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USA: Terrorismus – auf dem rechten Auge blind?

USA: Terrorismus – auf dem rechten Auge blind?
Aktivisten fahren mit Autos und Motorrädern nach Hancock
Aktivisten fahren mit Autos und Motorrädern nach Hancock

Hancock, ein kleines Städtchen bei New York, eine ländliche Idylle: Bauernhöfe, Wälder, der Delaware River - Mekka für Sportangler - und Aufmarschgebiet für die neue Rechte in den USA: Pax Hart und Pawl Bazile von den Proud Boys in einem Video: "Das ist doch das Problem, dass es Plätze in den USA gibt, wo so etwas möglich ist. Die Islamisten wollen hier eine No-Go-Zone genauso wie in Europa."

Pawl Bazile
Pawl Bazile

Damit sind sie gemeint: Muslims of America. Ihr Gemeindezentrum gehört zu Hancock. Für die Rechten sind diese US-Amerikaner gefährlich, ein Sicherheitsrisiko. Pawl Bazile war bei der Rally mit dabei. Wir treffen ihn in New York City am Schnittplatz. Er stellt die Videos der Proud Boys her: "Wir haben uns Islamberg ausgesucht, weil die verdächtig sind. Okay, die machen hier nicht etwas offensichtlich Gesetzwidriges. Aber wenn du das Sprachrohr einer Terrororganisation bist, dann bringst du ja nicht jeden Tag Menschen um."

Der Frieden in Hancock ist gestört

Nancy Furdock ist wütend auf Typen wie Pawl Bazile, die ihrer Ansicht nach den Frieden in Hancock störten: "Jeder kennt hier jeden. Wir sind wie eine Familie." Sie ist vor 20 Jahren hierhin gekommen, zuständig im Städtchen für die Außendarstellung. Aber seitdem ihre Heimat in rechten Medien als Standort einer islamistischen Terrorzelle benannt wird, bekommt sie Nachrichten wie diese: "Wir wollten eigentlich unseren Urlaub bei euch verbringen. Aber ich werde doch nicht meine Kinder in Gefahr bringen und in einer Terroristengemeinde unterbringen."

In der Moschee von Islamberg
In der Moschee von Islamberg

Terroristen? Seit 30 Jahren leben in Islamberg vor allem schwarzafrikanische US Amerikaner muslimischen Glaubens zusammen - eine streng gläubige Sufi Gemeinschaft mit 22 Gemeinden in den USA, geführt von ihrem geistigen Oberhaupt Sheikh Gilani. Sie haben die Ghettos der Großstädte verlassen, um auf dem Lande ihren Kindern ein anderes Leben zu ermöglichen.

Tahirah Clark lebt, seitdem sie 12 Jahre alt ist, unter ihnen. Sie hat an der Universität von Albany Jura studiert. Sie verteidigt ihre Gemeinde nach außen: "Angst haben wir nicht. Aber wir sind sehr besorgt: diese permanente Wiederholung von falschen Anschuldigungen kann Gewalttaten auslösen."

Gute Nachbarschaft

Nachbarschaftsfest mitten im Zentrum von Hancock: Die Kirchen haben dazu eingeladen und Nancy und Tahirah haben es gemeinsam organisiert. Sie nennen es Common Grounds – wir gehören zusammen. Nancy Furdock stellt richtig: "Die Darstellung, dass die Leute von Islamberg weggeschlossen und bewacht leben, dass niemand rein oder raus darf, das ist völlig falsch. Das sind Leute wie du und ich, die einfach nur versuchen ihr Leben zu leben und ihre Kinder auszubilden."

Und so werden die Leute von Islamberg im Internet dargestellt: Mit Millionen Aufwand macht die rechte Stiftung Clarion Project in den USA Stimmung gegen die Bürger von Islamberg mit "Enthüllungsfilmen" wie diesem: "Der radikale messianische Anführer Scheik Gilani ist der Gründer von Jamaat ul-Fuqra und ihres Sprachrohres in den USA MOA-Mulims of America mit Sitz in Hancock. Jamaat ul-Fuqra ist eine internationale Terrororganisation, die auch in den USA operiert, und zwar schon lange bevor es die Anschläge vom 11.9. gab."

Falschinformationen, Panikmache und Hetze

Major Barnes
Major Barnes

"Das ist völlig falsch", sagt der zuständige Polizeichef Major Barnes. Er steht in ständigem Kontakt mit dem FBI und er ist in seiner Behörde bei den State Troopers von New York zuständig für die Terrorismusbekämpfung: "Ich kenne die Leute von Islamberg seit langen 15 Jahren. Ich bin ein erfahrener Polizist und tausche mich regelmäßig mit den Kollegen aus den relevanten Behörden im Staate aus. Und ich bin mir sicher, dass die Menschen von Islamberg zu Unrecht angeschuldigt werden. Ich kenne keinen einzigen Anlass, diese Leute in Zusammenhang mit Terrorismus zu bringen."

Aber Leute wie Pawl Bazile wollen diesen Worten nicht glauben. Sie glauben an das, was ihnen mit Millionenaufwand im Internet vorgesetzt wird: "Ich persönlich habe keinen Beweis für Fehlverhalten, aber ich kenne das Clarion Project: das sind Leute, die das sehr viel mehr untersucht haben als ich, dass Islamberg ein verdächtiger Ort ist."

Aufruf zu Gewalt – konkrete Anschlagsplanungen

Und einzelne Rechtsradikale gehen noch viel weiter. Jon Ritzheimer drohte Islamberg per Videobotschaft mit der Waffe: "Ihr wollt unser Land aufmischen, ihr verdammten Muslims? Wir sind bereit."

Dieser Mann heißt Robert Doggart. Er plante einen Terroranschlag auf Islamberg. Hier hören wir seine Stimme: "Wir, die Nicht-Muslime, sollten grausam zu den Muslims sein. Und durch unsere Grausamkeit sollten sie begreifen, wer wir sind. Sie sollen uns fürchten." Doggart wurde vor der Tat als Terrorist verhaftet und im April diesen Jahres zu 22 Jahren Haft verurteilt. Er wollte Rechtsradikale anstiften, Gebäude in Islamberg zu sprengen.

Tahirah Clark
Tahirah Clark

Tahirah Clark erklärt genauer: "Er sagte: 'Wenn dann die Menschen nach der Explosion aus den Gebäuden rennen, erschießen wir sie mit Maschinengewehren.'"

Nancy Furdock ist entsetzt: "Todesdrohungen, Drohungen gegen das Leben meiner Freunde und Nachbarn – das ist nicht akzeptabel. Sie haben nichts falsch gemacht. Sie haben nicht mal etwas getan, das Verdacht wecken könnte. Dennoch haben Leute aus anderen Staaten, die nichts wissen über meine Nachbarn und Freunde, entschieden, dass sie herkommen und ihnen Schaden zufügen."

Zurück in Hancock, zum Nachbarschaftsfest Common Grounds: es ist der Tag, nach Charlottesville, als Ku-Klux-Clan, die Neonazis zu Hunderten durch die Stadt marschiert sind und einer von ihnen sein Auto bewusst in eine Gruppe von Gegendemonstranten gesteuert hatte. Es ist ein Tag, an dem Tahirah und Nancy ihr Zeichen setzen: "Charlottesville – das ist nicht mein Amerika. Mein Amerika ist hier in Hancock. Schau auf deine Nachbarn und lerne von ihnen, auch wenn sie anders sind." Nancy stimmt zu: Genau von diesem Amerika träumt auch Nancy.

Autor: Markus Schmidt, ARD New York

Stand: 18.10.2017 23:32 Uhr

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