SENDETERMIN Mo, 14.09.15 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der Discounter-Check

Der Discounter-Check | Video verfügbar bis 14.09.2020

Aldi, Lidl und Netto sind die umsatzstärksten Discounter in Deutschland – mit den meisten Filialen. Kein Wunder also, dass die Deutschen glauben, die "großen Drei" inzwischen richtig gut zu kennen. So kaufen viele Kunden bestimmte Produkte ganz bewusst nur in einer der drei Ketten – oder schwören ganz und gar auf "ihren" Discounter. Aber sind diese (Vor-)Urteile überhaupt gerechtfertigt?

Versteckten Tricks der Discounter auf der Spur

"Der Discounter-Check" überprüft sie im Konsumentenalltag. Er beleuchtet dabei auch die unbekannten Seiten von Aldi, Lidl und Netto und zeigt, mit welchen versteckten Tricks die Ketten arbeiten. Wer bietet neben frischem Obst und Gemüse auch ungenießbare Ware an?

Die Ergebnisse

Check: Preis

Billig, billiger, am billigsten – mit diesen und ähnlichen Versprechen versuchen Discounter ihre Kunden in den Laden zu locken. Aber auch die Discounter bieten immer mehr Markenprodukte und darüber hinaus eigene so oder ähnlich genannte "Gourmetprodukte" an. Experten sagen, dass bei diesen die Gewinnspanne mit am größten sei. Wir wollen wissen: Welcher Discounter langt da beim Preis am heftigsten zu? Wir bilden dafür einen Warenkorb mit Produkten des täglichen Bedarfs – von Orangensaft über Butter bis hin zu Camembert. Dann schauen wir bei Aldi Süd, Lidl und Netto, ob es diese dort in verschiedenen Varianten zu unterschiedlichen Preisen gibt – und wählen jeweils die teuerste Variante aus.

Das Ergebnis: Der Warenkorb kostet bei:

Lidl: 24,46 Euro = 2 Check-Punkte

Aldi: 26,07 Euro = 1 Check-Punkt

Netto: 28,42 Euro = 0 Check-Punkte

Check: Geschmack

Doch der Preis ist nicht alles – es muss auch schmecken. Wir haben für einen Warenkorb hochpreisiger Produkte von Lidl, Aldi Süd und Netto viele hungrige Testesser gesucht und gefunden: in einer Uni Mensa. Sie probieren "Gourmetprodukte" und vergeben dafür Geschmackspunkte. Sieger: wieder Lidl.

Die Punkte im Überblick:

Lidl: 211 Gourmetpunkte = 2 Check-Punkte

Aldi: 188 Gourmetpunkte = 0 Check-Punkte

Netto: 201 Gourmetpunkte = 1 Check-Punkt

Check: Frische

Die Discounter haben neben den abgepackten Produkten eine große Auswahl an Obst und Gemüse. Aber können die Discounter auch die Frische gewährleisten, die für Obst und Gemüse so wichtig ist? Wir haben in sechs verschiedenen Städten von Hamburg bis München bei Lidl, bei beiden Aldis und bei Netto Stichproben gemacht. Konkret: Eisbergsalat, Trauben und Erdbeeren. Diese drei Produkte kaufen wir ein – und zwar in jedem Laden die schlechteste Ware in der Auslage. Wir wollen wissen: Ist auch diese noch in ordentlichem Zustand – also verkehrsfähig – oder handelt es sich um „Gammelware“? Für unsere Einkäufe lassen wir uns immer nur wenige Sekunden Zeit. Ein Lebensmittelkontrolleur bewertet für uns die gekauften Produkte. Wie viele der von uns gekauften Produkte hätten seiner Ansicht nach gar nicht verkauft werden dürfen?

Das Ergebnis:

Lidl: 24 von 80 Stichproben laut Expertem nicht verkehrsfähig = 2 Check-Punkte

Aldi: 36 von 80 Stichproben laut Expertem nicht verkehrsfähig = 1 Check-Punkt

Netto: 37 von 80 Stichproben laut Expertem nicht verkehrsfähig = 0 Check-Punkte

Check: Sortiment

Unsere Check-Familie Lapp-Lukic aus Essen veranstaltet eine Grillparty und muss dafür viele frische Produkte einkaufen. Es soll unter anderem einen Sommersalat mit Koriandervinaigrette und ein Früchtedessert geben. Wer hat die meisten Zutaten für unsere Rezepte? Ein Team versucht es bei Lidl, das zweite bei Aldi Nord und das dritte bei Netto. Außerdem schicken wir weitere Tester in anderen Städten los.

