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Der Nivea-Check

Der Nivea-Check | Video verfügbar bis 01.07.2020

In vielen deutschen Badezimmern befindet sich die blaue Cremedose mit dem weißen Schriftzug. Die Marke Nivea von Beiersdorf hat Tradition. Laut einer Studie genießen die Produkte des Hamburger Unternehmens unter den Hautpflegemarken bei Verbrauchern das größte Vertrauen. Auf Nivea, so scheint es, ist Verlass. Aber ist dieser Ruf auch gerechtfertigt? Halten die Produkte, was sie versprechen? Wir haben den Check gemacht.

Erster Check: Mogelfaktor  

Markensoziologe Arnd Zschiesche ist sich sicher, dass Nivea ein positives Vorurteil in Deutschland hat: "Das ist unerreichbar in diesem Markt und der ganzen Branche. Die Menschen wissen – auch jemand, der nichts von Kosmetik versteht und nichts von Kosmetik verstehen möchte: Wenn er zu einem blauen Nivea-Produkt greift, dann wird er damit seine Haut nicht verätzen, sondern ihr etwas Gutes tun." Der Markensoziologe erklärt, dass dieses blinde Vertrauen das höchste sei, was eine Marke erreichen könne.

Wir wollen checken, wie weit das blinde Vertrauen geht – mit dem Nivea-Shampoo "Diamond Gloss". Das Produkt verspricht Diamantglanz für die Haare. Ob dieses Versprechen beim Verbraucher Wirkung zeigt? Dafür bitten wir vier Frauen zum Haare waschen. Sie bekommen von uns eine Flasche "Nivea Diamond Gloss" und eine Flasche "Seidenglanz"-Shampoo der dm-Hausmarke Balea. Was die vier Frauen nicht wissen: Wir haben heimlich umgefüllt. In beiden Flaschen steckt das Balea-Shampoo. Die Damen sollen sich nun die eine Seite ihres Kopfes mit dem vermeintlichen Nivea-Shampoo waschen, die andere mit dem Balea-Shampoo aus der Balea-Flasche. Einen Unterschied im Glanz kann es eigentlich nicht geben – es sei denn, man glaubt daran. Nach dem Fönen beurteilen die vier Frauen den Haarglanz auf beiden Kopfseiten. Und tatsächlich: das vermeintliche Nivea-Shampoo schneidet bei ihnen besser ab. Die Testerinnen sind überzeugt, dass ihre angeblich mit Nivea gewaschenen Haare mehr glänzen.

Da könnte Nivea doch seinen Kunden so manches unterjubeln. Wir fahren nach Idar-Oberstein, zur ältesten Diamantschleiferei Deutschlands. Von Inhaber Dieter Hahn wollen wir wissen, was passieren würde, wenn tatsächlich Diamanten in einem Shampoo wären. Seine Reaktion ist eindeutig: "Das ist doch reiner Unsinn. Dann könnte das doch niemand bezahlen". Ein Rohdiamant kostet 2500 Euro und selbst für einen kleinen Haufen bezahlt man noch über 100 Euro. "Die haben Ecken und Kanten. Beim Spülen mit Shampoo würden sie auf die Kopfhaut kommen und automatisch verletzen", meint Dieter Hahn. Nur ganz feiner Diamantstaub könne dem Haar nicht schaden. Wir wollen wissen, wie dieser Staub aussieht. Dafür zertrümmert Herr Hahn ein kleines Diamantstückchen. Was übrig bleibt: pechschwarzes Pulver. Wie soll das dem Haar Glanz verleihen?

Das wissen vielleicht die Experten vom Deutschen Wollforschungsinstitut (DWI) in Aachen. Sie untersuchen alles, was mit Haaren zu tun hat. Wir lassen also dort Haarsträhnen mit drei verschiedenen Shampoos waschen: mit "Diamond Gloss", dem gleich teuren "Nivea Classic" und dem Seidenglanz-Haarwaschmittel von Balea. Womit werden die Haare am meisten glänzen? Nach dem Trocknen wird in einer Maschine Licht in den verschiedensten Winkeln auf die gewaschenen Haare geworfen. Der Computer kann dadurch errechnen, wie unterschiedlich die einzelnen Strähnen glänzen. Für Balea geht dieser Vergleich nicht gut aus. Ein Glanzverlust durchs Waschen ist normal, bei Balea sind es zwölf Prozent. Auch das Waschen mit "Nivea Classic" hat den Glanz verringert – um 3 Prozent. Nur "Diamond Gloss" von Nivea vermehrt den Glanz – um vier Prozent. Hier hat Nivea wohl nicht gemogelt. Und das Unternehmen bleibt dabei: Es liege an den Diamanten.

