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Italien: Mit dem Super-E-Motorrad gegen die Krise

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Italien: Mit dem Super-E-Motorrad gegen die Krise

Batterie aufgeladen, 240 Stundenkilometer in der Spitze – doch nach 150 Kilometern ist Schluss. Dieses Motorrad ist anders als andere, es fährt mit Elektromotor, entwickelt und gebaut in Modena – made in Italy also – von ihr: Livia Cevolini.

Livia Cevolini
Livia Cevolini

Die junge Ingenieurin ist in einer Formel 1-Familie groß geworden: stets umgeben von Gummi und ziemlich viel PS. Vor sechs Jahren kam ihr die Idee: Motorräder bauen ja, aber zeitgemäß! Ein Schritt, den sich die wenigsten trauen. Livia Cevolini, Energica Motor: "Es war eine sehr riskante Entscheidung, aber es scheint sich auszuzahlen. Es war schwierig, weil wir die Anfangsfinanzierung mit dem eigenem Geld und dem Familienunternehmen gestemmt haben."

Hoffnung auf Reformen

Auch wenn das Unternehmen heute erfolgreich läuft – alle hoffen, dass der Verkauf weiter so gut läuft. Und, dass auch Italiens Politik endlich innovativer wird.

Livia Cevolini fordert eine bessere Infrastruktur: "Wir leiden noch immer unter der Langsamkeit, beispielsweise der Infrastruktur bei wiederaufladbaren Batterien. Italien ist Schlusslicht, für uns ein großes Problem. Wir müssen unsere Produkte im Ausland anbieten, obwohl der italienische Markt dafür bereit wäre. Aber ist er doch nicht, denn es gibt keine Ladestationen."

Andrea Vezzani
Andrea Vezzani

Andrea Vezzani ist der Steuerberater des Unternehmens. Freitag war Zahltag. Er stöhnt: Unverhältnismäßig hoch sind die Steuern. Hier sieht er Reformbedarf. Kein Geheimnis in Italien: Trotz hoher Steuern kümmert sich der Staat wenig um Straßen, Gesundheitswesen oder Schulen. Das macht ihn wütend und er glaubt, das schrecke auch ausländische Investoren ab: "Das 'Made in Italy' funktioniert in der Mode, beim Essen und in der Technologiebranche. Die ganze Welt weiß, dass italienische Produkte sehr gut sind. Unerklärlich, warum kein Ausländer hier investieren will. Der einzige Grund ist wohl, dass die Gesetze unverständlich sind. Wir schaffen es nicht, sie zu erklären. Und sie werden nur allzu oft umgangen. Wir ziehen uns halt irgendwie immer aus der Affäre!"

Gut 400 Kilometer Richtung Süden im Außenministerium in Rom wissen sie, dass Italien für ausländische Investoren längst nicht mehr interessant ist. Das muss sich ändern, so Angelino Alfano. Er hat deshalb Vertreter aus der ganzen Welt eingeladen: "Ein großes Problem für viele ist unser zu hoher Steuersatz. Wir haben einen Steuersatz, der Investitionen ausbremst. Ich glaube, dass Steuern zu reduzieren ein fundamentales Instrument ist, Investitionen anzukurbeln. Und deswegen wollen wir sie senken, wir arbeiten daran."

Regierungen auf Abruf

Das Gebäude der Banca d'Italia
Das Gebäude der Banca d'Italia

Politische Instabilität und damit kein gemeinsamer Wille das Land zu reformieren, lähmen Italien. Dabei seien Reformen dringend nötig, so der Präsident der Banca d’Italia Ignazio Visco. Er schaut besorgt auf den Zustand des Landes. Die Lage ernst, die Wirtschaft am Boden: "Fast alle, die auf Zeit angestellt sind, wünschen sich einen festen Vertrag: zwei Drittel Teilzeitbeschäftigter würden gerne Vollzeit arbeiten. Vor zehn Jahren waren es 40 Prozent. Der Lebensstandard der Familien hat sich verschlechtert, vor allem der bedürftigen Familien."

