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Amazonas: Der Regenwald brennt

Amazonas: Der Regenwald brennt

Es brennt an vielen Stellen. Mit dem Umweltaktivisten Elizeu Berçacola unterwegs im Bundesstaat Rondônia, im südlichen Amazonien. Feuerland in Südamerika bekommt hier eine komplett neue Bedeutung. Die Bilder dieser Tragödie versucht Elizeu einzufangen und die Informationen darüber den Behörden durchzugeben. Was sich noch bewegen kann, versucht dem Inferno zu entkommen. Ein beißender Geruch liegt in der Luft.

Elizeu Berçacola erklärt uns den Grund: "Alles für mehr Weiden. Das Szenario: Amazonien wird verbrannt und abgeholzt. Ein Teil des Waldes stirbt den sofortigen Verbrennungstod; einzelne Bäume, die erstmal überstehen, fallen später. Und viele Tiere kommen um."

Raub am Regenwald für Soja

Darum geht es: Wo noch vor kurzem Urwald stand, ist alles platt, für Soja. LKW mit Agrargut donnern auf der Bundesstraße zwischen Regenwald und Anbauflächen hin und her. Immer größer werden die Weiden für die Rinder.

Der brennende Regenwald
Der brennende Regenwald

Am Rande der Regenwaldschutzgebiete leben einige Kleinbauern wie Ederson und seine Frau. Elizeu erklärt ihnen hier, dass um ihren kleinen Hof herum die Agrarmafia immer härter zuschlägt. Die beiden wissen es längst. Sie haben schon Morddrohungen bekommen, sollen die Gegend schnellstens verlassen. Ehefrau Ivani de Lourdes Marcondes: "Die Lage ist mehr als kompliziert. Wir leben mit der Bedrohung, dass ständig jemand kommen könnte, um Dir Dein Leben zu nehmen."

Ederson führt Elizeu in den Wald, der seitdem er Kind ist, sein Zuhause ist und sein Arbeitsplatz: Vom Wald lebt er und er schützt ihn. Er ist Gummizapfer. Diese Bäume, die ihm den Kautschuk liefern, den er später verkauft, sind ihm fast schon heilig. Aber schon ein kleines Stück tiefer im Wald, zeigt sich, dass sich hier vor kurzem auch andere Menschen bewegt haben: Spuren der Umweltverbrecher. Systematisch gehen sie hier vor, erklären die beiden, schlagen erst kleine Wege in das Dickicht, um dann vorher auf der Karte festgelegte Parzellen aus dem Waldgebiet zu rauben.

Gummizapfer Ederson
Gummizapfer Ederson

Elizeu Berçacola beschreibt: "Das hier ist die Stelle, wo sie durchgegangen sind, wo sie Wege markiert haben. Das sind Leute, die sich auskennen, Forstwirte und Topografen. Sie setzen hier Markierungen, mit denen sie Parzellen einteilen, die sie später illegal als nutzbares Land verkaufen wollen. Dahinter steckt eine mafiöse Organisation, die dieses Verbrechen verübt."

Aus der Luft wird deutlich, was Elizeu meint: Kahle Stellen im Regenwald. Das sind die Parzellen, die illegal verkauft werden sollen und mit dem Feuer entsprechend vorbereitet werden, nach dem Motto: "Ist doch eh schon kaputt, also kann man dieses Gebiet auch landwirtschaftlich nutzen."

Es wird wieder mehr Regenwald zerstört.

Roberto Cabral Borges
Roberto Cabral Borges

Die Vernichtung des Regenwaldes hat 2016 um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen, so IBAMA, das unabhängige Umweltinstitut. Roberto Cabral Borges, Koordinator IBAMA: "Das Problem ist: Wenn wir heute jemanden bei einer illegalen Abholzung erwischen, dann ist der oft beim nächsten Mal wieder dabei. Es fehlt der politische Wille, etwas zu verändern; bessere Gesetze und harte Strafen für diejenigen, die immer wieder bei den Umweltverbrechen erwischt werden. Nur das würde helfen beim Kampf gegen die Abholzung in Amazonien."

Aber Brasiliens Regierung will lieber weitere Schutzgebiete verkleinern. Als jetzt der Kongress abstimmen ließ, ob gegen Präsident Temer wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt werden soll, entging der einer vorläufigen Suspendierung. 30 Prozent der Abgeordneten aus mehreren Parteien gehören hier zur Agrarlobby, die vor der Abstimmung Besuch hatten: Stimmenkauf von Präsident Temer, so wird gemutmaßt, und kein Unrechtsbewusstsein. Julio Lopes von der konservativen Partei PP verteidigt die Regierungspolitik: "Es gibt kein Land, das so viel grüne Fläche hat wie Brasilien; Deutschland nicht und kein Land in Europa hat so viele Wälder. Was wir hier mit unseren Reservaten und Naturschutzgebieten machen, ist doch vorbildlich!"

Krieg um Land

Elizeu Berçacola mit einer Bäuerin
Elizeu Berçacola mit einer Bäuerin

Dass dem nicht so ist, zeigt die Lage vor Ort. Auch die traditionellen Kleinbauern am Rande der Wälder verlieren alles, trotz der Unterstützung von Elizeu. Im Ort Machadinho campen Familien: Kleinbauern und Gummizapfer, vertrieben, bedroht, Familienmitglieder ermordet. 21 waren es hier im vergangenen Jahr. Elizeu, der hier auch für die Landpastorale arbeitet, versucht zu helfen. Aber das ist schwer, hier herrschen die Gesetze von Wild West. Elizeu ist immer schwer bewaffnet, und das aus gutem Grund: "Es gab vier Mordversuche gegen mich, immer mit heftigen Schusswechseln. Da flogen die Kugeln."

Gummizapfer Manoel Vieira erzählt: "Meinen Sohn haben sie mit einem Messer umgebracht, 21 Jahre alt." Und Elizeu Berçacola fügt hinzu: "Sie haben ihn von hinten erstochen. So haben sie ihm das Messer in den Körper gerammt." Menschen, denen alles genommen wird.

Bäuerin Giselda Pereira Pilker ist verzweifelt: "Wir brauchen Hilfe. Wir wollen als ursprüngliche Bewohner dieser Region respektiert werden. Nicht mehr als das."

8000 Quadratkilometer brasilianischer Wald vernichtet im vergangenen Jahr. Das entspricht der neunfachen Größe Berlins. Die kahlen Stellen im Amazonas Regenwald werden immer größer.

Autor: Michael Stocks, ARD Rio de Janeiro

Stand: 07.08.2017 10:51 Uhr

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