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Der Geld-Check (2): Wo Kommunen hinlangen

Völlig unterschätzt - der Preisanstieg bei Kommunalen Gebühren.
Völlig unterschätzt – der Preisanstieg bei kommunalen Gebühren.

Die Städte und Gemeinden drehen an der Gebührenschraube. Angesichts leerer Kassen, immer öfter und immer drastischer. Ob Wasser, Müll, Kita, Grundsteuer oder Parken – allein der Wohnort entscheidet darüber, wie viel Bürger zahlen müssen.

Der "Geld-Check" zeigt, wo in Deutschland die Gebührenfalle zuschnappt und wie Bürger ihr entkommen können. Was dürfen Kommunen? Wo überfordern sie ihre Bürger? Wie kann ich bei der Wahl des Wohnortes Geld sparen?

Flickenteppich Deutschland

Müll, Wasser, Grundsteuer – wieviel zahlt ein Durchschnittshaushalt dafür im Jahr? Wo lebt es sich am günstigsten, wo am teuersten? Der "Geld-Check" ist unterwegs in ganz Deutschland. Im hohen Norden, in Flensburg können sich die Bürger freuen. Hier verlangt die Stadt nur 845 Euro pro Jahr. Damit ist Flensburg eine der günstigsten Kommunen in Deutschland.

Ganz anders die Rechnung für Leverkusen. 1839 Euro pro Jahr zahlt hier eine Familie für Wasser, Müll und Grundsteuern. Das sind fast 1000 Euro mehr als in Flensburg. Leverkusen gehört beim Thema kommunale Abgaben zu den teuersten Städten in Deutschland.

Familien aus Leverkusen und Flensburg
Günstiges Flensburg, teures Leverkusen: Bei Wasser, Abwasser, Müll und Grundsteuer beträgt der Unterschied für diese beiden Familien fast 1000 Euro im Jahr.

Das gilt übrigens für zahlreiche Städte in NRW. Hier gibt es viele verschuldete Kommunen, ein Hauptgrund für hohe Gebühren. Den Flickenteppich mit unterschiedlich hohen Gebühren findet der "Geld-Check" auch regional. Dies sollten Familien bei einem Umzug im Blick haben.

Kostenfalle Kitagebühren

Besonders für Familien mit Kindern im Kita-Alter lohnt es sich, bei der Wahl des Wohnortes nach den Kitagebühren zu fragen. Von Ort zu Ort unterscheidet sich die Höhe der Gebühren für städtische Kitas gewaltig. Wer das im Blick hat, kann Tausende Euro sparen. Den Wohnort wechseln, nur ein paar Kilometer weiter im Speckgürtel der Großstädte, das kann sich für  Familien richtig auszahlen.

Der Geld-Check zeigt, wie Familien bei Kitagebühren viel Geld sparen können.
Der Geld-Check zeigt, wie Familien bei Kitagebühren viel Geld sparen können.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Kinder, desto größer ist das Sparpotenzial. Der "Geld-Check" hat dies für die Ballungsräume Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf, Leipzig und München berechnet. In einem Radius von jeweils 20 Kilometern liegen die Kitakosten in den einzelnen Kommunen weit auseinander. Spitzenreiter ist der Ballungsraum Hamburg, bei zwei Kita-Kindern liegt die  Differenz hier bei 4400 Euro pro Jahr. 

Kosten unterschätzt

Kommunale Abgaben als Kostentreiber im Alltag werden immer noch unterschätzt. Bei der "Geld-Check"-Umfrage "Was ist in den vergangenen fünf Jahren teurer geworden, was billiger?" lagen alle befragten Verbraucher falsch. Niemand hatte Wasser, Müll oder Steuern auf dem Schirm. Dabei zahlt jeder Bundesbürger im Schnitt 250 Euro pro Jahr für Gebühren und Beiträge an seine Kommune.

Wie Kommunen hinlangen

Die Schere zwischen armen und reichen Kommunen wird immer größer. Jede zweite Stadt oder Gemeinde wird in diesem Jahr ein Defizit einfahren. Das heißt für die Einwohner dort, sie werden mehr bezahlen müssen für Gebühren, Steuern und Abgaben. Das belegt eine aktuelle repräsentative Umfrage. Für ihre Kommunenstudie 2016 hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young die Kämmerer von 300 Städten ab 20.000 Einwohneren befragt. Danach planen vier von fünf Kommunen in diesem oder im nächsten Jahr Steuern und Gebühren zu erhöhen.

Grafik Städte wollen Gebühren erhöhen
In den meisten Städten sind höhere Gebühren und Steuern geplant.

41 Prozent wollen Kitagebühren verteuern, 34 Prozent die Grundsteuer, 32 Prozent die Friedhofsgebühren und 18 Prozent die Parkgebühren.

Wo Kommunen übertreiben

Wenn es um die Sanierung von Straßen geht, ist Deutschland ein teures Pflaster. Was Kommunen mancherorts ihren Bürgern an Kosten aufbürden, geht an die Existenz. Das Kommunalabgabengesetz der Länder ermöglicht Städten und Gemeinden reichlich Spielraum. Und so entscheidet wieder einmal der Wohnort darüber, ob Anwohner Tausende Euro für ihre Straße zahlen müssen oder gar nichts.

Es geht um Straßenausbaubeiträge. Berlin hat sie gerade abgeschafft, Hamburg ist dabei und in Baden Württemberg gab es sie nie. In den anderen Bundesländern erweist sich Deutschland wieder einmal als Flickenteppich. Im niedersächsichen Lehrte trifft der "Geld-Check" Anwohner, die 75 Prozent der Straßensanierungskosten zahlen müssen.

Das heißt fünfstellige Beträge, egal ob Rentnerin oder alleinerziehender Vater. Im thüringischen Zella-Mehlis müssen Anwohner sogar für Straßensanierungen zahlen, die Jahrzehnte zurückliegen. Im hessischen Wildeck nutzt die Kommune das Modell der wiederkehrenden Beiträge, heißt: Wenn hier saniert wird, zahlen alle im Ortsteil, mit kleinen Beiträgen.

Wie man sich wehren kann

Der Verband der Deutschen Grundstücksnutzer rät Anwohnern mit hohen Sanierungsbescheiden sich zu wehren. Ihre Erfahrung: Fast jeder Beitragsbescheid sei rechtswidrig oder fehlerhaft. Tausende betroffene Bürger haben sie schon beraten. Ihr Tipp: Sich zu Prozessgemeinschaften zusammenschließen, die Einspruchsfrist von vier Wochen beachten, beim Kauf eines Grundstückes oder Hauses bei der Kommune eine Anliegerbescheinigung einholen.

Weitere Anlaufstellen für betroffene Bürger:

Allgemeiner Verein für gerechte Kommunalabgaben in Deutschland e.V.
Verein Stop von Straßenausbaubeiträgen  in Deutschland e.V.

Die "Geld-Check"-Recherchen präsentiert Roberto Cappelluti.

Ein Film von Daniel Mauke und Jürgen Ackermann