Zurück nach Modena: Lorenzo Reggiani schraubt seit drei Jahren an Motorrädern. Der 23-Jährige hatte Glück: er hatte zuvor lange nach Arbeit gesucht. Italiens Jugend ist gebeutelt, in Hochzeiten waren 40 Prozent von ihnen ohne Job.

Lorenzo Reggiani
Lorenzo Reggiani

Lorenzo Reggiani blickt zurück: "Die ersten anderthalb Jahre nach der Schule habe ich Arbeit gesucht. Mehr als kleine Jobs fand ich nicht. Dann kam dieses Projekt, am Anfang war es ja nur ein Projekt, und jetzt sind wir hier und es scheint immer nur bergauf zu gehen."

Mittlerweile hat sie 45 Mitarbeiter. Und beim derzeitigen Erfolg würde sie gerne mehr Leute einstellen, aber … Unternehmerin Livia Cevolini hat klare Forderungen: "Sie müssen die Lohnnebenkosten senken. Das ist eines der größten Probleme der italienischen Firmen, vor allem, wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen. Wir sind gezwungen, mit weniger Leuten zu arbeiten als wir bräuchten."

Zu teure Arbeitsplätze

Italien hat EU-weit mit die höchsten Lohnnebenkosten; Cevolini hätte Kredite gebraucht – die Banken haben ihr Start-up abgelehnt. Unterstützung vom Staat? Fehlanzeige. Deshalb ging Livia Cevolini mit ihrem Unternehmen an die Börse. Betreut wurde sie von der Finanzanalystin Tatjana Eifrig. Eifrig hat von Anfang an an Cevolini und ihr Motorrad mit Elektromotor geglaubt: "Der ganze asiatische Raum ist in Sachen E-Mobilität weiter als Europa. Europa holt jetzt aber auf. Ein erster wichtiger Schritt, oder?"

Unternehmerin Livia Cevolini: "Stimmt. Bestens. Hoffentlich, die Investitionen sind da, auch das Produkt – jetzt muss sich nur noch das Land verändern."

Tatjana Eifrig
Tatjana Eifrig

In Italien sitzen Banken auf faulen Krediten von geschätzt 350 Milliarden Euro. Diese maroden Banken, so Eifrig, schwächten das Land, das von solch klein und mittelständischen Unternehmen wie dem von Cevolini getragen werde: "Das Problem ist, selbst wenn zu mir eine Firma kommt, die gesund ist und ich sehe, die arbeitet zum Beispiel nur auf dem italienischen Markt, die Wirtschaft lahmt, dann frage ich mich, wie sie ihre Kredite zurückzahlen kann? Das ist das Problem. Es ist ein einziger Teufelskreis."

Land im Teufelskreis

Der Teufelskreis kann nur von der Politik beendet werden, aber es gebe nicht mal politische Stabilität, sagen sie in Modena. Wahlen stehen an: Wann? Ungewiss. Denn für die Italiener gibt es noch immer kein gültiges Wahlrecht.

Livia Cevolini ist unzufrieden mit der Politik: "Ich werde so sauer, wenn ich sehe, was alles bei uns möglich wäre. Wir sind ein so tolles Land mit vielen Möglichkeiten. Ich glaube nicht, dass es sich bei Italien um eine Kranke handelt, nur um eine Patientin, bei der ein paar Dinge korrigiert werden müssen. Sie hat keine schlimme Krankheit, nichts lebensbedrohliches."

Italien, das Sorgenkind Europas. Der Frust in allen Generationen auf die etablierten Parteien ist groß. Es muss was passieren. Aber dass was passiert, bezweifeln hier viele.

Autorin: Ellen Trapp, ARD Rom

Stand: 03.07.2017 09:13 Uhr

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