuler Biennale stand international in der Kritik. Das Motto "Iyi bir komşu - Ein guter Nachbar" käme in der Umsetzung zu weichgespült, zu unpolitisch daher. Pınar sieht das anders - sie ist froh, dass die Biennale überhaupt stattfindet. "Eines der größten Probleme in letzter Zeit ist es, dass Ausländer nicht mehr nach Istanbul kommen wollen, auch Leute aus der Kunstszene mit denen wir früher intensiv zusammen gearbeitet haben", erklärt Pınar Öğrenci, "Ihr Rückzug hat in Istanbul zu einer Leere geführt. Dass wir nun durch die Biennale unsere Freunde aus dem Ausland hier sehen, freut uns alle sehr."

Kunst in schwierigen Zeiten. Gerade dann ist sie wichtiger denn je, glaubt Pinar: "Wir wissen, dass wir hier momentan schwierige Tage erleben, dass unsere Bewegungsmöglichkeiten eingegrenzt sind. Aber irgendwie versuchen wir die Kunst- und Kulturwelt Istanbuls am Leben zu erhalten - wir bemühen uns wirklich sehr."

Stand: 02.10.2017 17:22 Uhr

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