"Wir Vermögenden sind aufgefordert, uns unserer Verantwortung zu stellen"

Ralph Suikat
Ralph Suikat

"Völlig absurd" nennt Ralph Suikat die Gehälter von Spitzenmanagern im Vergleich zu normalen Arbeitgebern. Er fordert größeres Verantwortungsbewusstsein von Vermögenden, zu denen er sich selbst auch zählen kann. Suikat baute mit einem Partner erfolgreich eine IT-Firma auf, verkaufte seinen Anteil aus privaten Gründen und engagiert sich seitdem zunehmend gesellschaftlich.

Macht es Ihnen zu schaffen, wenn Sie in einen Topf mit Leuten geworfen werden, denen es nur ums Geld geht?

Zu schaffen vielleicht nicht unbedingt. Aber es ärgert mich ein ums andere Mal. Mir ist es als mittelständischer Unternehmer immer wichtig, dass alle Beteiligten im Umfeld des Unternehmens sich wohlfühlen. Mitarbeiter, Lieferanten, die Kunden natürlich. Und das ist, glaube ich, auch selbstverständlich, dass man als mittelständischer Unternehmer ein gewisses Maß an Verantwortung trägt. Wenn ich mir im Gegensatz dazu das Verhalten von einigen Managern von großen Konzernen oder von Banken anschaue, gewinne ich den Eindruck, dass dort das Thema Verantwortungsbewusstsein keine besonders große Rolle spielt. Gewinnorientierung steht häufig über allem. Und Gewinnorientierung ohne Verantwortung geht nahezu immer zu Lasten der Mitarbeiter, der Umwelt, der Gesellschaft, denkt man nur an die Steuersparmodelle.

Wie gerecht sind aus Ihrer Sicht Löhne und Gehälter im Vergleich zu den Einkommen von Unternehmern und Spitzenmanagern in Deutschland?

Ich glaube, da ist einiges verrutscht. Gerade in den letzten Jahren. Als ich mich mit meinem Geschäftspartner vor knapp 25 Jahren selbstständig gemacht hatte, lag das Verhältnis zwischen dem, was ein normaler Angestellter verdient hat und dem, was der Vorstand eines Dax-Konzerns verdiente, bei eins zu zwanzig. Das heißt, der Chef hatte zwanzig mal mehr. Wenn man es auf heutige Verhältnisse runterbrechen und mal 40.000 Euro Durchschnittsgehalt im Jahr ansetzen würde, dann wären das immerhin 800.000 Euro. Damit lässt sich eine ganze Menge anstellen, wie ich finde. Gleichwohl, auch heute hat kaum ein mittelständischer Unternehmer ein solches Gehalt, die liegen deutlich tiefer. Heute haben wir eine Relation von eins zu 300 oder teilweise noch darüber hinaus. Das ist aus meiner Sicht völlig absurd und durch Verantwortung oder besondere Leistung nicht ansatzweise zu erklären.

Die Realeinkommen im unteren Bereich sind zum Teil gesunken im oberen Bereich teilweise sehr stark gestiegen. Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen?

Wenn man sich zunächst einmal die Realeinkommen im unteren Bereich anschaut, gibt es aus meiner Sicht vor allem zwei Entwicklungen. Zum einen sind immer weniger Mitarbeiter in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt. Das bedeutet, dass in den nicht tarifgebundenen Unternehmen die Löhne tendenziell niedriger sind. Zum anderen ist es so, dass sich immer mehr, insbesondere größere Unternehmen, auch ihrer Verantwortung entziehen und Mitarbeiter nicht mehr unbefristet anstellen, sondern eher über Leih- oder Zeitarbeitsverhältnisse. Damit sind die Löhne ebenfalls deutlich niedriger. Die Lebensplanung der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist deutlich erschwert und die Wahrscheinlichkeit, später in Altersarmut zu geraten, die ist deutlich erhöht.

