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Unfallforschung – Wieso die Blackbox für Autos kaum zum Einsatz kommt

Blackbox für Pkw

Blackbox für Pkw

Die Technik ist nicht neu – trotzdem kommen die so genannten Unfalldatenschreiber in Deutschland nach wie vor kaum zum Einsatz. Die kleinen Geräte zeichnen beispielsweise Brems- und Beschleunigungsdaten vor einem Crash auf und liefern so wichtige Informationen zur Aufklärung von Unfällen. Kritiker verweisen auf den Datenschutz und die Kosten der Geräte. Dabei hat die Schweiz vorgemacht, wie sich mit den kleinen Datenspeichern Autofahrer erziehen und die Unfallzahlen reduzieren lassen.

Wertvolle Hilfe bei der Unfallanalyse

Rund 2,4 Millionen Verkehrsunfälle im Jahr, 400.000 geschädigte Personen, 4000 Tote – d.h. elf Menschenleben pro Tag! Das ist die erschreckende Bilanz für die Bundesrepublik im vergangenen Jahr. Erschreckend ist auch die Aufklärungsquote der Unfallursachen - bei gut drei Prozent der Verkehrsunfälle konnte bislang keine Klarheit darüber erzielt werden, somit können auch keine Erkenntnisse für künftige Unfallprävention und mehr Verkehrssicherheit gewonnen werden.

Dabei gibt es analog zur Black Box in Flugzeugen auch Unfalldatenschreiber (UDS) für Kraftfahrzeuge – schon seit mehr als zehn Jahren. Allerdings sind diese Geräte kaum in Privatwagen zu finden. Taxiunternehmer, Polizei, Deutsches Rotes Kreuz und Feuerwehr rüsten ihre Fahrzeuge damit aus. Einsatzfahrzeuge mit ständig wechselnden Besatzungen und Vielfahrer mit erhöhtem Unfallrisiko sind prädestiniert für den UDS. Er leistet wertvolle Hilfe bei der Unfallanalyse und hat, nach Einschätzung von Unfallforschern, darüber hinaus eine präventive, disziplinierende Wirkung.

Hersteller des in Europa gebräuchlichen UDS ist die Firma Kienzle-Argo in Berlin. Ihr Gerät generiert einerseits mittels eigener Sensoren sogar Daten wie Längs- und Querbeschleunigung, Richtungsänderungen des Fahrzeugs, Radgeschwindigkeit, Tag und Uhrzeit. Andererseits werden Informationen wie Blinkerbetätigung, Licht, Bremsen über die Elektronik des Fahrzeugs übernommen. Gespeichert werden jeweils ca. 43 Sekunden – 28 vor und 15 nach einem „Ereignis“. Der Ringspeicher überschreibt sich immer wieder selbst, es kann aber auch einen manuelle Speicherung veranlasst werden.

Disziplinierender Effekt

2007 brachte der Schweizer Versicherer AXA Winterthur einen Versuch auf den Weg, bei dem 12.000 Fahranfänger, also junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren, ihre Fahrzeuge freiwillig mit einem „Crash Recorder“ präparieren ließen. Bei unfallfreier Fahrt gewährte der Versicherer ihnen eine niedrigere Prämie. Die Unfallexperten von AXA wollten herausfinden, ob das Wissen darüber, dass das Fahrverhalten protokolliert wird, in der Risikogruppe der Fahranfänger einen disziplinierenden Effekt und damit einen Beitrag zur Unfallprävention  erzeugt. Tatsächlich waren Fahrer mit Crash Recorder weniger häufig in Unfälle verwickelt. Und der Versicherer sparte zusätzlich Geld, da der UDS das Erstellen von Gutachten nach Unfällen erleichtert.

Blackbox für Pkw geöffnet

Momentan sind die Geräte noch teuer.

Die Erfahrungen der Schweizer waren positiv. Lassen sie sich auf deutsche Verhältnisse übertragen? Wenn das der Fall ist, warum machen deutsche Versicherer ihren Kunden kein vergleichbares Angebot? Ein Sprecher des GDV, des Dachverbands der deutschen Versicherer, erklärte, die Situation in der Schweiz sei tatsächlich anders - die Versicherungsbeiträge seien wesentlich höher als in Deutschland, dadurch hätten die Schweizer mehr Spielraum für Rabatte. Auch seien die Kosten des EDR (Event Data Recorder) hoch und seine präventive, unfallverhütende Wirkung nicht eindeutig geklärt.

Der gläserne Autofahrer?

Weitaus positiver sieht Roy Strzeletz vom Berliner Institut Unfallanalyse den UDS. Der Diplom-Ingenieur und Dozent an der TU Berlin forscht seit 20 Jahren zum Thema UDS und begrüßt den Einbau der Geräte in alle Kraftfahrzeuge: „Aus unserer Sicht hätte eine zunehmende Verbreitung des UDS sicherlich einen positiven Effekt, zum einen ganz klar bei der Rechtsfindung, der Rechtssicherheit; zum andern sicher auch bei der Prävention. Und langfristig würden dadurch auch im Bereich der Unfallforschung neue Erkenntnisse gewonnen, die dann wieder zurück fließen in die Fahrzeugsicherheit und uns allen zugutekommen.“

Schafft ein UDS den „gläsernen Autofahrer“? Werden mehr und persönlichere Daten gesammelt, als zur Unfallanalyse nötig? Der ADAC warnt vor der wachsenden Überwachung der Autofahrer und bezweifelt den Mehrwert der Black Box. Die wichtigsten Daten und Gegebenheiten, wie Spurwechsel oder missachtete rote Ampeln, könne der UDS eh nicht erfassen. Der Jurist und ADAC-Verkehrsrechtsexperte Markus Schäpe weist außerdem auf die immer noch hohen Kosten des UDS hin: „Ein Datenspeicher kann sicher in Einzelfällen dazu beitragen, den Unfallhergang aufzuklären, dann zum Beispiel, wenn strittig ist, wie schnell jemand gefahren ist oder ob er rechtzeitig gebremst hat. Das sind aber die wenigsten Verkehrsunfälle. Das rechtfertigt sicher nicht den enormen finanziellen Aufwand, der mit dem Einbau des Geräts verbunden ist, immerhin etwa 800 Euro je Gerät.“

In der Tat ein hoher Preis. Auch für ein Menschenleben? Und: derzeit werden nur etwa 10.000 UDS pro Jahr in Fahrzeuge eingebaut. Wenn das Gerät in höheren Stückzahlen gefertigt würde, etwa für eine flächendeckende Ausrüstung, dann, meint Kienzle-Manager Walter Gerlach, „kostet die Box keine 800, sondern vielleicht noch acht Euro.“ Übrigens: Ford und GM in den USA rüsten ihre Fahrzeuge serienmäßig mit einer Black Box aus. Automobilindustrie, Versicherungswirtschaft und Politik in Deutschland und anderen Ländern der EU diskutieren noch das Für und Wider. Eine „Verordnung“ zur Ausrüstung mit UDS ist nicht in Sicht, ein freiwilliger Einbau aber jederzeit möglich.

Weitere Informationen:

www.kienzle-argo.de

www.unfallanalyse.de

www.adac.de

Stand: 20.06.2013 16:33 Uhr

Sendetermin

So, 17.02.13 | 16:30 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.