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Indien: Verkauft, missbraucht, verstoßen: Minderjährige Mädchen als Sexsklavinnen

Indien: Verkauft, missbraucht, verstoßen: Minderjährige Mädchen als Sexsklavinnen

Wir treffen Muneera Khan in einem Frauenzentrum in Hyderabad. Sie sagt, sie sei 19 Jahre alt. Ihr genaues Geburtsdatum kennt sie nicht. In ihrem Gesicht spiegelt sich die Tragik ihres bisherigen Lebens: elf Jahre alt sei sie gewesen, als ihre Eltern sie verkauften, für 50.000 Rupien. Das sind 800 Euro: "Ich wurde gar nicht gefragt. Meine Verwandten kamen zusammen und haben beschlossen, mich zu verheirate, an einen 75-jährigen Mann aus dem Oman. Mir haben sie es erst am Tag der Hochzeit erzählt. Als ich den alten Mann sah, habe ich nur geweint. Ich habe protestiert und gesagt, ich bin doch viel zu jung dafür."

Im Frauenzentrum
Im Frauenzentrum

Kinderehen sind in Indien verboten. Bei Muneera lief es wie bei vielen Mädchen hier im Frauenzentrum: Heiratsvermittler besorgen gefälschte Dokumente. Ein korrupter Imam vollzieht die Trauung. Muneera musste mit dem alten Mann mitgehen. Drei Wochen lang missbrauchte er sie in einem Hotel in Hyderabad. Dann verschwand er. Muneera wurde schwanger. Als der "Scheich" davon erfuhr, sprach er die Scheidung aus, am Telefon aus dem Oman. Diese Schnellscheidung nach muslimischem Religionsrecht wurde in Indien anerkannt. Acht Jahre ist das her. Muneeras Tochter Mushkan hat ihren Vater nie gesehen: "Ich habe viel gelitten. Wenn ich daran denke, macht mich das immer noch fertig. Ich will jetzt hier nicht weinen vor meiner Tochter. Mushkan soll sich nicht fragen müssen, warum ihre Mutter unglücklich ist. Das würde sie zu sehr belasten."

Keine Wahl für arme Familien?

Rafia Begum
Rafia Begum

Muneera nimmt uns mit zu ihrer Mutter. Sie hatte keine Wahl: Als Schwangere selbst noch ein Kind und dann als alleinerziehende Mutter musste sie zurück zu ihren Eltern. Rafia Begum erzählt uns erst einmal wie sehr sie selbst unter der ganzen Geschichte leidet, unter der Scheidung ihrer Tochter wohlgemerkt. An der Verheiratung kann sie immer noch nichts Schlimmes finden. Sie habe doch gewollt, dass ihre Tochter es gut habe in den Emiraten und nicht geahnt, dass der alte Mann nur Sex wollte: "Unsere Nachbarn hatten ihre Tochter auch an einen Scheich verheiratet. Die Nachbarstochter hat ein neues Haus bekommen und ein kleines Vermögen. Das hatte ich mir auch erhofft. Deshalb haben wir Muneera verheiratet."

Jameela Nishat
Jameela Nishat

Die Nachbarschaft, in der Muneera aufwuchs, ist ein muslimisches Armenviertel. Viele Familien sehen ihr Heil darin, die Töchter in die Arabischen Emirate zu verkaufen. Die Frauenrechtsorganisation Shaheen sagt, dass dies in jeder dritten Familie passiert. Jeden Tag kommen verzweifelte Mädchen ins Frauenzentrum. Nicht immer sollen sie ins Ausland verheiratet werden. Oft sind es Alltagsprobleme. Jameela Nishat hat Shaheen gegründet. Das Armutsargument will sie nicht gelten lassen. Das Problem sei, dass viele muslimische Familien die Mädchen als Ware sehen: "Armut ist keine Entschuldigung. Die Menschen hier waren immer arm. Es ist die reine Gier. Vor allem, wenn die Töchter nach einer schnellen Scheidung noch öfter verkauft werden. Pro Hochzeit erhalten die Eltern etwa 800 Euro. Bei einem gutaussehenden Mädchen und sehr jungen Mädchen können es sogar bis zu 3000 Euro sein."

