SENDETERMIN So, 30.09.12 | 16:30 Uhr

Fußgänger mit Kopfhörer

Das unterschätzte Risiko

Kind mit Kopfhörer im Straßenverkehr
Hohes Unfallrisiko durch Kopfhörer

Bei Teenagern gehören MP3-Player, Kopfhörer und Handy einfach dazu. Ihre Musik tragen sie nahezu ununterbrochen mit sich: Zu Hause, auf dem Schulhof und unterwegs. Doch im Straßenverkehr können die "Unterhalter" schnell zur Falle werden.

Die Statussymbole von heute sind: Kopfhörer! Damit kann man sich jederzeit von Musik berieseln lassen - auch im Verkehr. Das ist aber nicht nur für Auto- oder Radfahrer gefährlich, sondern erst recht für Fußgänger, die sich ja ohne Knautschzone oder Helm bewegen. Zwei Drittel der Unfälle mit Stöpseln im Ohr oder Kopfhörern widerfahren Jugendlichen, fast 90 Prozent davon im städtischen Bereich. Grund genug für den RATGEBER, der Ursache auf den Grund zu gehen, warum die aktuellen Statussymbole hoch riskant sind.

Schwere Unfälle gibt es leider genug. Ein trauriges Beispiel: Die 16-jährige Deborah. Sie fuhr auf Inline-Skates zu ihrer Freundin, hörte Musik mit Stöpseln im Ohr - die Straßenbahn hörte sie nicht. Deborah war sofort tot. Die Schülersprecherin galt als verantwortungsvoller Mensch, so ihre Lehrerin.

Mit Kopfhörern hört man den Bus zu spät

Junge mit Kopfhörer vor Bus
Verkehrsgeräusche gehen unter

Wir wollen herausfinden, warum Musik im Straßenverkehr so gefährlich ist und machen mehrere Versuche. Zunächst mit  Schülern einen Praxis-Test, unterstützt von der Verkehrsprävention Aalen. Ab wann hören die Teenager den herannahenden Bus: einmal ohne und einmal mit Stöpseln im Ohr. Sobald der Bus hörbar ist, sollen sie das mit Handzeichen signalisieren. Der Schulbus ist gut 100 Meter entfernt, da hört ein Mädchen ohne Musik auf den Ohren den Bus kommen. Der Junge mit Stöpseln im Ohr, die Musik so laut wie immer, reagiert erst, als der Bus schon hinter ihm durchfährt.

Test unter Laborbedingungen

Mädchen bei Studio-Hörtest
Mit Musik Straßenbahn überhört

Um sicher zu gehen, dass unser Straßen-Test überprüfbare Aussagen ermöglicht, wiederholen wir ihn im Labor. Die Testperson hat Musik auf den Ohren, über die Lautsprecher im Raum spielen wir Verkehrsgeräusche zu. Beaufsichtigt von dem Musikpsychologen Günther Rötter von der TU Dortmund. Der weiß: Das Ohr soll immer bereit sein, uns zu warnen. Wir können die Augen schließen, aber wir können die Ohren nicht zumachen, das zeigt, was für eine biologische Bedeutung das Hören hat.

Der Test im Labor bestätigt dann auch den Straßen-Test: Von dreißig Fahrzeugannäherungen wurden nur vier bemerkt. Aber schon einmal den Bus nicht hören, kann in der Katastrophe enden.

Musik blendet Verkehrsgeräusche aus

Kopfhörer am Hals
Überall Musik am Ohr

Wie kommt es aber, dass ein Bus auf verkehrsberuhigter Straße mit Musik auf den Ohren selbst aus wenigen Metern Entfernung akustisch offenbar nicht wahrgenommen wird? Der Wissenschaftler Günther Rötter arbeitet mit dem Begriff der Maskierung, einer Verarbeitungsstörung: Treffen zwei akustische Reize auf das Ohr, überlagert der eine den anderen. Selbst leisere Musik übertönt den Verkehr.

Die Töne sind physikalisch vorhanden, kommen auch im Ohr an, aber das Innenohr ist nicht in der Lage, diese benachbarten, etwas leiseren Töne wahrzunehmen. Die Physiologie des Ohres spielt uns mit dieser Maskierung sozusagen einen Streich. Deswegen ist es eben nicht nur ein Problem der Lautstärke.

Viele Jugendliche hatten schon einen Beinahe-Unfall, das Risiko ist ihnen bewusst. Trotzdem hören sie weiter. Es ist der Irrglaube: Mich wird es schon nicht erwischen.

Aber die 16-jährige Skaterin Deborah hat es erwischt. Ihre Lehrerin ist überzeugt, dass sie auf die Ohrstöpsel beim Inline-Skaten verzichtet hätte, wenn sie sich der großen Gefahr bewusst gewesen wäre.

Stand: 07.11.2012 19:03 Uhr

Sendetermin

So, 30.09.12 | 16:30 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Südwestrundfunk produziert.