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USA: Die Kinder der Süchtigen

USA: Die Kinder der Süchtigen

Die USA haben ein massives Drogenproblem: Jeden Tag sterben dort mehr als 150 Menschen durch Missbrauch von rezeptpflichtigen Schmerzmitteln oder Heroin. Der Präsident hat den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Betroffen sind auch rund drei Millionen Kinder, deren Eltern durch Drogen gestorben sind oder sich wegen ihrer Sucht nicht mehr um die Kinder kümmern können.

Bevor die Behörden eingreifen, vergehen Monate oder sogar Jahre, in denen vorzeitig erwachsen gewordene Kinder sich um ihre Eltern und Geschwister kümmern. Manche Süchtige wachen erst auf, wenn ihnen die Kinder weggenommen werden. Sie setzen alles daran, einen Entzug zu schaffen, damit sie ihre Kinder wieder bekommen. Claudia Buckenmaier (ARD-Studio Washington) berichtet.

Die 15jährige Athena Gregory genießt diesen Moment. Sie konzentriert sich nur auf sich. Hinter ihr liegt der Horror einer Kindheit mit drogenabhängigen Eltern. Mit der vollen Verantwortung für sich, den kleinen Bruder und die Erwachsenen. "Man muss immer an der Seite seiner Eltern bleiben. Selbst wenn sie das machen, was sie nicht machen sollen. Man muss so viel helfen wie möglich, und sehr tapfer sein."

Drogensucht nimmt stark zu

Vater Mutter Tochter
Athena Gregory mit ihren Eltern.

Gemeinsames Kochen gab es damals nicht. Die Familie zog von einer Bleibe zur nächsten. Oft fehlte es am Nötigsten. Zuletzt lebten sie in einem Motel. Drogen bestimmten den Alltag von Athenas Eltern. Zuerst Pillen, dann Heroin. "Ich hatte Athena bei mir, als ich Heroin kaufte", erzählt Jesse Gregory. "Im Keller der Leute spritzte ich mir den Stoff, während meine Tochter oben im Wohnzimmer Fernsehen schaute." Und Sarah Gregory sagt: "Einmal rannte sie durchs Haus und wollte alles wegwerfen, was sie finden konnte. Sie nahm unser Heroin, spülte es die Toilette runter und zerbrach die Nadeln. Sie wusste, dass wir wütend auf sie werden, und fragen, warum sie das getan hat. Dabei war sehr klar warum. Sie wollte, dass wir aufhören." Athena ist elf, als die Behörden eingreifen. Die Kinder kommen in eine Pflegefamilie. "Die Frau sagte, du und dein Bruder, ihr kommt mit mir. Wir gingen die Treppe runter, und ich erinnere mich, wie mein Vater weinte und versprach, wir holen euch zurück, wir werden uns wiedersehen."

Drogensucht in den USA. Die Zahlen im ganzen Land explodieren. Eine Epidemie, sagen die, die damit täglich zu tun haben. Auch hier in Florida. Vor allem in den ärmeren Vierteln, aber nicht nur dort, bestimmen Drogen das Leben vieler Menschen. Die Folge: vernachlässigte Kinder. Heime oder Waisenhäuser sind in den USA nicht üblich. Der Staat setzt stattdessen auf Pflegeeltern. Gesucht werden die Eltern von nicht-staatlichen Organisationen. Für immer mehr Kinder. Allein in diesem Bezirk sind es inzwischen fast dreimal so viele wie vor drei Jahren.  

Pflegeeltern gesucht

Wenn ein Kind hier ankommt, braucht es Trost, Kleider und ein Zuhause. Sogar Geschenke bereiten sie vor, falls ein Kind ausgerechnet an seinem Geburtstag aus dem Elternhaus abgeholt wird. Wenn keine Verwandten einspringen, haben Brena Slater und ihr Team laut Gesetz gerade mal vier Stunden Zeit, um eine neue Familie zu finden. "Unser Bezirksgericht muss durchschnittlich 85 Kinder im Monat unterbringen. Neulich brachten sie in einer Nacht zehn Kinder zu uns. In zwei Stunden. Dann telefonieren wir alle Pflegeeltern ab."

Mutter mit Kind
Kate Dumbaugh mit Aiden.

Längst nicht genug Familien übernehmen diesen verantwortungsvollen Job. Kate Dumbaugh ist eine von ihnen. Sie hat Aidan aufgenommen, als er 9 Monate alt war, dann aber dafür gesorgt, dass der Kontakt zur leiblichen Mutter nie abbrach. Kate erzählt, was es bedeutet, wenn abhängige Eltern plötzlich nüchtern auf ihr Leben blicken. "Wenn ich daran denke, was sie Tag für Tag bewältigen müssen, dann merke ich, wie wichtig es ist, dass sie das Baby jeden Tag sehen können. Dafür arbeite ich, deshalb mache ich das."

Ein Gericht hat Aidans Mutter Katherine ein Jahr Zeit gegeben, nach einer Überdosis Heroin ihr Leben in Ordnung zu bringen. "Wegen meiner Drogenabhängigkeit und weil ich das Sorgerecht für meine beiden anderen Kinder bereits verloren hatte, bekam ich klare Auflagen. Da hab' ich mir gesagt, ok, das reicht. Ich werde nicht ein weiteres Kind an das System verlieren, weil ich Drogen nehme."

Nach 8 Monaten kam das Kind zurück

Katherine hat es geschafft: nach acht Monaten bekam sie das Kind zurück. Aber manchmal holt die Vergangenheit sie ein. "Ich hab' Angst um Aidan. Kinder von Abhängigen gelten ja als besonders gefährdet. Ich bin da durchgegangen und es würde mich umbringen, zu sehen, wie mein Kind das erleben muss."

Vater, Mutter und Sohn
Familie Gregory mit Anthony.

Familie Gregory in Maryland holt ihren Jüngsten vom Schulbus ab. Viele Jahre war Schwester Athena die einzige verlässliche Bezugsperson für Anthony. Er ist autistisch und hat Epilepsie. Seine Mutter kam auch während der Schwangerschaft nicht von den Drogen weg. Heute macht sie sich Vorwürfe. "Ich werde nie wissen, ob mein Verhalten etwas mit seiner Krankheit zu tun hat, aber ich muss immer darüber nachdenken. Ich muss daran denken, dass er für den Rest seines Lebens etwas bezahlen muss, was ich getan habe."

Um Athena macht sie sich weniger Sorgen. Die sagt über sich, 'ich werde nie Drogen anfassen!'. "Ich will beweisen, dass ich kein höheres Risiko habe. Ich bin ich, mein Bruder und ich, wir sind wir. Die Vergangenheit hat keine Macht über uns. Wir sind die Familie, die wir jetzt sind – nichts mehr von dem, was früher war." Athena weiß genau, was sie will. Nach dem High-School-Abschluss plant sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Ihr Traum: ein eigener Salon.

Stand: 20.11.2017 12:56 Uhr

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