Die Behörden greifen durch

Seit kurzem greifen die Behörden in Hyderabad gegen den Mädchenhandel durch. Vor einigen Wochen nahm die Polizei zahlreiche indische Ehevermittler und heiratswillige Männer aus den Emiraten fest. Viele sind in der Heimat bereits verheiratet, suchen anspruchslose Zweit- oder Drittfrauen oder einfach nur den schnellen Spaß.

Haji Khan
Haji Khan

Wir treffen den Mann, der diese Verhaftungen möglich gemacht hat: Haji Khan hat jahrelang selbst arabischen Männern illegale Hochzeiten vermittelt. Er zeigt uns die Hotels, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Wir sollten dort lieber nicht aussteigen, meint er, das gebe Ärger. Er erzählt uns, dass der Mädchenhandel so einfach gewesen sei, weil viele Inder bis vor kurzem weder Geburtsurkunden noch Ausweise besaßen: "Die Mädchen sagen jetzt, sie seien elf oder zwölf Jahre alt gewesen. Aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit waren sie schon 18, glaube ich. Gut, manche mögen auch erst 14 oder 15 gewesen sein; das waren aber ganz wenige. Auf jeden Fall haben wir als Agenten dann die Papiere auf 24 oder 25 Jahre hinfrisiert. Die Scheichs nahmen über Mittelsmänner Kontakt zu uns auf. Sie reisten dann offiziell ein, um sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Dann heiraten sie die Mädchen. Die meisten lassen sie hier zurück. Ich wusste die ganze Zeit, dass das alles illegal ist und dass ich ins Gefängnis komme, wenn die Polizei mich erwischt."

Irgendwann habe er ein schlechtes Gewissen bekommen, sagt er. Haji Khan hat bei der Polizei ausgepackt und damit einen Mädchenhändlerring auffliegen lassen.

Fassungslosigkeit bei der Polizei

Mohammad Tajuddin
Mohammad Tajuddin

Der stellvertretende Polizeichef von Hyderabad bestätigt uns das. Er hat die Ermittlungen geleitet und kann es immer noch nicht fassen, dass Eltern ihre zum Teil minderjährigen Kinder verkaufen. Mohammad Tajuddin: "Es gibt so viele verstörende Dinge bei dieser Ermittlung. Die haben selbst uns hier überrascht. Wie können die Eltern so etwas tun? Wissen Sie, wenn ein Kind nicht aus der Schule nach Hause kommt, dann ruft man die Polizei. Aber hier haben wir den Fall, dass die Eltern die Kinder absichtlich ins Ausland verkauft haben."

Viele Menschen in den muslimischen Elendsvierteln von Hyderabad sind tiefreligiös. Und so verwundert es nicht, dass auch korrupte Geistliche in den Mädchenhandel verstrickt waren. Sie haben ausgenutzt, dass der indische Staat der muslimischen Minderheit zugesteht, Hochzeiten selbst zu beurkunden. Die islamischen Friedensrichter haben den Eltern erzählt, alles geschehe im Einklang mit dem Koran.

Muneera Khan hat bitter bezahlt für diesen Zynismus. Als geschiedene Frau mit Kind wird sie nur schwer einen neuen Partner finden: "Ich erzähle meine Geschichte überall. Ich will nicht, dass noch mehr Mädchen verkauft werden. Die Mädchen sollen wissen, was ihnen danach blüht."

Die Frauen bei Shaheen haben Schlimmes erlebt. Für ein paar Stunden am Tag gibt ihnen das Zentrum zumindest ein wenig Geborgenheit und Ablenkung.

Autor: Peter Gerhardt, ARD Neu Delhi

Stand: 13.11.2017 11:02 Uhr

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