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Italien: Neofaschisten auf dem Vormarsch

PlayWahlkampfveranstaltung von Casa Pound
Italien: Neofaschisten auf dem Vormarsch | Bild: Ellen Trapp, BR
Alessandra d'Ottavi
Alessandra d'Ottavi | Bild: BR

Alessandra D'Ottavi will helfen, für ihre Mitmenschen da sein. Die Lehrerin ist Casa Pound-Mitglied. Bei Casa Pound treffen sich Neofaschisten; in den vergangenen Jahren wurden es immer mehr. Die wöchentliche Essenverteilung zeige, erklärt D'Ottavi, dass Casa Pound die einzige Partei sei, die sich wirklich um die Italienerinnen und Italiener kümmere: "Es ist eine Aktion, die nicht mal notwendig sein dürfte. Das allein schon ist ein wichtiger Fakt. Wir sind so tief gesunken, weil der Staat seine Pflichten gegenüber den Bürgern nicht übernommen hat."

Hilfe durch Rechtsextremisten

Die Leute, die die Hilfe von Casa Pound in Anspruch nehmen, sind nicht unbedingt Mitglieder der Partei, aber der Weg – das wissen alle – ist dann nicht mehr weit. Auch kostenlose ärztliche Sprechstunden werden organisiert. Hier allerdings wollen die Leute nicht gefilmt werden, sie schämen sich. Alfonso ist arbeitslos: "Man kann jetzt nicht mehr an die alten politische Werte glauben, die uns unsere Eltern beigebracht haben," erzählt er. Daher könne man nur hoffen, dass diejenigen an die Regierung kämen, die weniger gierig seien. Daniele erzählt uns, er sei zweifacher Familienvater und hätte wegen seiner Arbeitslosigkeit finanzielle Schwierigkeiten und hier helfe man ihm. Er sei bisher kein Parteimitglied gewesen, jetzt schon. Er wähle Casa Pound, weil es immer schlechter werde, Italien brauche Veränderung und er baue auf Casa Pound. Nur hier werde den Italienern noch geholfen.

Casa Pound ist für Alessandra D'Ottavi eine zweite Heimat. Der Faschismus für sie schlicht was uritalienisches: "Unser Ziel ist es, unsere Nation und unsere Identität zu verteidigen. Die Identität einer Nation besteht aus drei Dingen: aus Sprache, Tradition und der heimischen Küche. Italiener zu sein bedeutet für uns ein großer Wert, den wollen wir anderen nicht verwehren. Aber es gibt Gesetze, die definieren, wann man Italiener ist: Haus, Arbeit, Familie gehen über alles!"

Rechts auf dem Vormarsch?

Sie nennen die Flüchtlinge Illegale und Kriminelle. Dass sie alle hierher wollen, müsse unterbunden werden, schnell.

Christian Raimo
Christian Raimo | Bild: BR

Diese Entwicklung beobachtet Christian Raimo mit Schrecken. Auch er ist Lehrer und er versucht zu verstehen, warum es gerade in Italien angesagt ist, Faschist zu sein. Deswegen fährt er auch zu anderen Schulen, um besser zu verstehen, wie die Jungen ticken: "Die Jugendlichen sehen im Neofaschismus auch eine Gemeinschaft und finden dort für sie wichtige Elemente: Nationalismus, einen mehr oder weniger starken Rassismus, sicherlich eine Form von Ausländerhass bezogen auf die Flüchtlinge. Das sind einfache Antworten in Zeiten einer komplizierten Globalisierung."

Heute will er in einem reicheren Stadtteil Roms, durchaus neofaschistisch geprägt, von Jugendlichen wissen, was sie am Sonntag wählen. Schüler Pierfrancesco Foligno: "Ich glaube, dass die Rechte in der jetzigen Situation nützlich für Italien wäre." Christian Raimo fragt nach: "Glaubst Du, dass Du dich im Slogan 'zuerst die Italiener' wiederfinden könntest?" Schüler Pierfrancesco Foligno antwortet: "Oh Gott, nicht zuerst die Italiener, sondern zuerst Italien."

Schülerinnen reden über Neofaschismus
Schülerinnen reden über Neofaschismus | Bild: BR

Die Schülerin Giulia Bazzoli beobachtet eine Entwicklung: "Unter den Jugendlichen spürt man Sympathie für Mussolini, auch für die Gesten wie den Führergruß. Ich habe etwas Angst, dass sich die Geschichte wiederholt." Dagegen hält Edoardo Avena: "Ich persönlich bin nicht einverstanden mit der Flüchtlingspolitik, denn es gibt schon wenig Jobs für uns. Und dann muss man zwischen zwei Formen der Einwanderung entscheiden, der legalen und der illegalen. Letzte geht gar nicht. Wir müssen Menschen aufnehmen, aber wir können nicht – entschuldigt bitte die Wortwahl – Hund und Schwein aufnehmen."
Christian Raimo hat verstanden. Die Jugendlichen fühlen sich von der etablierten Politik nicht vertreten: "Es gibt die Wahrnehmung, dass der Faschismus wiederkommt, als Mode, der die Gesten in den Vordergrund stellt. Wo man spaßeshalber den Führergruß macht, wo man die Hymne des Führers zum Scherz singt. Andererseits wird in manchen Fällen aus dem Faschismus aus Spaß irgendwann eine Ideologie. Sie setzt sich durch."

Geschichte schreiben!

Alessandra D'Ottavi
Alessandra D'Ottavi | Bild: BR

Die Ideologie hat sich in Latina, bei Casa Pound, längst durchgesetzt. Das weiß auch Alessandra D'Ottavi. Sie kämpft bis zum Schluß, um für die Partei ins Parlament einziehen zu können: "Wir sind hier, nicht um die alte Geschichte wieder neu zu schreiben, sondern um die zukünftige Geschichte zu schreiben. Und das wir können schaffen."

Casa Pound glaubt an europäische Werte, lehnt aber den Euro und die Währungsunion ab. Das Gespenst des Nationalismus und Rassismus geht um im Land. Italien ist deutlich nach rechts gerückt.

Autorin: Ellen Trapp, ARD Rom

Stand: 05.03.2018 11:08 Uhr

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