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Spanien: die dramatische Spaltung der Katalanen

Spanien: die dramatische Spaltung der Katalanen

Dafür oder dagegen? Das ist die alles beherrschende Frage dieser Tage in der spanischen Provinz Katalonien. Die Nationalisten wollen Unabhängigkeit, denn es fließe zu wenig Geld von der Zentralregierung zurück in die wohlhabende Region um Barcelona, die Sozialisten dagegen lehnen das Referendum als verfassungswidrig ab. Wer als Staatsbeamter für das Referendum wirbt, bekommt Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Familien zerstreiten sich, Nachbarn feinden sich an. Da die Schulen als potentielle Wahllokale versiegelt werden müssen, können Urnen allenfalls draußen stehen. Politisch gerät das Referendum immer mehr zur Farce, doch gesellschaftlich hat es bereits einschneidende Auswirkungen, bevor eine einzige Stimme abgegeben wurde: Es spaltet die Katalanen.

Eine Reportage von Stefan Schaaf (ARD-Studio Madrid).

"Wir wollen wählen" rufen sie am Morgen in Barcelonas Viertel Poblenou – hunderte Menschen warten vor dem Wahllokal, einer Grundschule. In anderen Teilen der Stadt geht die Polizei mit Schlagstöcken vor, hier bleibt es friedlich. Doch gewählt wird nicht – das Computersystem ist lahmgelegt. Die spanische Regierung tut alles, um das Referendum zu verhindern.

Montse Masamunt mit ihrem Ehemann auf der Straße in Barcelona.
Montse Masamunt: "Wir fühlen uns im Stich gelassen"

In der Menge treffen wir zwei befreundete Paare, Montse und José Miguel, beide für die Unabhängigkeit Kataloniens, und Irene und Toni, beide dagegen. Die Unabhängigkeitsfrage hat sie noch nicht entzweit, auch wenn sie verschiedener Meinung sind. "Ich bin zufrieden aber auch ein bisschen nervös", sagt die Unabhängigkeits-befürworterin Montse Masamunt, "Mal sehen, ob wir wählen können. Aber ich bin zufrieden." Irene Martin erklärt dagegen: "Das hier führt zu gar nichts. Ich werde nicht wählen, weil ich nicht zu etwas beitragen möchte, das von Anfang an keinen Sinn hatte." Auch für sie ist es ein Tag großer Anspannung, und der vorläufige Höhepunkt einer schleichenden Entfremdung – der sind wir in dieser Woche nachgegangen.

Gefühl der Ungerechtigkeit

Normalerweise wirkt Barcelona hip und relaxed, doch in diesen Tagen erscheint die Stadt angespannt. Im Getöse der Debatte verschwimmen die Konturen. Wir sind im Arbeiterviertel Poblenou unterwegs, die Plakate der Unabhängigkeitsbefürworter dominieren. Überall wird katalanisch gesprochen. Die Katalanen, ein unterdrücktes Volk – dieser Eindruck stellt sich hier nicht ein.

Das Ehepaar Montse und José Miguel befürwortet eine Abspaltung – Katalonien sei eine Nation, mit eigener Sprache und Kultur. Ihnen geht es wirtschaftlich gut, trotzdem ist da das Gefühl der Ungerechtigkeit – Madrid enthalte Katalonien vieles vor, Respekt, echte Autonomie, Steuergeld. "Katalonien ist eine der wohlhabendsten Regionen in Spanien, aber von den Steuereinnahmen kommt einfach nicht genug Geld zurück. Das reicht nicht. Und deswegen fühlen wir uns im Stich gelassen", sagt Montse Masamunt.

