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USA: Die Bleikatastrophe von Flint

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USA: Die Bleikatastrophe von Flint

Sie bringen ihren Protest bis in die amerikanische Hauptstadt: Wütende Bürger aus Flint sind nach Washington gekommen, stehen schon seit den frühen Morgenstunden Schlange, um dabei zu sein, wenn der Kongress sich den Mann vorknöpft, den die Flinter letztlich verantwortlich machen für die Wasserkrise: Michigans Gouverneur Rick Snyder.

Melissa Mays
Melissa Mays

Auch die dreifache Mutter Melissa Mays ist extra angereist: "Er hat bisher nur die Schuld auf andere abschieben können. Ich hoffe, der Kongress lässt ihn nicht so leicht vom Haken. Das muss auch passieren, damit hier die Tatsachen ans Licht kommen."

Blei aus dem Wasserhahn

Gouverneur Rick Snyder
Gouverneur Rick Snyder

Und sie wird nicht enttäuscht. Fast vier Stunden lang grillen die Abgeordneten den Gouverneur, beschuldigen seine Regierung, total versagt zu haben, wie zum Beispiel Elijah Cummings: "Wenn wir längst tot sind, werden die Kinder von Flint immer noch an den Folgen dieses Versagens leiden." Gerry Connolly sieht das Image des Landes beschädigt: "Ihre Regierung hat durch Flint dem ganzen Land Schande gemacht. Das wird lange nicht wegzukriegen sein." Und Abgeordneter Matt Cartwright fordert den Rücktritt: "Wem Dollar mehr wert sind als die Sicherheit von Menschen, der gehört in keine Regierung. Sie müssen zurücktreten, Gouverneur Snyder." Der Meinung sind auch die meisten Bürger von Flint. Was war passiert?

Seit dem Rückzug der Autoindustrie in den 80er Jahren ist Flint wirtschaftlich schwer angeschlagen. Fast die Hälfte der 100.000 Einwohner lebt in Armut. Gouverneur Snyder berief einen Notfallmanager, der den Stadthaushalt sanieren sollte und 2014 entschied, das Trinkwasser nicht mehr aus Detroit zu beziehen, sondern billiger aus dem örtlichen Fluss. Doch aus noch immer nicht ganz geklärten Gründen, wurde dabei kein Korrosionsschutz beigemischt – nicht nur unüblich, sondern gefährlich. Viele veraltete Wasserrohre aus Blei fingen an zu rosten und sich zu zersetzen. Hohe Bleimengen lösten sich in das tägliche Trinkwasser.

Um es mal zu veranschaulichen: im nahegelegenen Detroit ergaben Messungen um die 2,3 Mikrogramm Blei pro Liter Trinkwasser – akzeptabel, die US-Umweltschutzbehörde hat den Grenzwert bei 15 festgelegt. In Flint dagegen ergaben einige Messungen bis zu 158 Mikrogramm. Und eine fiel sogar ganz extrem auf: da maß man unfassbare 13.000 Mikrogramm – das gehört eigentlich auf die Giftmülldeponie und nicht in den Wasserhahn.

Verärgerte Bevölkerung

Bereits nach wenigen Wochen beschwerten sich besorgte Anwohner, irgendwas stimme mit dem Wasser nicht. Doch es dauerte mehr als ein Jahr, bis die Behörden reagierten. Seit Januar herrscht der Notstand: Die Nationalgarde ist im Einsatz, um kostenlos Filter und Wasser an die Bevölkerung zu verteilen. Bürgerinitiativen und Freiwillige packen täglich mit an: so sieht sichere Trinkwasserversorgung mitten in Amerika aus.

Ein Mann holt Wasser ab
Ein Mann holt Wasser ab

Ein Mann ist enttäuscht: "Ich will wütend sein, aber ich bin einfach nur traurig. Meine Tochter und meine Enkel sind besonders betroffen. Mich selbst juckt‘s überall wie verrückt." Eine Frau überlegt die Stadt zu verlassen: "Es ist furchtbar. Da muss was passieren, sonst muss ich wegziehen. Das ist doch nicht fair."

Auch im Haus von Melissa Mays ergaben Wasserproben eine hohe Bleibelastung. Seitdem hat sich der Alltag ihrer Familie komplett verändert. Selbst zum Gemüse waschen und kochen kommt nur noch abgefülltes Wasser in Frage: "Um die schädliche Wirkung des Bleis abzumildern, essen wir jetzt mehr Gemüse wie Artischocken oder Grünkohl. Das soll helfen, die Aufnahme des Metalls im Körper zu verringern."

Um dem bleihaltigen Wasser aus der Leitung möglichst wenig ausgesetzt zu sein, duschen ihre Kinder nicht, sondern kippen sich morgens das Leitungswasser nur becherweise über den Kopf. Sohn Christian Mays ist dennoch besorgt: "Wenn ich mir vorstelle, was ich mir da überkippe: das ist Gift. Da wird man doch verrückt!"

Krank durch das Wasser

Die Familie wurde plötzlich öfter krank, litt unter Hautausschlägen, Haarausfall. Die schulischen Leistungen der Jungs sackten ab, weil sie sich nicht mehr gut konzentrieren konnten. Melissa Mays macht sich Vorwürfe: "Ich habe Schuldgefühle. Ich habe das Wasser zwar nicht selbst vergiftet, aber ich habe es meinen Kindern zum Trinken gegeben. Wie kann ich mir das je verzeihen?"

Kinderärzte schlugen irgendwann Alarm, weil die Bleikonzentration in Bluttests plötzlich auffallend hoch war. Blei lagert sich in Knochen ein, im Gewebe und ist daher besonders für Kinder und Heranwachsende so schädlich.

Dr. Uzma Khan
Dr. Uzma Khan

Hausärztin Dr. Uzma Khan listet die Folgen auf: "Wir gehen von vielen chronischen Schäden aus: Knochenleiden, Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen. Blei greift das Zahnfleisch an und führt zu Verhaltensstörungen."

Mittlerweile kommt das Trinkwasser wieder aus Detroit. Und beigemischte Phosphate sollen in den Leitungen einen Schutzfilm bilden. Doch Blei kann sich aus den zerstörten Rohren weiterhin lösen.

Die Bürger beraten sich

"Wir sind doch die Vereinigten Staaten!"
"Wir sind doch die Vereinigten Staaten!"

Wöchentlich treffen sich besorgte und wütende Bürger, um sich auszutauschen. Viele hier sind der Meinung, bei einer reicheren, bei einer weißeren Gemeinde, hätten die Behörden rascher reagiert: "Unsere Regierung hat uns im Stich gelassen. Angefangen bei Gouverneur Snyder. Wir bekommen jetzt zwar Unterstützung, aber da muss viel mehr passieren. Wir sind doch die Vereinigten Staaten." "Es ist so traurig. Warum kriegen die nicht die Gelder zusammen, um endlich die Bleirohre auszuwechseln."

Auch sie rufen: "Keine Rohre, kein Frieden!" Doch alle Wasserleitungen Flints auszutauschen ist kompliziert und teuer. Gouverneur Snyder verspricht dem US-Kongress jedenfalls, alles zu tun, um die Krise zu beenden. Melissa Mays ist das zu wenig. Sie hat sich einer Sammelklage angeschlossen: "Es war schön zu sehen, wie sie ihn beschimpft haben. Aber Neues kam heute nicht heraus."

Immerhin: Das hat der Ausflug nach Washington gebracht – eine gewisse Genugtuung.

Autor: Ingo Zamperoni / ARD Washington D.C.

Stand: 11.04.2016 00:52 Uhr

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