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Katar – Ein Staat mit vielen Gesichtern

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Katar - Ein Staat mit vielen Gesichtern | Bild: WDR

Nackte Beine, nackte Arme – das zeigen die Frauen der katarischen Fussball-Nationalmannschaft nur im Training. Die Henna-Bemalung und auch die offenen Haare soll eigentlich kein fremder Mann sehen.

Eine Frauen-Nationalmannschaft im Emirat Katar - einer von vielen Widersprüchen in einem Land, in dem kaum einer mehr Demokratie fordert. Denn der alleinherrschende Emir sorgt gut für seine Untertanen.

Frauenfußball im Emirat Katar
Frauenfußball im Emirat Katar

„Er tut alles für uns, sagt Suad. Die medizinische Versorgung ist kostenlos, wir verdienen gutes Geld, für uns wird alles getan. Wir müssen nicht mal Strom oder Wasser bezahlen.“

Seit Februar ist Monika Staab katarische Nationaltrainerin. Als sie anfing, da gab es noch nicht mal ein Team. Aber wenn Katars Führung was will, dann wird das auch gemacht

- Monika Staab, Nationaltrainerin Katar

„Das ist also schon extrem, wie die hinter ihrem König oder Emir stehen und das wollen die auch. Die sind happy, so wie sie hier leben. Und der Frauenfußball wird natürlich nicht in dem Ausmaße gefördert, weil es gibt Konservative, die natürlich sagen: Frauenfußball ist nichts für die Mädchen. Die werden zu maskulin, sie kriegen dann keinen Mann, sie kriegen keine Kinder und all diese Vorurteile, die da existieren. Aber verboten ist es nicht.“

Katars Herrscher wollen das Land von Grund auf umbauen. Modern, islamisch, erfolgreich. Davon profitieren vor allem die 250.000 Katarer.

Der Bauboom zieht aber auch hunderttausende Gastarbeiter an. Einige von ihnen würden brutal ausgebeutet, kritisiert Human Rights Watch. Hungerlöhne, miese Unterbringung, gefährliche Arbeit. Und kaum eine Chance, etwas dagegen zu tun.

Baumboom in Katar
Baumboom in Katar

- Priyanka Motaparthy, Human Rights Watch

„Am weitesten verbreitet ist das Vorenthalten eines Ausreisevisums. Wenn ein Gastarbeiter wieder weg will aus Katar, dann muss er vorher die Genehmigung seines Arbeitgebers einholen. Vorher darf er das Land nicht verlassen.“

Wird das neue, schöne Katar von modernen Arbeitssklaven erbaut? Im Dezember sollen die Arbeiten für die WM-Stadien beginnen. Sie alle werden, wie dieser Prototyp, mit einer riesigen Klimaanlage ausgestattet sein.

Nasser al-Khater vom katarischen WM-Komitee kennt die Vorwürfe. Katar sei dabei, das Problem zu lösen, sagt er. Aber Katar brauche Zeit.

- Nasser al-Khater, WM-Komitee Katar 2022:

„Katar hat sich in einem Höllentempo entwickelt, vor allem in den letzten zehn Jahren. Kein Land ist schneller gewachsen, was die Bevölkerung angeht. Es gehört zu den Ländern mit dem größten Wirtschaftswachstum. Die Entwicklung in anderen Bereiche kommt da nicht mit.“

Katar will ganz vorne mitspielen. Und zwar nicht nur beim Fußball.

Michael Stephens forscht für das königlich-britische Institut der Vereinigten Streitkräfte.

- Michael Stephens, RUSI-Institut in Doha

„Es gibt eine Verbindung zwischen Fussball und Politik in Katar. Sie haben die gleiche Wurzel: den Wunsch, wahrgenommen zu werden. Das Zentrum der arabischen Welt zu sein, ein neuer Platz für Wissen und Forschung und Führung.“

Und zwar Führung durch Katar. In der Hauptstadt Doha weht über der syrischen Botschaft die Fahne der Opposition – das gibt es sonst nirgends. Seit Beginn des arabischen Frühlings fördert Katar Regime-Gegner in Syrien, Ägypten und Libyen. Mit Waffen, viel Geld und politischer Unterstützung.

Katar sei der treueste Freund der Aufständischen, meint der neue Botschafter.

- Nizar al-Hrakey, Botschafter des „Freien Syrien“

„Davon profitiert am Ende natürlich auch Katar, das ist doch klar, meint er. Wenn zwei streiten, einer vermittelt und am Ende gibt es eine Einigung – dann haben die streitenden Parteien einen Nutzen und der Vermittler gewinnt an Ansehen. Also wo ist das Problem?“

Und dann gibt es noch „Katar Charity“, die finanziell bestens ausgestattete katarische Hilfsorganisaton. Diese Kinder sind mit ihren Familien aus Syrien geflohen. Katar bezahlt eine Schule, syrische Lehrer, lässt syrische Schulbücher drucken.

Ibrahim Zeinal von Katar Charity war selbst in Syrien.

So sieht es bei uns aus, erzählt ihm das Mädchen, ein Haus, ein Auto, viele Bäume. Wenn das Kind mal zurückkehrt – ob das Haus dann noch steht?

- Ibrahim Zeinal, Qatar Charity

»„Ich frage die Kinder: hat euch Doha gefallen, hat euch Katar gefallen? Und dann sagen sie: sehr. Sie werden also viele gute Erinnerungen an Katar mit sich nehmen.“«

Das neue Katar
Das neue Katar

Katars Öl- und Gasmillionen sind langfristig angelegt. In moderner Infrastruktur und in guten Taten, von denen man spricht, die Freunde schaffen, Beziehungen, Verpflichtungen.

Katar hat viel Geld und ehrgeizige politische Ziele. Wir hätten gerne von Katars Führung erfahren, wie sie selbst die Rolle Katars in der Welt sieht. Doch ein vereinbartes Interview mit dem Außenminister wurde wieder abgesagt, andere Würdenträger waren nicht zu sprechen. Kritiker der Regierungspolitik, von denen es wenige gibt, wollten lieber gar nicht mit uns reden. Die Herrscherfamilie ist mächtig in Golfemirat Katar.

- Ibrahim Zeinal, Qatar Charity

„Unsere Herrscher haben eine Vision, sagt Ibrahim. Sie wollen Katar in die Position bringen, die Katar zusteht. In die richtige Position.“

Katar will sich richtig aufstellen und gewinnen.

Die Frauen-Nationalmannschaft wird heute zum Länderspiel gegen Bahrain antreten. 120 Prozent müsst ihr geben, sagt die Trainerin, nur dann können wir siegen.

Katar will einen Spitzenplatz in der Welt. Und Katar will sich all die arabischen Nationen verpflichten, die alte Herrscher abgeschüttelt haben. Doch diese Mission scheint gescheitert.

- Michael Stephens, RUSI Institut in Doha

»„Hat Katar ein freies Syrien gebracht? Nein. Hat Katar ein stabiles Libyen geschaffen? Nein. Hat ihre Unterstützung der Muslimbrüder in Ägypten eine Demokratie gebracht? Nein. Keines dieser Ziele hat Katar erreicht.“«

»Katars ist ehrgeizig. Doch gegen Bahrain steht es zur Pause 0:2. Bis zur Spitze ist es noch ein langer Weg. Nicht nur für die Fußballfrauen.«

Katars ist ehrgeizig. Doch gegen Bahrain steht es zur Pause 0:2. Bis zur Spitze ist es noch ein langer Weg. Nicht nur für die Fußballfrauen.

Autor: Volker Schwenck/ARD Studio Kairo

Stand: 15.04.2014 10:53 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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