Zeit für einen Verpackungscheck. Die Nivea-Gesichtscreme "Aqua Sensation" wird zu je 50 Gramm pro Tiegel angeboten. Diese kleine Dose steckt jedoch in einer ziemlich großen Papp-Schachtel. Versucht Nivea so, den Kunden einen größeren Inhalt vorzugaukeln? Wir zeigen Passanten in der Fußgängerzone diese Verpackung. Mit der großen Schachtel vor Augen sollen sie versuchen, 50 Gramm Creme abzuschätzen. Gar nicht so einfach! Die meisten löffeln zu viel Creme in die von uns bereitgestellte Schale. Im Schnitt vermuten die Passanten in der Verpackung 44 Prozent mehr Inhalt.

Achim Valet von der Verbraucherzentrale kennt gerade aus der Kosmetikbranche eine Menge Verpackungstricks: "Das sind alles hochpreisige Produkte. Und dann ist es so, dass Verbraucher intuitiv eher zu größeren Verpackungen greifen, weil sie denken, da kriegen sie mehr für das viele Geld." Jede Marke hat bei der Verpackung ihre Tricks – auch Nivea. 30 Prozent mehr Luft als eigentlich benötigt sind erlaubt. Noch mehr Luft darf in einer Verpackung sein, wenn der Tiegel auf der Schachtel abgebildet ist. Das macht Nivea auch – wählt dabei aber einen Winkel, der den Tiegel größer erscheinen lässt. Und manchmal packt Nivea sogar noch mehr Luft rein: um die 75 Prozent. Das ist erlaubt, sofern die Verpackung ein kleines Sichtfenster hat. Aber dieses befindet sich zum Beispiel beim Nivea-Produkt "DNAge" an der Seite der Pappschachtel. Somit erkennt der Kunde im Geschäft auf den ersten Blick nicht, wie klein der Tiegel in der Verpackung tatsächlich ist. Achim Valet sagt: "Würde man das Sichtfenster vorne hin machen, würde man das sofort sehen. Aber auch hier wird getrickst. Man macht es an die Seite, um hier nicht auf den ersten Blick erkennen zu lassen, wie klein dieser Tiegel ist. Das ist ein Ärgernis für Verbraucher, dazu bekommen wir sehr viele Beschwerden."

Böse Absicht? Nivea erklärt: "Über 70 Prozent aller Kaufentscheidungen werden im Geschäft getroffen, (…) daher ist uns die Gestaltung von Produktverpackungen einschließlich der Sichtbarkeit im Regal sehr wichtig."

Unser erstes Checkurteil: Der Mogelfaktor ist beachtlich.

Zweiter Check: Schutz

Beiersdorf testet ein neues Deo für Männer – und wir sind dabei. Zunächst müssen die Tester den Oberkörper frei machen und beide Achseln je 30 Sekunden waschen. Dann wird eine Achsel mit dem zu testenden Deo besprüht. Anschließend ist Schwitzen und Stillsitzen angesagt –  erstmal eine halbe Stunde, in einem 40 Grad warmen Raum. Der Schweiß der Probanden läuft dabei nicht ins T-Shirt, sondern in Pads, die dafür in ihren Achseln klemmen. Beide Schweißproben werden danach bis aufs Milligramm genau gewogen. Dann sind die "Schnüffler" dran. Sie prüfen, welches Pad besser riecht – das mit Deo oder das ohne. Nicht wirklich appetitlich...

Wir machen unseren eigenen Check. Und zwar mit "Stress Protect" – einem neuen Deo von Nivea gegen Stressschweiß. Dieser riecht nämlich angeblich anders als Sportschweiß. Wir checken die Neuheit an fünf Menschen, die ständig unter Stress stehen – vom Vielflieger über den Koch bis hin zu Eltern mit kleinen Kindern. Sie sollen für uns zwei Wochen lang "Nivea Stress Protect" nutzen. Zum Vergleich bekommen die Tester noch ein zweites Deo – die Männer von Isana, die Frauen von Balea. Ohne zu wissen, welche Produkte sie bekommen haben, nutzen die Tester nun jedes Deo jeweils eine Woche unter der rechten und eine Woche unter der linken Achsel. Nach zwei Wochen treffen wir unsere fünf Tester dann wieder. Das Ergebnis: nur einer fand das Nivea-Deo besser. Die anderen merkten keinen Unterschied.

