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Kältemittel für Klimaanlagen

Ist R1234yf noch gefährlicher?

Feuerwehrmann an einem brennenden Pkw
Brandgefahr bei Unfällen

Das Kühlmittel für die Autoklimaanlage R1234yf ist umstritten, da es sich bei Unfällen entzünden und dann gefährliche Flusssäure entstehen kann. Forscher haben nun einen noch viel gefährlicheren Stoff gefunden. Wird R1234yf jetzt gestoppt?

Für die deutsche Umwelthilfe ist die Sache klar, manch neues Auto ist gefährlich. Schon im Jahr 2008 bringt die Organisation den Stein ins Rollen.  Bei einem spektakulären Brandversuch fängt das Kältemittel der Klimaanlage eines Pkw Feuer. Eine böse Überraschung, denn der neue Stoff mit dem sperrigen Namen R1234yf galt nicht nur als unbedenklich, sondern auch als besonders umweltfreundliche Alternative zum bisherigen klimaschädlichen R134 a. Das hat die EU in einer Richtlinie für alle Modelle, die ab 2011 neu genehmigt wurden, verboten.

Giftgefahr bei Fahrzeugbränden

Brandversuch mit Kältemittel
Entzündetes Kältemittel

2011 landet das Klimamittel auch im Labor der Universität München. Der renommierte Chemie-Wissenschaftler Andreas Kornath macht eine andere gravierende Entdeckung. Fängt das neue Kältemittel Feuer, kann Fluorwasserstoff, also Flusssäure entstehen, die beim Kontakt mit menschlicher Haut für Unfallopfer oder Retter tödlich sein kann.

Trotz dieser Erkenntnisse, trotz aller Warnungen: Autohersteller, deutsche und europäische Genehmigungsbehörden, die EU, sie alle wimmeln ab. Eigene Untersuchungen hätten bewiesen: Das Kältemittel sei unter normalen Crash-Bedingungen beherrschbar, von Lebensgefahr keine Spur.

Auch noch Giftgas

Anfang Mai 2014 sind wir erneut bei Professor Andreas Kornath im Chemie-Labor der Universität München. Ihn beschäftigt die Sache und er hat weiter geforscht. Er entzündet das neue Kältemittel und in den Brandgasen kann der Experte nicht nur Flusssäure, sondern auch Carbonylfluorid nachweisen, ein Abkömmling des Kampfstoffes Phosgen, ein Giftgas aus dem ersten Weltkrieg. Die Substanz, sagen die Wissenschaftler, erhöht das bisher angenommene Risiko des Chemiecocktails etwa um den Faktor 300.

Professor Andreas Kornath erläutert dazu: "Sie ist gefährlicher als Flusssäure, weil sie einfach in den Körper eindringen kann durch die Atemwege, geht schnell in die Zellen hinein. Es entsteht Fluorid. Das bindet das Calzium und wenn in den Körperflüssigkeiten kein Calzium mehr vorhanden ist oder sehr wenig, versagen die Muskeln und schlussendlich versagt auch der Herzmuskel. Es führt also zum Tode."

Kein Handlungsbedarf?

Müsste man dieses offenbar hochgiftige Kältemittel im Lichte dieser Fakten nicht zwingend neu prüfen und möglicherweise aus dem Verkehr ziehen? Wir fragen beim Kraftfahrtbundesamt nach. Ein Interview wird abgelehnt und auf ein eigenes, früheres Gutachten verwiesen. Dort habe man der EU weitere Untersuchungen mit Nachdruck bereits empfohlen.

Reinhard Hönighaus von der EU-Kommission meint dazu: "Dann kann das KBA diese Untersuchungen ja machen!"

Das klassische Schwarze-Peter-Spiel, bei dem es offenbar auch um wirtschaftliche Interessen geht. Die Chemieindustrie mache Druck, hören wir, und auch für die Autohersteller ist das Kältemittel eine lukrative Sache. Fahrzeuge müssen, um die EU-Richtlinie zu erfüllen, nicht umgerüstet werden. Das spart Kosten.

Noch haben die Autohersteller erst wenige neue Modelle mit dem neuen Kühlmittel auf dem Markt. Und die Gefahr in der Zukunft spielen sie herunter.

Opel etwa erklärt uns gegenüber: "Das Kältemittel R1234yf ist ebenso sicher wie sein Vorgänger R134a. Beide Kältemittel verhalten sich im Falle eines Brandes ähnlich."

Kältemittel im Laborvergleich

R1234yf entzündet sich an einer Flamme
r1234yf entzündet sich sofort

Wir lassen die Brennbarkeit an der Uni München prüfen. Die Wissenschaftler benötigen für den Test Schutzanzüge und Gasmasken. Zunächst wird das neue Kältemittel in ein Glas gefüllt und über eine Flamme gegossen. Es entzündet sich sofort.

