SENDETERMIN So, 03.03.13 | 16:30 Uhr

Elektroautos im Winter

Gebrochenes Versprechen?

Die geringere Reichweite ist noch immer das Hauptproblem von Elektroautos. Inzwischen gibt es neue Akkus und die Hersteller versprechen Reichweiten von 150 Kilometern und mehr. Wir machen den Härtetest - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Die Nacht war frostig. Der Wetterdienst hat für den Tag höchstens minus fünf Grad vorausgesagt. Zwei Elektroautos, der Nissan Leaf und der Smart electric drive, sind frisch vollgeladen. Der Test kann beginnen.

Alltagstest

Elektroautos im Alltagstest
Elektroautos im Alltagstest

Die Route führt zunächst mitten durch Stuttgart. Wir haben eine typische Pendlerstrecke ausgewählt, etwas Stadt, viel über Land mit Steigungen und Gefällen, bis nach Reutlingen, hin und zurück 130 km. Das sollten beide Kandidaten schaffen. Für den größeren Leaf gibt Nissan 175 km Reichweite an, beim smart electric drive sind es 145 Kilometer.

Die Heizung wird angeschaltet, auch für die Sicherheit, auf 20 Grad. Auf den ersten Kilometern inklusive Steigung sieht alles noch ganz gut aus.

Nach 30 Kilometern wird es allmählich spannend. Vor allem beim anderthalb mal so schweren Nissan geht die Reichweite geradezu sprunghaft in die Knie. Der Bordcomputer orakelt: In etwa 50 Kilometern ist Feierabend.

Wir ziehen die Notbremse und dicke Klamotten an, Heizung runter, Lüftung aus. Aber das hilft nicht wirklich. Nach einem Zwischenstopp an einer Busstation streikt beim Elektro Nissan die Automatik. Im Bordbuch finden sich keine Hinweise. Wir rufen die Nissan-Hotline an. Aber eine Hilfe ist die auch nicht, denn man finde nichts zu Elektroautos und man habe keine Techniker-Hotline, mit der man verbinden können, so die knappe Info.

Wir haben Glück und bekommen den Nissan zufällig von selbst wieder flott. Aussteigen, Verriegeln, Entriegeln und plötzlich will er wieder, der Stromer. Das Akkuproblem ist damit allerdings nicht gelöst denn inzwischen geht auch dem smart allmählich die Puste aus. Die verbleibende Reichweite ist nur unwesentlich größer.

Die Hinfahrt hätten beide geschafft, doch gleich zu Beginn der Rückfahrt geht dem Nissan schon der Saft aus. Nach 67 km ist es vorbei.

Der smart hält länger durch, 15 Kilometer später allerdings endet die frostige Rückfahrt auch für ihn. Für beide gilt: Ziel deutlich verfehlt.

Den Abschleppdienst hatten wir uns schon in weiser Voraussicht vorher organisiert, denn bei Kälte dauert auch die Ladezeit länger. Bis zum Abend hätte es nicht gereicht. Bei Nissan ist der Abschleppservice im ersten Jahr übrigens inklusive.

Labortest

Elektroautos in der Kältekammer
Elektroautos in der Kältekammer

Eine Woche zuvor wurden beide Stromer im Klimalabor des Dekra Technologiezentrums getestet. Die Techniker können auf dem Prüfstand Temperaturen von der Arktis bis zur Wüste simulieren. Die Kammer wird auf kuschelige 23 Grad aufgewärmt, die gesetzliche Normtemperatur bei der Bestimmung von Verbrauch und Emission. Wir fahren die Stadtverkehrsetappe aus dem neuen World-Zyklus, der künftig für Elektrofahrzeuge Standard wird. Er gilt als realitätsnah, weil er auch Rotphasen an Ampeln und Stopp-and-Go-Verkehr berücksichtigt.

Der Nissan liegt mit 165 Kilometer etwa auf Niveau der Werksangabe, der smart hält deutlich länger durch: Erstaunliche 196 Kilometer, das sind 50 Kilometer mehr als der Hersteller verspricht. Für die Experten keine Überraschung: "Der smart hat ein Leergewicht von 950 Kilogramm und wenn man, wie sie schon festgestellt haben, wir waren ja sehr viel innerstädtisch unterwegs, da hat natürlich die Masse auf den Gesamtfahrwiderstand den größten Einfluss ... Der Luftwiderstand spielt da eher eine untergeordnete Rolle und dadurch kommen die hohen Reichweiten für den Smart zustande auf Grund der ganz geringen Fahrzeugmasse", so Erik Pellmann von der Dekra.

Im Labor der Dekra wird über Nacht die Klimakammer abgekühlt, wir verschärfen die Bedingungen: Minus zehn Grad Celsius. Die Akkus: frisch geladen, Heizung auf 20 Grad. Wieder fahren die Experten den Stadtzyklus. Das Ergebnis fällt diesmal eher ernüchternd aus.

Der Leaf schafft nur schlappe 69 Kilometer, die Reichweite bricht bei Kälte also um 58 Prozent ein. Der smart schafft es etwas weiter, hat aber bezogen auf sein gutes Ergebnis beim Wärmetest einen höheren Verlust: mehr als 60 Prozent.

Und daran, sagen die Experten, sind in erster Linie die Heizungen schuld. Erik Pellmann von der Dekra erklärt: "Leistungsaufnahmen von drei Kilowatt sind keine Seltenheit, um das Fahrzeug erst mal prinzipiell zu beheizen. Dazu kommt noch eine Heckscheibenheizung und ich muss natürlich auch die Fahrsicherheit herstellen, ich muss meine Heckscheibe abtauen und das hat natürlich sofort signifikanten Einfluss auf die Reichweite."

Selbst die reduzierte Reichweite ist für Elektroautos in den meisten Fällen genug, sofern sie als Stadtvehikel zum Einsatz kommen. Allerdings hat der erhöhte Energieverbrauch Einfluss auf die Betriebskosten. Da verhagelt Kälte den Stromern im Vergleich zum Benziner gehörig die Bilanz: Ein Elektrofahrzeug verursacht pro 100 Kilometer etwa Kosten in Höhe von 3 Euro bei einer Temperatur von 22 Grad Celsius. Kühlt man dann auf minus 10 Grad ab, dann erhöhen sich die Kosten für ein Elektrofahrzeug zirka auf 7 Euro und man sieht deutlich, dass der Unterschied zwischen Elektrofahrzeug und Benziner geringer wird, so der Experte.

In Anbetracht der hohen Anschaffungskosten kein gutes Argument für die Stromer. Sollten Hersteller also nicht besser mit offenen Karten spielen, ihre Reichweitenangaben korrigieren und verlässliche Werte auch für den schlechtesten Fall liefern? Wir fragen nach, smart antwortet: "Prinzipiell ein interessanter Ansatz. Allerdings ... existiert hierfür bisher kein Standard."

Der ARD Ratgeber fordert hier von Herstellern und EU alltagstaugliche Reichweitenangaben, die jetzigen Angaben wecken beim Kunden überzogene Erwartungen. Denn wer ist mit dem Auto nur im Sommer oder in südlichen Gefilden unterwegs?

Stand: 20.06.2013 16:20 Uhr

Sendetermin

So, 03.03.13 | 16:30 Uhr