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Zum einen haben sich tatsächlich die Topverdiener eine immer größere Scheibe vom Kuchen abgeschnitten und damit ihre Löhne überproportional erhöht. Zum anderen hat die Steuerpolitik auch einen entsprechenden Beitrag dazu geleistet. Als ich 1993 mit meinem Geschäftspartner die Firma gegründet habe, lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent, wenige Jahre zuvor sogar bei 56 Prozent, heute sind es lediglich 46 Prozent, die von den Topverdienern zu zahlen sind. Und ein weiterer Punkt, der in Zukunft sicher noch eine größere Rolle spielen wird, sind die Einkommen aus Kapitaleinkünften. Hier beträgt der Steuersatz lediglich 25 Prozent, deutlich weniger als der Spitzensteuersatz und auch in aller Regel weniger als der Steuersatz für normale Arbeitnehmer. Die Lobby der Reichen hat einen 'guten Job‘'gemacht muss man sagen – leider.

Angesichts der Tatsache, dass derzeit etwa 250 Milliarden Euro pro Jahr vererbt werden und letztendlich kaum etwas davon der Erbschaftssteuer unterliegt, werden sich diese Verhältnisse ausweiten und die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter auseinandergehen.

Sie fordern als Unternehmer Sanktionen gegen Betriebe, die Geschäfte über Steueroasen abwickeln. Warum?

Das Thema Steueroasen kommt ja alle Jahre mit einer gewissen Regelmäßigkeit wieder auf den Tisch. Ob es die Lux-Leaks waren oder die Panama-Papers, was auch immer. Fakt ist, dass der Kampf gegen die Steueroasen bislang relativ halbherzig geführt wird. Und das ist leider verbunden mit Nachteilen für mittelständische Unternehmer, die in aller Regel brav ihre Steuern zahlen, während von Konzernen abenteuerliche Konstruktionen betrieben werden, um sich der Steuerlast und der Verantwortung für die Allgemeinheit zu entziehen. Aktuelles Beispiel: Apple in Irland mit den dreizehn Milliarden, die absurderweise das Land Irland überhaupt nicht haben will, weil Irland Angst hat, dass sich dann Apple einen anderen Standort – oder eine andere Steueroase, möchte ich beinahe sagen – sucht. Und von daher, im Sinne eines fairen Wettbewerbs, müssen hier schärfere Maßnahmen zur Ausrottung der Steueroasen ergriffen werden.

Sie gehören zu einer winzigen Gruppe von weniger als 70 Reichen in Deutschland, die den Appell für eine Vermögensabgabe unterschrieben haben. Warum setzen sich so wenige Vermögende dafür ein?

Noch vor wenigen Jahren hätte ich, wenn ich darauf angesprochen worden wäre, auch nur mit dem Kopf geschüttelt, weil wir in unserer Gesellschaft beinahe darauf trainiert sind, unsere Besitzstände reflexartig zu verteidigen und alles, was Gefahr läuft, uns anzugreifen, erstmal abwehren. Wenn man sich aber etwas intensiver mit dem Thema soziale Gerechtigkeit befasst, dann kommt man relativ schnell zu dem Ergebnis, dass dort einiges falsch läuft und dass Handlungsbedarf besteht. Und ich denke, dass wir Vermögenden dort in einer besonderen Art und Weise aufgefordert sind, unsere Verantwortung wahrzunehmen und uns einzusetzen für diejenigen, denen es nicht so gut geht wie uns.

Gab es für Sie einen besonderen Anlass, sich mit dem Thema Gerechtigkeit zu befassen?

Es gab kein Schlüsselelement für mich, sondern je länger ich mich mit dem Wirtschaftssystem beschäftigt habe, jetzt nicht nur aus der Perspektive eines Unternehmers, sondern auch aus der Sicht eines Bürgers, eines Verbrauchers, um so mehr habe ich Fehlentwicklungen festgestellt. Und diese Fehlentwicklungen gibt’s eben auch im Bereich der Vermögens- und Einkommensverteilung. Und dieser Appell für die Vermögensabgabe spricht mich deswegen an, weil er provokant ist, weil es in Deutschland eher ungewöhnlich ist, dass sich Menschen engagieren für eine Sache, die ihnen persönlich zum Nachteil gereicht. Und es geht mir persönlich jetzt weniger um die Details in diesem Appell, sondern viel mehr um den spannenden Gedanken einer gewissen Generosität, den ich auch erleben durfte bei vielen anderen Unterzeichnern, die, unabhängig von diesem Appell, viele Projekte zu Gunsten von Dritten initiiert oder unterstützt haben.

Welche Rolle spielt die Gier in unserem System?