Und das haben unsere Tester gefunden:

Bei Lidl: 62 von 88 Zutaten = 2 Check-Punkte

Bei Aldi: 54 von 88 Zutaten = 0 Check-Punkte

Bei Netto: 55 von 88 Zutaten = 1 Check-Punkt

Check: Fleisch

Bei jeder Grillparty darf natürlich eins nicht fehlen: das Fleisch. Wir haben für die Grillparty Rumpsteaks bei Lidl, Aldi Süd und Netto gekauft. Zum Vergleich gibt´s noch eins vom Metzger. Gegrillt wird von Spitzenkoch Sascha Stemmberg. Familie Lapp-Lukic und ihre Gäste auf der Grillparty probieren die Steaks und vergeben Geschmackspunkte.  

Für eine breitere Datenbasis haben wir das an anderer Stelle noch mal gemacht. Da der Metzger lediglich als Vergleich dienen sollte, wird er bei dem Endergebnis nicht berücksichtigt.

Discounter-Check: Geschmackstest - Billig-Steaks versus Metzger-Fleisch | Video verfügbar bis 14.09.2020

Ergebnis:

Lidl: 29 Geschmackspunkte = 1 Check-Punkt

Aldi: 24 Geschmackspunkte = 0 Check-Punkte

Netto: 57 Geschmackspunkte = 2 Check-Punkte

Metzger: 70 Geschmackspunkte (außer Konkurrenz)

Check: Fleischherkunft

Beim Kauf des Fleisches fällt auf: Auf den Verpackungen finden sich QR-Codes, mit denen es möglich sein soll, die Herkunft des Fleisches herauszufinden. Doch bei der dazugehörigen App von Netto erfahren wir bei unseren Versuchen entweder gar nichts Konkretes oder wir bekommen verwirrende Auskünfte.

Und bei Aldi Süd und Lidl? Diese beiden Discounter gehen sehr offensiv mit dem Thema Fleischherkunft um - sagen, ihre Apps seien etwas Besonderes. Doch scannt man den QR-Code mit einem Smartphone, bekommt man Kartenausschnitte, die Regionen zeigen, aus denen das Fleisch kommen soll – mehr nicht.

Doch der wahre Knaller kommt noch: Wir scannen einmal Bio-Hackfleisch von Lidl und einmal konventionelles Hackfleisch von Aldi Süd und werden jeweils auf ein Video geleitet, das die Haltung der Tiere zeigen soll. Schon auf den ersten Blick wird klar: Beide Videos zeigen die gleichen Bilder – obwohl doch eins der Produkte ein Bio-Hackfleisch sein soll, das andere konventionell. Wir finden: So eine App kann man sich sparen…

Unser Urteil:

Keiner der Discounter bekommt einen Punkt. Transparenz sieht anders aus.

Check: Bezahlung

Unser letzter Check schaut auf die andere Seite – die Seite der Angestellten und stellt die Frage nach der Bezahlung. Eigenen Angaben zufolge zahlt für ein von uns gebildetes Beispiel Lidl mindestens 11,50 Euro pro Stunde, plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Bei Aldi Nord gibt‘s zum Gehalt noch eine Prämie, heißt es. Macht 11,03 Euro pro Stunde – und es gebe noch einige Zulagen oben drauf.

Aldi Süd zahlt laut eigener Aussage 14 Euro 60. On top komme Geld für Urlaub, Weihnachten und Altersvorsorge. Netto schreibt uns: 10,20 Euro die Stunde, plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Doch wir bekommen schnell erste Hinweise: Bei der Bezahlung wird möglichweise getrickst, Mehrarbeit nicht angemessen bezahlt. Die Zusammenfassung unserer weiteren Recherchen:

Bei Lidl finden wir nur vereinzelt Beschwerden über unbezahlte Mehrarbeit, ebenso bei Aldi Süd. Aldi Nord: Wir stoßen auf zahlreiche Hinweise, dass Überstunden aus Abrechnungslisten wieder herausgekürzt werden – und auf eine neue elektronische Stempeluhr, die nicht jeden Arbeitsbeginn automatisch erfasst. Aldi Nord kann unsere Bedenken nicht überzeugend ausräumen – vor allem verstehen wir den Sinn einer Stempeluhr nicht, bei der die Arbeitszeiterfassung nicht immer automatisch mit dem Stempeln beginnt.

Netto zahlt unter den von uns gecheckten Discountern nicht nur die niedrigsten Löhne, sondern hier fanden wir auch Hinweise, dass Aushilfskräfte für einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Arbeiten von Verkäuferinnen erledigen. Netto ließ dies nur pauschal über einen Rechtsanwalt bestreiten.

Unser Urteil:

Lidl: 2 Check-Punkte

Aldi: 1 Check-Punkt

Netto: 0 Check-Punkte

Unser Endergebnis:

Endergebnis
Unser Gesamturteil: Lidl gewinnt unseren Discounter-Check mit 11 Punkten. Netto bekommt 4, knapp dahinter Aldi mit 3 Punkten.