Irene Martin auf der Straße in Barcelona
Irene Martin: "Es gibt nur Plakate für die Unabhängigkeit"

Unten treffen wir ihre Freunde, Irene und Toni, sie lehnen eine Abspaltung ab. Katalonien boomt, sagen sie, warum das alles aufs Spiel setzen? Die beiden haben es schwer in diesen Tagen – den Plakaten der Unabhängigkeitsbefürworter begegnen sie auf Schritt und Tritt. Selbst beim Einkauf im Gemüseladen geht es oft nur noch um das eine Thema – das nervt. "Das ärgert mich sehr, dass ich eigentlich nur Plakate für die Unabhängigkeit sehe. So können sich die Leute doch keine Meinung bilden", kritisiert Irene Martin.

Angriffe auf Gegner der Unabhängigkeit

Noch geht es beschaulich zu im Barrio, aber unter der Oberfläche zeigen sich tiefe Risse. Der Student Lluis Crespo arbeitet bei der sozialistischen Partei, die die Unabhängigkeit ablehnt. Die Folge: Steinewürfe auf das Parteibüro. "Eines Tages kam ein Mann hierhin, warf unvermittelt einen Ziegelstein in das Fenster und schlug dann zwei Kollegen mit der Faust ins Gesicht", erzählt Lluis Crespo. Wer politisch abweicht, macht sich in Katalonien derzeit angreifbar – die Toleranz schwindet. Lluis Crespo berichtet von einem Erlebnis: "Letztens sagte mir eine Frau im Geschäft, wenn ich nicht katalanisch spräche, würde sie mich nicht bedienen. Es ist schon extrem, wie im Faschismus: Du bist ein Vaterlandsverräter, wenn Du nicht so denkst wie die anderen."

Demokratie-Aufkleber auf einem Feuerwehrauto in Barcelona
Feuerwehrauto mit "Demokratie"-Aufkleber

Ein paar Straßen weiter, die Feuerwehr-Station im Viertel Poblenou. Eine kleine Versammlung ist einberufen worden, von den "Feuerwehrleuten für die Unabhängigkeit". Ganze Berufsgruppen fühlen sich der Sache verpflichtet – und von Madrid verfolgt. Weil sie auf ihre Fahrzeuge Demokratie-Sticker geklebt haben, drohen ihnen Geldstrafen. Brenzlige Situationen sind sie gewöhnt – das harte Vorgehen von madrid bestärkt sie nur noch. "Wir werden mit allem möglichem bedroht, etwa mit Gerichtsverfahren, weil wir Poster und Aufkleber an unseren Fahrzeugen anbringen. Damit müssen wir uns in diesen Tagen ständig auseinandersetzen", sagt Feuerwehrmann Pratginestós.

Die Feuerwehrmänner schreiten zur nächsten Tat: "Liebe die Demokratie" steht hier:  es geht eher plakativ zu in diesen Tagen. Aber auch das ist noch in dieser Stimmung möglich – die beiden Paare beim Spaziergang im Park. Ihre Freundschaft hat die Polarisierung überlebt, dennoch  fragen sie sich: wie soll es nun weitergehen?

Zusammenleben nach dem Referendum

"Mich besorgt schon, wie es am Tag danach aussehen wird, wie wir zusammenleben können. Natürlich bin ich für Unabhängigkeit, aber ich hoffe, dass wir einen Plan für die Zeit danach haben", so Montse Masamunt. Irene Martin hält dagegen: "Natürlich respektiere ich die Meinung von Montse, was die Unabhängigkeit angeht, aber sie überzeugt mich nicht. Ich glaube, daß Katalonien für solch einen Schritt sehr viel mehr Zeit braucht."

Spanische Polizei mit Schlagstöcken. Ein Polizist schießt mit Gummigeschossen.
Spanische Polizei geht gegen Bürger vor

Wieviel Zeit Katalonien braucht, das zeigt der heutige Tage - er hat viele hässliche Bilder produziert: Polizeieinsätze, Räumungen, wütende Proteste. Solche Bilder werden die Kluft zwischen Befürwortern und Gegnern, zwischen Katalanen und Spaniern noch vertiefen.

Stand: 02.10.2017 17:22 Uhr

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