Beim Versuch mit dem alten Kältemittel R134 a gibt es von Feuer keine Spur. Im Gegenteil: Die Flamme wird von dem Treibhausgas sogar erstickt. Es ist offenbar weit weniger brennbar.

Daimler hat nach eigenen Versuchen die Notbremse gezogen, will das neue Kältemittel nun doch nicht in seinen Autos und braucht dafür einen Trick. Für neue Modelle wurde die Typgenehmigung erweitert. Die neue A-Klasse beispielsweise ist also zulassungstechnisch kein neues Auto, sondern eine Fortentwicklung der alten A-Klasse und damit ist das EU-Verbot, das das alte Kältemittel für neue Autos nicht mehr erlaubt, ausgehebelt. Die Bundesrepublik unterstützt das, nicht aber die EU: Sie verklagt die Bundesregierung und eröffnet vor wenigen Wochen ein Verfahren wegen Vertragsbruch.

Reinhard Hönighaus von der EU-Kommission erklärt dazu: "Wir verlangen von der Bundesregierung, dass die Richtlinie über mobile Klimaanlagen auf alle Hersteller gleichermaßen angewendet wird."

Vermutlich muss der Europäische Gerichtshof entscheiden. Das heißt: Längst ist die Diskussion um das neue Kältemittel zum politischen Schwarzen-Peter-Spiel geworden, bei dem die Sicherheit der Autofahrer zunehmend auf der Strecke bleibt. Dorothee Saar von der Deutschen Umwelthilfe kritisiert, dass Autofahrer möglicherweise mit einem riskanten Kältemittel unterwegs sind, ohne es zu wissen. Die Fahrzeuge seien nicht besonders gekennzeichnet. Auch Rettungskräfte könnten dann nicht wissen, dass sie sich im Falle eines Brandes einem solchen Fahrzeug mit ganz anderer Schutzkleidung nähern müssten.

Spätestens ab 2017 wird das umstrittene Kältemittel Standard sein, zumindest solange gefahrlosere und gleichzeitig umweltfreundliche Alternativen nicht serienreif sind, etwa CO2. Aus der Industrie hören wir, das könne noch bis zu fünf Jahren dauern.

Fahrzeuge, in denen das Kältemittel R1234yf verwendet wird

Einabu einer Klimaanlage
Klimaanlageneinbau

Wir haben bei verschiedenen Fahrzeug-Herstellern nachgefragt, in welchen Ihrer Fahrzeuge das umstrittene Kältemittel R1234yf verwendet wird. Die Angaben beruhen auf den Informationen der Hersteller und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Änderungen sind möglich (Stand: Mai 2014)

BMW

BMW setzt derzeit R1234yf nur im neuen BMW i3 ein.

Ford

Bei Ford sind die Modelle Ford Transit und Ford Tourneo Custom, jeweils nur in den als Pkw zugelassenen Varianten, mit dem Kältemittel ausgestattet.

Hyundai

Bei Hyundai sind die Modelle Hyundai i10,  i30- und Hyundai Santa Fe (jeweils neues Modell) mit Produktionsdatum ab 01.01.2013 und i30-Fahrzeuge, die zwischen 25.01.2012 und  03.06.2012 produziert wurden, mit R1234yf ausgestattet.

Kia Motors

Kia Motors liefert die neue Kia cee’d Familie, den Kia Sorento Facelift, den Kia Optima Hybrid, den neuen Kia Carens und den neuen Kia Soul mit R1234yf aus.

Nissan

Derzeit werden die nach dem 1. Januar 2013 neu auf den europäischen Markt gebrachten Fahrzeuge Nissan Note und Nissan Qashqai mit dem Kältemittel R1234yf ausgerüstet.

Opel

Bei Opel wird der Mokka seit dem 1. Januar 2013 mit R1234yf befüllt.

PSA

Der französische Hersteller baut die Marken Peugeot und Citroen.

Bei Peugeot werden der in Deutschland nicht vertrieben Peugeot 301 und der neue Peugeot 308 mit R1234yf ausgestattet.

Bei Citroen sind die ersten mit dem Kältemittel R1234yf ausgestatteten Fahrzeuge der Citroen C-Elysée, in Deutschland nicht vertrieben, und der neue Citroen C4 Picasso.

Bei den Herstellern Mazda, Toyota, im Volkswagen-Konzern (VW, Audi, Porsche, Seat, Skoda), bei Volvo wird derzeit kein Modell mit dem Kältemittel R1234yf ausgestattet.

Stand: 25.05.2014 16:30 Uhr

Sendetermin

So, 25.05.14 | 16:30 Uhr

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Südwestrundfunk produziert.