Was sind die größten Verpackungsärgernisse? Gibt es Alternativen?

Yvonne Willicks lässt die Verbraucher abstimmen. Über welche Verpackungen ärgern sie sich am meisten?

In den sozialen Medien hat Yvonne Willicks aufgerufen, ihr zu schreiben, über welche Verpackungen sich die Zuschauer besonders ärgern. Die Resonanz war groß, viele haben Fotos geschickt oder Videos, wie sie versuchen eine Verpackung zu öffnen. Diese Verpackungen hat Yvonne Willicks im Einkaufszentrum in Oberhausen den Verbrauchern zur Wahl gestellt: Welche sind für Sie die ärgerlichsten?

Hintergrund der Aktion: Yvonne Willicks will diese Verpackungen der Umweltministerin mitbringen und erfahren: Was kann Politik hier tun?

Verpackungsärgernisse – das stört die Verbraucher am meisten:

  • Platz 1: Blisterverpackungen. Das sind Sichtverpackungen aus Plastik. Der Grund: schwer zu öffnen, mit zum Teil Verletzungsgefahr und außerdem viel Müll! 

  • Platz 2: Produktreste in Verpackungen. Zum Beispiel die Creme, die sich nicht ausdrücken lässt oder die Ketchup-Flasche, bei der immer noch etwas Ketchup drin bleibt. Ärgerlich: Lebensmittel oder Kosmetikreste werden verschwendet, das ist unnötig und außerdem Geldverschwendung.

  • Platz 3: Eingepacktes Obst und Gemüse. Unnötig – finden viele Verbraucher und unnötiger Müll.

Dr. Rolf Abelmann vom Institut VerpackungsMarktforschung überprüft regelmäßig die Verbraucherfreundlichkeit von Verpackungen. Auch er stellt immer wieder fest, dass solche Verpackungen die Testpersonen ärgern. Außerdem klagen die Verbraucher über Verpackungen, die sich schwer öffnen lassen.

Stellungnahmen zum Verpackungsärger Platz 1: Warum verwenden die Hersteller Blisterverpackungen?

Zahlreiche Hersteller haben sich schriftlich dazu geäußert und jede Menge Gründe für die Verwendung von Blisterverpackungen aufgelistet:

- Der Verbraucher sieht die Produkte im Original, nicht nur auf einem Bild. Dies in der Regel von vielen Seiten.

- Der Verbraucher kann sicher sein, dass die Produkte nicht verkratzt oder anderweitig beschädigt sind.

- Der Händler kann das Produkt sicher und dauerhaft stabil am Lochhaken im Regal präsentieren.

- Die Verpackung behält dauerhaft ihre Qualität und das Produkt wird attraktiv präsentiert.

- Die Produkte können nicht verschmutzen.

- Es entstehen kein Aufwand und keine Kosten für den Austausch beschädigter Produktverpackungen, was bei anderen Verpackungsarten durchaus der Fall sein kann.

- Beim Transport kann die Ware auf engem Raum gepackt werden. Es wird kaum "Luft" verschickt.

Yvonne Willicks sieht hierin hauptsächlich Hersteller- und Händler-Vorteile, der Verbraucher hat mit dem Müll und dem schwierigen Öffnen zu kämpfen.

Hersteller und Händler schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Media-Saturn schreibt:

»Grundsätzlich ist es Entscheidung der Hersteller, welche Verpackungsart sie für Produkte wählen - zumal Blisterverpackungen weltweit im gesamten Einzelhandel eingesetzt werden. Die Einflussnahme des Handels ist hier also begrenzt. Im regelmäßigen und engen Dialog mit unseren Lieferanten sprechen wir aber darüber, wie sich Verpackungen optimieren lassen können, auch im Sinne der Kundenfreundlichkeit. Viele Argumente sprechen dabei für die Blisterverpackung: Die Produkte können hochwertig und sichtbar präsentiert werden, zudem bietet die Verpackung einen Schutz vor einer möglichen Beschädigung. Nicht zuletzt spielt für uns selbstverständlich auch der Diebstahlschutz eine Rolle.«

Das Unternehmen Rossmann gibt sogar zu, dass Blisterverpackungen sich absichtlich ohne Hilfsmittel nicht öffnen lassen sollen, "weil sie die Artikel schützen und den Diebstahl erschweren"-

Das sei allerdings "kein sympathisches Thema, weshalb wir uns dazu auch nicht vor der Kamera äußern werden. Jeder weiß es, aber keiner spricht gerne darüber. Tatsächlich jedoch müssen Drogeriemärkte schon sehr einfallsreich sein, um "Klaurenner" wie Rasierklingen oder Aufsteckzahnbürsten effizient zu schützen.

Mit einem Dosenöffner sei das Öffnen zuhause kein Problem, meint das Unternehmen. Eine Videoanleitung wird auch gleich mitgeschickt.  "Jeder Kunde kennt diese Methoden." Das brauche man doch nicht vorzuführen.

Warum sind Verpackungen oft so groß und unpraktisch?
Warum sind Verpackungen oft so groß und unpraktisch?

Stellungnahmen zum Verpackungsärger Platz 2: Warum verbleiben so viele Produktreste in der Verpackung?