FAQs Discounter Check

1. Wieso wurden Aldi Nord und Aldi Süd in einen Topf geworfen?

Zwar handelt es sich um zwei getrennte Unternehmen, aber wir machen einen Markencheck und keinen Unternehmenscheck. Und die Marke ist „Aldi“ – und nicht „Aldi Nord“ oder „Aldi Süd“. Nicht ohne Grund machen beide Unternehmen einander ja auch keine Konkurrenz, sondern haben Deutschland (und sogar einen Teil der Welt) brav untereinander aufgeteilt. Der Verbraucher hat mithin gar nicht die Wahl, sich zwischen Aldi Nord und Aldi Süd zu entscheiden. Nichtsdestotrotz haben wir immer unsere Einzelergebnisse eindeutig einem der beiden Unternehmen zugeordnet. Es ist mithin für besonders Interessierte durchaus nachvollziehbar, welchen Anteil das jeweilige Unternehmen an unserer Gesamtbewertung der Marke „Aldi“ hatte. Wer dies einmal nachverfolgt, dürfte allerdings feststellen, dass Aldi Nord und Aldi Süd ähnlich viel – beziehungsweise wenig – dazu beigetragen haben.

2. Warum wurde beim Preischeck nach dem teuersten Produkt gesucht?

Discounter bieten immer mehr Markenprodukte und darüber hinaus eigene so oder ähnlich genannte „Gourmetprodukte“ an. Auch diese Produkte landen beim Discounter häufig in den Einkaufswägen. Experten sagen, dass bei diesen die Gewinnspanne mit am größten sei. Wir wollten wissen, welcher Discounter da beim Preis am heftigsten zulangt. Bio- oder Fairtrade-Produkte waren hierbei ausgeschlossen.

Der Warenkorb hat einen alltäglichen Einkauf wiedergespiegelt und musste selbstverständlich aus Produkten bestehen, die bei allen drei Discountern im Sortiment vorhanden sind.

Zudem möchten wir den Zuschauern in unseren Checks stets neue Informationen liefern, woraufhin wir uns zu einem Preischeck mit Gourmetprodukten entschieden haben, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

3. Welcher Warenkorb wurde beim Sortiments-Check gewählt?

Der Sortiments-Check steht im Discounter-Check im Zusammenhang mit der Grillparty unserer Testfamilie – eine alltägliche Situation. Für den Check haben wir zwei Rezepte für Sommersalate herausgesucht und die entsprechenden Zutaten von unseren Testern kaufen lassen. Die Produkte waren: Limetten, Mango, Granatapfel, Aprikosen, Passionsfrucht, Kiwi, Sternfrucht, Erdbeeren, Physalis, Orangen, Minze, Rosmarin, Basilikum, Avocados, Gelbe, Grüne und Rote Paprika, Lauchzwiebeln, Rote Zwiebeln, Kirschtomaten, Gartenkresse und Koriander. Auch hier waren Bio- und Fairtrade-Produkte ausgeschlossen. Für eine Erweiterung der Stichprobe haben wir an einem anderen Tag drei weitere Tester in Dresden, Unna und Ratingen die gleichen Zutaten kaufen lassen.

4. Wieso wurde Penny nicht getestet?

Es gibt zahlreiche Discounter und Supermärkte auf dem deutschen Markt, die sich nicht alle in einem Check behandeln lassen. Da unsere Checks in der Regel eine Länge von unter 45 Minuten haben, haben wir uns im Vorfeld entschieden, den Check auf die drei größten deutschen Discounter zu beschränken.

5. Wie kam es bei der Bezahlung zum Urteil?

Das Urteil beim Fairness-Check Bezahlung ist wie im gesamten Film als Ranking zu verstehen. Wir haben bei allen Discountern Mängel gefunden, sind aber nach umfangreichen Recherchen zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Lidl in puncto unbezahlte Mehrarbeit gebessert hat. Wir haben hier nur von Einzelfällen gehört. Ebenso bei Aldi Süd. Bei Aldi Nord hingegen sind wir auf zahlreiche Hinweise gestoßen, dass Überstunden aus Abrechnungslisten wieder herausgekürzt werden – und auf eine neue elektronische Stempeluhr, die nicht jeden Arbeitsbeginn automatisch erfasst. Aldi Nord konnte unsere Bedenken nicht überzeugend ausräumen. Und Netto zahlt unter den von uns gecheckten Discountern nicht nur die niedrigsten Löhne, sondern hier fanden wir auch Hinweise, dass Aushilfskräfte für einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Arbeiten von Verkäuferinnen erledigen. Netto ließ dies nur pauschal über einen Rechtsanwalt bestreiten.

Ein Film von Sejla Didic-Pavlic und Norman Laryea