Steven Hawking, der geniale, an den Rollstuhl gefesselte Physiker, hat Dummheit und Gier als die beiden Gefahren bezeichnet, die mit großer Wahrscheinlichkeit den Untergang der Menschheit bedeuten können. Und leider ist es in unserem System momentan so, dass es darauf ausgerichtet ist, dass ein Immer-mehr-haben-wollen und miteinander im Wettbewerb sein zentrale Elemente des Systems sind. Von daher ist es zunächst mal nicht verwunderlich, dass ein Unternehmer sich dem gar nicht unbedingt entziehen kann. Stillstand gilt als Schwäche, als Rückschritt.

Als Unternehmer sind sie in dem System ein Stück weit drin. Sie denken immer an den Wettbewerb, an die Wettbewerbsfähigkeit, wie sie den Gewinn entsprechend vergrößern können. Und von daher ist es zunächst mal ganz normal, diese Gedanken auch im privaten Bereich weiter auszuleben. Gandhi hat es mal schön auf den Punkt gebracht: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse aber nicht für jedermanns Gier.

Welche Folgen hat der explodierende Reichtum einer kleinen Minderheit für die Demokratie?

In der Tat sind gerade die Vermögen von den Superreichen in den letzten Jahren besonders stark gestiegen. Nach aktuellen Untersuchungen der Organisation Oxfam besitzen die 62 reichsten Menschen auf der Welt genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also rund 3,6 Milliarden. Das ist ein Irrsinn, das ist unfassbar und letztendlich maßgeblich den Entwicklungen auf dem Finanzmarkt geschuldet. Wie wir wissen, bekommen Geldanleger bei der Bank im Moment kaum Zinsen. Gleichwohl steigen Aktien und  Immobilienvermögen. Das sind Geldanlagen, die vielen überhaupt gar nicht zugänglich sind, und die machen die Superreichen noch reicher.

Wenn einzelne Personen derart viel Vermögen auf sich vereinbaren, dann gibt’s natürlich auch andere Wünsche, den eigenen Status zu dokumentieren. Die Villa, die Yacht und andere Dinge reichen dann nicht mehr aus. Da muss es dann schon der Fußballverein, der Fernsehsender, die Zeitung oder ein Weltraumprojekt sein. Und gerade was den Einfluss auf Medien anbelangt, ist das natürlich auch eine Gefahr für die Demokratie, weil in diesen Medien dann im wesentlichen die Gefahr besteht, dass die Themen der Reichen gesetzt werden und andere, unangenehme Themen unter den Teppich gekehrt werden.

Was passiert, wenn keine Ihrer Forderungen umgesetzt wird?

Ich denke, die Gesellschaft entsolidarisiert sich weiter. Das ist ein Trend, den wir im Moment sehen. Der milliardenschwere Investor Warren Buffet hat einmal von einem Klassenkampf gesprochen. Klassenkampf zwischen Arm und Reich, den seine Klasse, nämlich die Klasse der Reichen, gewinnen wird. Das sind Zustände, die sicherlich auch zu sozialen Unruhen führen können und das möchte letztendlich niemand. Auch die Superreichen nicht. Und von daher denke ich, dass insbesondere wir Vermögenden aufgefordert sind, uns unserer Verantwortung zu stellen. Aber auch alle anderen sind aufgefordert etwas zu tun, sei es auf eine Demo zu gehen, um gegen TTIP oder Ceta, sprich die Macht der Konzerne, zu demonstrieren. Sei es, den Abgeordneten im Wahlkreis anzuschreiben und ihn aufzufordern, dass er sich für eine stärkere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften einsetzt, sei es, eine Online-Petition zu unterschreiben. Jeder kann etwas tun. Das Allerschlimmste wäre, nichts zu tun.

Ralph Suikat gründete 1993 mit einem Partner in Karlsruhe die IT-Firma STP Informationstechnologie AG. Das Unternehmen mit rund 150 Beschäftigten und 25 Millionen Euro Jahresumsatz hat sich auf Programme für Juristen spezialisiert und ist in Deutschland Marktführer im Bereich Software für Insolvenzverwalter und Insolvenzgerichte. Wegen der Erkrankung seiner Ehefrau verkaufte Ralph Suikat vor kurzem seinen Firmenanteil und engagiert sich zunehmend gesellschaftlich. Unter anderem gründete er die Initiative "Fairantwortung", die sich für faires und ökologisches Wirtschaften einsetzt, und unterstützt die "Bewegungsstiftung".

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