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Ukraine: Was geschah im Gewerkschaftshaus?

Ukraine: Was geschah im Gewerkschaftshaus?

Es ist ein Geschichte, die aus wackeligen Bildern besteht. Die unscharf daherkommt, bruchstückhaft - mit Handyaufnahmen und Youtube-Videos. Bilder, die nicht alles beantworten, aber so drängende Fragen aufwerfen, dass diese Geschichte erzählt werden muss.

Gewerkschaftshaus in Odessa
Gewerkschaftshaus in Odessa

Timur Badschikow, Einwohner Odessas:

»Hier in Odessa wurden schlicht und einfach Menschen umgebracht. Menschen, die eine andere Meinung haben als der Mainstream, als die Regierung in Kiew. Es gibt keine andere Erklärung für das, was hier in Odessa am 2. Mai passiert ist. Sie hatten einfach eine andere Meinung, sie waren Pro-Russen, wissen sie. Und deshalb wurden sie umgebracht.«

Es sind schwere Anschuldigungen, die vor dem Gewerkschaftshaus in Odessa erhoben werden. Bei allem, was man nicht weiß – soviel ist sicher: 46 Menschen starben hier  - viele grausam verbrannt. Seit einer Woche ist es ein Ort der Trauer. Auch für Timur Badschikow. Er ist in der Stadt geboren, der Konflikt mit Russland war ihm lange egal. Doch seit einer Woche sieht er sein Land, die Ukraine, die Revolution hier mit anderen Augen.

Timur Badschikow, Einwohner Odessas:

»Sie haben Molotow-Cocktails, Brandsätze geworfen. Die Türen brannten, die Vorderseite stand in Flammen, niemand konnte mehr raus. Und die Hinterausgänge waren vom rechten Sektor blockiert.«

Brandsätze flogen auf das Gewerkschaftshaus
Brandsätze flogen auf das Gewerkschaftshaus

Hat hier in Odessa wirklich ein Pogrom stattgefunden, wie es auch der Kreml behauptet? Die Videos zeigen, wie Brandsätze auf das Haus fliegen.

Voice-Over:

Springt doch, rufen sie hier den Menschen im brennenden Haus zu. Ein anderer: In Kiew haben sie unseren Aktivisten Leute die Köpfe abgehackt.

Die Aufnahmen zeigen rasende Wut im Inneren des Gebäudes. Sogar geschossen wurde auf das brennende Gebäude. Ein wütender Mob, der – soviel kann man schon dem Anschein nach sagen, nichts mit Selbstverteidigung zu tun hat, und mit friedlicher Revolution schon gar nicht.

Die Vorderseite in Flammen
Die Vorderseite in Flammen

Aber ist das die ganze Geschichte? Der Journalist Sergeij Dibrov hat an jenem Nachmittag gefilmt, acht, neun Stunden lang. Die Gewalt hat auch ihn schockiert, in Odessa, dieser Stadt, die sich selbst für so tolerant hält. Jetzt versucht er mit anderen Bürgern der Stadt die Vorgänge zu rekonstruieren.

Sergeij Dibrov, Journalist:

»Das Finale kann man so nennen – ein Pogrom. Das was geschah, 40, 50 Tote abgebrannte Zelte, das kann man so bezeichnen – wenn man nur das Ende betrachtet. Wenn man aber den ganzen Ablauf genau anschaue, was dazu geführt hat, dann könne man andere Schlüsse ziehen.«

Sergeij Dibrov zeigt uns die Szenen – rekonstruiert aus hunderten Internetvideos: Schon Stunden vor dem verheerenden Brand hatte es in der Innenstadt von Odessa schwere Straßenschlachten gegeben – angezettelt den Bilder nach von Pro-russischen Separatisten. Oder dieser Ausschnitt: Noch vor dem Brand werden vom Dach des Gewerkschaftshauses Steine geworfen - auf die pro-ukrainischen Demonstranten. Wollte hier jemand den Angriff förmlich provozieren, fragt Sergeij?

Und auch das hier – zeigt er uns - ist Odessa am 2. Mai: Menschen versuchen mit Seilen und Bettüchern den Eingeschlossenen aus dem brennenden Haus zu helfen: Als wieder ein Molotow-Cocktail fliegt, gehen sie auf den Angreifer zu: Was machst du da, du Idiot? Szenen, die für Sergej zeigen: Vieles in diesem Konflikt hat mehr mit Psychologie als mit Politik zu tun.

Sergeij Dibrow, Journalist:

»Es gibt quasi zwei psychologische Zustände: Den Kriegszustand – und ich sage mal den Friedensmodus: wenn du im Kriegszustand bist und einen gegnerischen Panzer triffst – ist das ein Grund zur Freude. Du verstehst, dass da Menschen ums Leben gekommen sind, aber du hast gewonnen. Wenn du psychologisch nicht im Blutrausch bist, sondern im Friedensmodus, dann würdest du sofort Menschen aus einem brennenden Panzer retten. Genau das haben wir gesehen: Manche kommen wieder in den Friedensmodus – bei anderen regiert die pure Wut.«

Odessa - ein Ort der Trauer
Odessa - ein Ort der Trauer

Die Katastrophe von Odessa: Sergeij Dibrow weiß, dass es dafür vielleicht Erklärungen gibt – aber sicher keine Rechtfertigung. Er spricht mit Polizisten, Demonstranten, Einsatzkräften. Schlicht die Fakten sammeln will er, möglichst schnell - auch wenn sie beschämend sind. Damit auf der Asche der Toten im Gewerkschaftshaus keine Verschwörungstheorien gedeihen. Und damit vielleicht schon der Vorwand für die nächste Katastrophe – in diesem so zerbrechlichen Land.

Autor: Markus Preiß/ARD Studio Moskau

Stand: 12.05.2014 09:42 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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