Nächster Schutz-Check: mit Sonnencreme. Florian nimmt für uns "Nivea Sun Protect and Bronze"-Sonnenmilch. Karolin bekommt das neue Über-Kopf-Spray von Nivea – extra für Leute, die keinen zum Rückeneincremen haben. Dann spielen die Beiden ein gemischtes Doppel Beachvolleyball gegen Julian und Mareike. Die benutzen Produkte der Marke "Cien". Hier kosten Sonnenmilch und Sonnenspray nur halb so viel. Ob man das merkt? Der erste Vergleich zeigt sofort Unterschiede. "Die Creme lässt sich nicht gut verreiben und es bleibt relativ viel auf der Hand", stellt Mareike vom "Team Cien" fest. "Team Nivea" hingegen ist überrascht: "Normalerweise bin ich ein Fan von Spray, aber die Creme zieht relativ schnell ein. Besser als ich gedacht hatte", sagt Florian. Und auch das neue Überkopfspray gefällt Karolin auf Anhieb gut – sie hat das Gefühl, dass sie damit alle Stellen auf ihrem Rücken erreicht. Mit dem Pumpspray von Cien gestaltet sich das etwas schwieriger. Beim ersten Eindruck gewinnt also Nivea. Dann wird gespielt! Was auffällt: nach dem Hinfallen in den Sand bleibt dieser an der aufgetragenen Sonnenmilch kleben – bei beiden Teams. Das Nivea-Spray schneidet unter diesem Gesichtspunkt besser ab. Karolin merkt kaum, dass sie ein Sonnenschutzmittel aufgetragen hat, so schnell ist es eingezogen. Prima! Das Spray hinterlässt bisher insgesamt den besten Eindruck. Aber eine Sache steht noch aus: Die richtige Dosierung. 40 Milliliter sind nämlich nötig, um den UV-Schutz zu erhalten. Und das wirft ein ganz neues Licht auf den Preis. Korrekt benutzt sind alle Packungen nach fünf- bis sechsmaligem Auftragen leer. Jeder Gebrauch kostet bei Cien-Milch rund 50 Cent, beim Cien-Spray rund einen Euro, bei der Nivea-Milch sind es rund 1,40 Euro und beim Nivea-Spray rund 1,80 Euro.

Aber vielleicht schützt Nivea ja auch besser? Stiftung Warentest hat 19 Sonnenschutzmittel getestet. Auch unsere Nivea-Sonnenmilch und das Pumpspray von Cien waren dabei. Wichtig war den Testern vor allem der Sonnenschutz. Neben Feuchtigkeit überprüfte das Labor daher den UVA-Schutz gegen Falten und – noch wichtiger – den UVB-Schutz gegen Hautkrebs. Von 19 Produkten bekamen 16 die Note "gut" – auch die Nivea-Milch. Aber das günstigere Cien schnitt sogar noch ein bisschen besser ab.

Die Stiftung Warentest checkt natürlich nicht nur Sonnenschutz, sondern auch Cremes, Deos, Seifen oder Waschgels. Wir durchforsten die Ausgaben der letzten drei Jahren und finden 12 Nivea-Produkte. Im Durchschnitt bekamen sie die die Note 2,4.

Es läuft auch auf ein gutes Checkurteil von uns hinaus. Wenn da nicht noch eine Sache wäre... Wir treffen einen Maler – und zwar beim Allergietest. Der Mann leidet unter einem Ekzem: "Das juckt und ich kann nichts richtig anfassen. Das schmerzt so sehr in den Fingern. Das ist manchmal schon gravierend", erzählt er. Der Bochumer Dermatologe Dr. Heinrich Dickel kennt den Grund für die Beschwerden des Malers: er reagiert allergisch auf Methylisothiazolinon. Dieser Konservierungsstoff befindet sich zum Beispiel in Wandfarbe. Und nicht nur dort: Er steckt auch – vermutlich in anderer Konzentration – in der Gesichtscreme "Pure and Natural" von Nivea. Auf einem Eimer Wandfarbe entdecken wir immerhin einen Vermerk für Allergiker – bei der Creme nicht.

Wir treffen eine andere Patientin von Dr. Dickel. Auch sie reagiert allergisch auf Methylisothiazolinon. Dabei hat sie gar nichts mit Farben zu tun, sondern nur ein Kosmetiktuch benutzt, das diesen Stoff enthielt. Dr. Dickel weiß: "Die Fragen häufen sich. Wir bemerken eine Zunahme der Sensibilisierungen auf Methylisothiazolinon – nicht nur in Bochum, sondern deutschlandweit." Warum befindet sich dieser Stoff in "Pure and Natural" von Nivea – einem Produkt, das Natürlichkeit verspricht? Nivea erklärt: "Einige Verbraucher lehnen […] Produkte ab, die Parabene enthalten. Um diesen […] eine Alternative zu bieten, setzen wir in der Nivea 'Pure and Natural'-Serie Methylisothiazolinon als Konservierungsstoff ein." Nivea ersetzt demnach einen Konservierungsstoff – Parabene – durch einen anderen – Methylisothiazolinon. Das Problem: Auf diese Substanz reagieren etwa fünfmal so viele Menschen allergisch wie auf Parabene.