Die Antwort vom Mayonnaise-Hersteller Müller: "… für Verbraucherfeedback sind wir grundsätzlich offen. Sowohl Produkt-, als auch Verpackungsentwicklung sind in unserem Unternehmen ein permanenter Prozess. Unsere Verpackungen sind jedoch so konzipiert, dass sie im Rahmen des aktuellen technischen Standards unseren hohen qualitativen Anforderungen, den individuellen Produktspezifikationen, den Anforderungen unserer Handelspartner und dem größtmöglichen Verbrauchernutzen entsprechen.“

Die angefragten Kosmetikhersteller haben sich nicht geäußert.

Stellungnahmen zum Verpackungsärger Platz 3: Warum wird Obst und Gemüse in Plastik verpackt?

Die meisten Handelsketten halten an dieser Art der Verpackung fest. Hauptargument dafür ist die "sichere Trennung von konventioneller und Bio-Ware" (ALDI Nord).

Edeka schreibt außerdem: "Grundsätzlich dienen Verpackungen – gerade auch bei sensibler Ware – zum Schutz der Produkte. Diese Funktion deckt sich mit den Erwartungen vieler Kunden aus hygienischer Sicht."

Des Weiteren würde vorportionierte Ware "von vielen Verbrauchern nachgefragt", so ALDI Nord.

Es gibt aber auch erste Ansätze für Verbesserungen. So schreibt Netto: "Aktuell prüfen wir verschiedene nachhaltigere Verpackungslösungen sowie Materialien, um somit unseren ökologischen Anspruch an die BioBio-Range weiter auszubauen. So werden wir Ende Juli 2015 bereits unsere Bio-Bananenverpackungen von Beutel auf Banderole umstellen und somit den Verpackungsanteil erheblich reduzieren."

Edeka schreibt: "Mit Blick auf das Eigenmarkensortiment prüft EDEKA kontinuierlich umweltfreundlichere Verpackungsalternativen und -optimierungen, unter der Prämisse der Produktsicherheit. So wird bereits ein großer Teil der EDEKA Obst- und Gemüse-Eigenmarken auf Papierschalen bzw. in Kartontrays angeboten."

Achtung: Kindersichere Verschlüsse – kinderleicht geöffnet:

Ein weiteres Ärgernis, auf das Dr. Rolf Abelmann vom Institut VerpackungsMarktforschung hinweist, sind zu leicht zu öffnende Verpackungen – konkret: ungenügende Kindersicherung bei chemischen Reinigungsmitteln! Sie haben einen "kindersicheren" Verschluss – viele ließen sich in unserer Stichprobe von einer Fünfjährigen aber ohne Probleme öffnen.

Das erschreckende Ergebnis teilt Yvonnes Team den Herstellern mit. Alle angeschriebenen Unternehmen versichern, dass die Verschlüsse nach EN ISO-Norm 8317 getestet wurden.

Das Pressebüro von Sagrotan und Cilit Bang erläutert: "Im Rahmen der EN ISO-Norm 8317 wird ein Test mit Kindern im Alter von 42 bis 51 Monaten durchgeführt, bei den Testteilnehmern im Kindesalter dürfen 85 Prozent nicht in der Lage sein, innerhalb der ersten fünf Minuten und ohne Hilfestellung eines Erwachsenen, die Flasche zu öffnen." Die Norm wird also nur an Kinder bis 4 Jahre und 3 Monate getestet.

Immerhin schreibt das Unternehmen Unilever: „Wir nehmen Ihren Hinweis auf und werden erneut die Sicherheit des Verschlusses prüfen.“ 

Gibt es bessere Verpackungs-Alternativen?

Erste Ansätze für praktischere Verpackungen gibt es. So gibt es inzwischen einen Deckel für Konservengläser, der sich mittels neuer Technik problemlos ohne viel Kraft öffnen lässt. Das funktioniert so: Der äußere Rand des Deckels ist vom Inneren getrennt und lässt sich ohne Unterdruck – und deshalb ganz einfach – drehen. Danach kann man den Unterdruck des inneren Deckels leicht überwinden.

Auch für umweltfreundlichere Verpackungen gibt es schon umsetzbare Alternativen. So produziert die Firma Pirlo Tubes in Österreich Tuben, die besonders dünne Wände haben und sich deshalb besser ausdrücken lassen. Gleichzeitig sparen sie so Material und verringern den Einsatz von Kunststoff.

Noch fehlen die Anreize für die Unternehmen

Aktuell wird dort auch eine Tube produziert, die zu 70 bis 80 Prozent aus Kalk besteht. Durch den Einsatz von Kalk wird die Menge an Kunststoff "gestreckt" – es muss also viel weniger Kunststoff eingesetzt werden als bei herkömmlichen Tuben. Das geht auch mit Holzfaser, so die Verpackungsentwicklerin Carolina Schweig, die sich für ökologischere Verpackungsalternativen einsetzt.

Leider bedeutet eine Umstellung der Verpackungsmaschinen auch immer Kosten für das Unternehmen, weshalb sich diese Verpackungsalternativen noch nicht durchgesetzt haben. Es fehlen bislang die Anreize für die Unternehmen in solch verbraucher- und umweltfreundlichere Alternativen zu investieren. Yvonne Willicks fordert: Verbraucher und Politik müssen mehr Druck auf die Unternehmen ausüben, damit sich etwas ändert.