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Designszene Ruhrgebiet

Manchmal hält das Image einer Region einfach nicht Schritt mit der Wirklichkeit. Das Ruhrgebiet ist längst nicht mehr so trist wie sein Ruf, es hat sich gewandelt, ist vielfältiger geworden und kreativer. Inzwischen ist dort eine zwar noch kleine, aber sehr lebendige junge Designszene heran gewachsen, die es lohnt kennen zu lernen.

Der Designer Pierre Kracht aus Dortmund (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Der Designer Pierre Kracht aus Dortmund. ]

Pierre Kracht ist Diplomdesigner. Er lebt und arbeitet in Dortmund, hat dort auch studiert. Seine poetischen 'Nicht-Möbel' liegen weit ab vom Mainstream. Ihn interessiert die Kombination von handwerklichen Techniken mit 'unwohnhaften' modernen Materialien wie Glasfaser oder Kohlefaser.

Stilmöbel als Kontur (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Stilmöbel als Kontur. ]
Daraus wickelt er so künstlerische Objekte wie den Stuhl "Louis Carbon", der nur noch die Kontur, die überhöhte Idee eines Stilmöbels verkörpert. Oder er strickt Lampen und Teppiche aus PVC-Kabel.  "Der Kabelteppich ist ein Unding", so der Designer, "und sich gerade das dann in die Wohnung zu legen, ist etwas Besonderes."

Jennifer Heimann von halloessen (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Jennifer Heimann von halloessen. ]
Halloessen ist ein junges Label, das von Jennifer Heimann, Holm Giessler und Kai Eckoldt gegründet wurde und sich schon per Namen in der Region verorten will. Die drei Freunde kennen sich aus dem Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen und betreiben ihr Designprojekt in der Freizeit, neben anderen Lohn-und-Brot-Jobs. "Wir hatten irgendwie Spaß daran, eigene Ideen neben dem Alltag zu verwirklichen, wo kein Kunde mit rein spricht," sagt Jennifer Heimann.

Das Schubladenmöbel Poki (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Das Schubladenmöbel Poki. ]
Das Ergebnis sind charmante Entwürfe, die immer ein kleines Aha-Erlebnis parat haben. Wie "dans", ein Hocker von Kai Eckoldt, der tatsächlich auf spitzen Ballettfüßen unterwegs zu sein scheint. Oder das textile Schubladenmöbel "poki", eine Gemeinschaftsarbeit von Jennifer Heimann und Holm Giessler. Die Designerin vergleicht die Schubladen mit Frauenhandtaschen, die macht man auf und dann verschwindet alles darin. Sieht trotzdem gut aus.

Die Macher von Heimatdesign (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Die Macher von Heimatdesign. ]
Wer solche Newcomer und ungewöhnlichen Ideen sucht, sollte sich bei Heimatdesign umschauen, einer Dortmunder Agentur, die von Reinhild Kuhn und Marc Röbbecke gegründet wurde. Die Macher wollen die Kreativszene aus dem Revier voran bringen und einer größeren Öffentlichkeit präsent machen. "Die Grundidee ist eigentlich, dass man als Plattform agieren möchte", erklärt Marc Röbbecke, "so dass man den Absolventen der verschiedenen Designhochschulen, die es hier gibt, eine Spielfläche, ein Display gibt."

Um das Revier als Ansiedlungsort für diesen Talentpool attraktiv zu machen, hat Heimatdesign schon so einiges auf den Weg gebracht, neben Veranstaltungen, Ausstellungen und Messen wie der Designersfair in Köln auch ein Print-Magazin, in dem junge Designer und ihre Ideen vorgestellt werden. Demnächst geht auch ein Online-Shop an den Start.

Aus Ideen vermarktbare Serienprodukte zu machen ist ein mühsamer Weg. Da hilft, wenn es Bühnen gibt wie die Designersfair in Köln, wo sich der Nachwuchs einem Publikum präsentieren und Kontakte machen kann. Bestenfalls zu einem Hersteller.

Multifunktionale Produktfamilie rund ums Brot (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Alles außer altbacken – eine multifunktionale Produktfamilie rund ums Brot. ]
Darauf hofft auch Nina Thöming, die dort mit ihrer Diplomarbeit, einem multifunktionalen Brotbackset vertreten war. "Alles außer altbacken" heißt diese Produktfamilie, die den guten alten Römertopf gründlich entstaubt hat.

Anke Bernotat, Designerin und Professorin an der Folkwang Universität der Künste in Essen (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Anke Bernotat, Designerin und Professorin an der Folkwang Universität der Künste in Essen. ]
Nina Thöming hat an der Folkwang Universität der Künste in Essen studiert, bei Anke Bernotat. Die Professorin ist selbst erfolgreiche Designerin, mit ihren Stühlen wurde z.B. die Jahrhunderthalle Bochum ausgestattet. Anke Bernotat schätzt die Initiative von Heimatdesign und hält sie für Erfolg versprechend, weil es in der Region auch ein Potential an guten Produzenten und Handwerkern gibt.

Um sich am Markt zu etablieren, braucht es nicht nur Talent, sondern auch Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen. Man muss Kontakte pflegen und Ideen ausbauen. Pierre Kracht hat vor drei Jahren sein Diplom gemacht. Er kann inzwischen von seinen Entwürfen leben, mal mehr mal weniger. Nicht zuletzt Dank Käte, Pierre Krachts Erfolgsmodell. Käte ist eine Lampe aus PVC- oder Textilkabel und wird handgestrickt, in eigens entwickelter Stricktechnik  Dabei gehen je nach Größe zwischen 50 und 100 Meter Kabel drauf. Wer robuste Sehnen und Gelenke hat, kann sich sogar selbst an einer Lampe versuchen, denn Käte gibt es auch als Selbst-Strick-Set, Anleitung inklusive.

Wie die meisten jungen Talente aus der Kreativszene, fährt auch Pierre Kracht mehrgleisig. Neben seinen freien, eher künstlerischen Arbeiten hat er sich mit Lebensgefährtin Katrin Füser ein zweites Standbein aufgebaut: Mit ihrer Agentur Fremdform bieten sie Objekt- und Raumgestaltungen an, Auftragsarbeiten nach Kundenwunsch.

Bis sich für halloessen der Traum erfüllt, im Portfolio eines Hersteller zu landen, versuchen die Designer, ihr Schubladenelement poki auf eigene Faust zu produzieren, mit einer Behindertenwerkstatt. Nach dem Motto: Man muss weiter machen, daran  glauben, die ganze positive Energie hinein stecken, wie Jennifer Heimann so treffend sagt.

Autorin: Lisa Vieth

Links:

www.heimatdesign.de

www.fremdform.de

www.hallo-essen.com

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 24.06.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 24.06.12 | 16:30 Uhr