Und wer versucht, die Inhaltsstoffe der "Pure and Natural"-Creme zu lesen, gerät wohl nicht nur beim Wort Methylisothiazolinon ins Stocken. Zu den Inhaltsstoffen, die laut Nivea "95 Prozent natürlichen Ursprungs" sind, gehören unter anderem Butylphenyl Methylpropional, Methylpropanediol, Alcohol Denat. oder Sodium Carbomer. Klingt nicht wirklich nach purer Natur... Das gibt bei uns Abzüge.

Unser zweites Checkurteil: der Schutz bei Nivea ist alles in allem ordentlich.

Dritter Check: Schick

Aber Nivea will nicht nur schützen, Nivea will auch schicker machen. Bei Nivea-Fan Claudia kam das gut an. Sie hatte vom Nagellack bis zum Lippenstift alles, was frau zum Schminken so braucht, von Nivea. 2011 allerdings machte Nivea Schluss mit dekorativer Kosmetik. Markensoziologe Arnd Zschiesche erklärt: "Nivea hat wie jede Kosmetikmarke eine ganz klare Definition, was Nivea ist, und Nivea ist eben die solide, die vernünftige Marke. Und wir alle wissen, dass Jogi Löw dazu besser passt als ein Popstar mit Vorstrafen." Der nette Herr Löw lächelt für Nivea Man – und gibt für verzweifelte Männer in der Werbung den Styling-Coach. Die simple Botschaft der Reklame: ran an die Frau. Gut ankommen bei anderen dank Nivea? Das wollen wir testen.

Unsere Tester Chris, Thomas, Christian und Roger dürfen im WC-Bereich einer Kneipe ein Gel von Nivea auftragen – aber, um zu vergleichen, nur auf eine Gesichtshälfte. Dann geht es auf Tour durch Köln. Ein scheinbar gewöhnlicher Männerabend. Um ein Uhr wäre für die Männer eigentlich eine gute Zeit, um nach Hause zu gehen. Aber es ist schließlich Check und deswegen werden unsere vier Tester – wie in der Werbung – aufbleiben. Immerhin haben sie "Nivea Skin Energy" aufgetragen: Das Gesichtsgel für tolles Aussehen – trotz kurzer Nacht. Versprochen wird die sichtbare Reduktion der Zeichen von Müdigkeit. Chris, Thomas, Christian und Roger schlagen sich für uns die Nacht um die Ohren. Erst um Fünf dürfen sie nach Hause. Ob man ihnen die lange Nacht ansehen wird?

Nach nur zwei Stunden Schlaf dürfen die Herren das Gel noch einmal auftragen, wieder nur auf die eine Gesichtshälfte. Um 8 Uhr wird dann nachgeprüft. Wir fragen zum Beispiel beim Bäcker die Kunden, welche Gesichtshälfte für sie frischer aussieht. Das Ergebnis: Viele erkennen gar keinen Unterschied. Einige tippen sogar auf die nicht durch Nivea gepflegte Gesichtshälfte. Früher ins Bett zu gehen scheint da doch der sicherere Weg.

Turniertänzerin Luisa Eis
Zwei Haarsprays – doch nur eins ist von Nivea. Turniertänzerin Luisa Eis weiß nicht, welches Produkt sie gleich in die Haare gesprüht bekommt.

Wir geben Nivea eine zweite Chance für mehr Schick. Mit Haarspray und mit Haargel. Hinter Verpackung Nummer eins verbirgt sich Nivea. Hinter Nummer zwei stecken ähnlich teure Produkte der Konkurrenz. Alle versprechen extra starken Halt. Getestet wird da, wo extra starker Halt in den Haaren wichtig ist: beim Creative Tanzclub in Berlin. Dort verrät man uns: Wenn auf Turnieren die Frisur nicht hält – verloren. Und: Nivea-Produkte kamen für die Tänzer bisher eigentlich nicht in Frage. Heute wird das sozusagen eine Premiere: Jedes Tanzpaar nimmt sich jeweils ein Produkt, ein Haarspray für die Dame und einen Geltopf für den Herren, und dann werden die Haare gemacht. Anschließend wird getanzt. Wie lange halten die Frisuren? Bei einem Turnier kann das entscheidend sein. Im Ernstfall gibt es keine Zeit zum Nachbessern.

