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Kindersitze

Gefahr für die Kleinsten?

Kindersitze und Testergebnisse

Gefahren trotz guter Tests?

Kinder möchte man im Auto sicher unterbringen. Beim Kauf von Kindersitzen orientieren sich viele deshalb an Tests. Doch oft werden dort Sicherheit und Einbau gleich gewichtet. Ergebnis: Kleinkinder sitzen längst nicht so sicher wie erhofft.

Seit einem Unfall 2009 ist die kleine Saya querschnittgelähmt. Damals war sie ein Jahr alt, lernte gerade die ersten Schritte. Für die Babyschale im Auto war das Kind zu groß.  Ihre Eltern hatten einen neuen Kindersitz angeschafft, einen in Fahrtrichtung, so wie es fast alle Eltern tun. Dass der Sitz Saya zum Verhängnis wird, damit hatten die Eltern nicht gerechnet:

Risiko: Sitzen in Fahrtrichtung

"Also uns war das nicht bewusst, wir haben einen Kindersitz ausgesucht, der gute Testergebnisse hatte und uns vom ADAC und diversen Empfehlungen leiten lassen", berichtet die Mutter. Empfohlen werden für Kleinkinder wie Saya oft Sitze, die in Fahrtrichtung montiert sind. Aber gerade die können bei einem Frontalaufprall für Kleinkinder lebensgefährlich sein: Der Kopf wird extrem nach vorne geschleudert, die Wirbelsäule belastet. Größere Kinder haben genügend Muskulatur, um so einen Crash zu überleben, für kleinere Kinder kann der Aufprall fatal sein.

Kindersitze warten auf den Test

Kindersitze warten auf den Test

Andreas Ratzek vom Allgemeinen Automobilclub Deutschland (ADAC) erklärt: "Da bei kleineren Kindern der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr schwer ist und die Nackenmuskulatur noch recht schwach, ist das Verletzungsrisiko im Nacken insbesondere bei Kindern unter zwei Jahren sehr groß." Deutlich verringern kann man dieses Risiko mit rückwärts gerichteten Kindersitzen, so genannten Reboardern.

Erfahrungen aus Skandinavien

In Schweden sind Reboard-Sitzsysteme für kleine Kinder seit Jahren Standard. In den vergangenen zehn Jahren ist dort kein einziges Kind in einem Reboard-Sitz tödlich verletzt worden.

Anders als ein normaler Kindersitz wirkt der Reboarder wie ein Schutzschild. Der Körper und vor allem der Kopf werden vom Sitzsystem bei einem Frontalaufprall abgefangen, die Wirbelsäule kaum belastet. Die Gefahr schwerer Verletzungen wird um mehr als 90 Prozent reduziert.

Was empfiehlt der Fachhandel? Wir machen verdeckte Stichproben in Spezialmärkten. Unsere Erfahrung: Mit Reboard-Sitzen kennen sich manche Verkäufer nicht aus, empfohlen werden sie selten.

Leichter Einbau kontra Sicherheit?

Tatsache ist: Reboard-Sitze werden vom Fachhandel kaum angeboten, weil sie kaum nachgefragt werden. Der Grund: Sie sind teurer und - noch wichtiger - bei Tests schneiden sie oft nur durchschnittlich ab, denn sie sind sperrig, die Montage ist kompliziert. Das Problem dabei: Bei Kindersitz-Tests werden Bedienung und Sicherheit gleich gewichtet. Das Argument: Ein falsch eingebauter Kindersitz nützt eben auch nichts, ist sogar sehr gefährlich und deswegen wird einfacher und sicherer Einbau hoch gewichtet.

Andreas Ratzek vom ADAC erklärt: "Es gibt Umfragen oder Studien, die die Fehleinbauten bewerten und da kommt regelmäßig bei raus, dass die Kindersitze falsch oder extrem falsch eingebaut werden und deswegen ist das bei uns sehr wichtig im Test."

Kind wird in Reboarder-Sitz gesetzt

Mehr Sicherheit mit Reboarder-Sitzen

Weil Reboarder oft schwer einzubauen sind, gehen deren Sicherheitsvorteile bei einem Unfall dabei jedoch unter. Mit diesen Kriterien werden ADAC und Stiftung Warentest den Sicherheitsanforderungen für Kinder bis zwei Jahren nicht gerecht. Ihr Test macht eben nicht  klar, dass Reboarder genau für diese Gruppe sicherer wären.

Und der Gesetzgeber? Warum macht der nicht den rückwärtsgerichteten Transport für unter zweijährige zur Pflicht? Man schreibt uns: "Zukünftig ist (...) eine Beförderung von Kindern bis 15 Monate entgegen der Fahrtrichtung vorgesehen. (...) Die Regelung wird (...) voraussichtlich Mitte 2013 in Kraft treten.“

Ein erster Schritt. Besser wäre, das mindestens für alle Kinder bis 24 Monate vorzuschreiben. Außerdem soll die geplante neue Regelung zunächst auch nur für neue, universelle Isofix-System gelten. Wann Sitze ohne Isofix in die neue Verordnung übernommen werden, steht noch nicht fest.

Eltern setzen daher nach wie vor auf Eigeninitiative. Eine Gruppe hat im Internet einen Reboard-Verein gegründet, um über positive Erfahrungen aufzuklären.

Für die kleine Saya kommen die neuen Regelungen zu spät. Sie wird den Rest ihres Lebens mit ihrer Schwerstbehinderung leben müssen. Für die Eltern hat sich seitdem viel geändert. Sie wissen: "Das Leben mit einem querschnittgelähmten Kind ist deutlich teurer als der teuerste Reboard-Kindersitz."

Saya muss nun einen Spezialsitz für Querschnittlähmungen verwenden. Den gibt es nur vorwärts. Deshalb haben ihre Eltern einen Van angeschafft, bei dem man den kompletten Fahrzeugsitz drehen kann. Jetzt sitzt auch Saya rückwärts.

Stand: 25.11.2012 16:30 Uhr

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