Schnell wird klar: Während die Konkurrenzprodukte noch halten, müssen zwei von drei Nivea-Paaren beim Haarspray und beim Gel nachbessern. Bis jetzt liegt Nivea klar hinten. Es führen: Wella (Haargel) und Pantene Pro V (Haarspray). Nach knapp zehneinhalb Minuten ist es Zeit fürs Fazit. Heute sind die Tänzer unsere Punktrichter. Jeder der sechs darf einen Punkt vergeben. Nivea bekommt nur 1,5 – die Konkurrenz wenigstens 2,5.

Unser drittes Checkurteil: Der Schick bei Nivea ist so lala.

Vierter Check: Fairness

Deutsche Nivea-Produkte werden auch in Deutschland hergestellt. Produktionsorte sind Hamburg und Berlin. Beiersdorf hat in Deutschland mehr als 5000 Mitarbeiter, die mindestens nach Tarif bezahlt werden. Beiersdorf zahlt auch Zulagen, und es gibt Betriebsräte – wie wir aus anderen Markenchecks wissen, keine Selbstverständlichkeit.

Doch zufriedene Arbeiter in Deutschland – das reicht Nivea nicht. Nivea will auf der ganzen Welt Verantwortung übernehmen. Deshalb gibt es auch einen Verhaltenskodex für Lieferanten. Bei ihnen darf die wöchentliche Arbeitszeit 48 Stunden nicht regelmäßig überschreiten. Die Liste der Zulieferer ist lang. Beiersdorf lässt in 150 Ländern produzieren und anders als in Deutschland und Europa boomt der Umsatz in Schwellenländern. Ein wichtiger Wachstumsmarkt ist zum Beispiel Indien.

Wir reisen in den Norden nach Chandigarh. In der Nähe soll Nivea-Seife für den indischen Markt hergestellt werden. In einem Laden in der Stadt hat Nivea die teuerste Seife. Wir machen uns auf den Weg zur Fabrik, Richtung Himalaya-Gebirge.

Die Fabrik ist streng bewacht – Sicherheitskräfte, Wachtürme. Um nicht aufzufallen, drehen wir mit versteckter Kamera. Vor der Fabrik sprechen wir Arbeiter an. Einer sagt uns, er sei Leiharbeiter und würde als solcher viel schlechter behandelt als die anderen Arbeiter. Länger reden möchte er vor der Fabrik mit uns nicht. Lieber möchte er bei ihm zu Hause weiter erzählen. Der Weg dorthin führt uns immer weiter ins Himalaya-Gebirge. Ab dem verabredeten Treffpunkt geht es nur noch zu Fuß weiter. Der Arbeiter hat einen Kollegen dabei. Zusammen müssen sie den Weg oft zu Fuß bewältigen, hin zur Arbeit und wieder zurück. Das sind jeweils zwei Stunden, oft bei über 40 Grad. Zuhause angekommen, erzählen sie von ihrer Arbeit: "Wir arbeiten 12 Stunden am Tag und verladen Seifenpakete auf die LKW und das machen wir den ganzen Tag." Er erklärt, dass das auch Nivea-Seifen seien. "Das ist schwere Arbeit in der Hitze. Wir müssen das machen, um unsere Familien durchzubringen."

Dieses Pensum absolvieren sie an sechs Tagen in der Woche, sagen sie. Wenn die beiden Arbeiter nach Hause kommen, wartet noch mehr Arbeit. Sie züchten Ziegen und betreiben ein wenig Ackerbau, um irgendwie über die Runden zu kommen. Vom Arbeitsvermittler hätten sie eine Gehaltserhöhung gefordert und wollten sogar streiken. Doch der Vermittler habe nur gedroht, sie rauszuschmeißen und andere einzustellen. Auch Beschwerden gegenüber dem Fabrik-Management hätten nichts gebracht. Ihr Verdienst betrage umgerechnet rund 60 Euro im Monat — sogar für indische Verhältnisse extrem wenig.

Regelmäßig 72 Stunden pro Woche. Solche Arbeitszeiten wären ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex von Beiersdorf. Zurück vor der Fabrik kommen wir mit einer Führungskraft ins Gespräch. Der Mann bestätigt: Leiharbeiter arbeiten regelmäßig 12 Stunden am Tag. Er erklärt uns: "Die Leiharbeiter sind nicht ausgebildet. Im Gegensatz dazu haben die Festangestellten eine Ausbildung. Sie wissen zum Beispiel, wie die Maschinen funktionieren. Leiharbeiter sind nur zum Verpacken da. Wenn sie keine Lust haben, bei uns zu arbeiten, dann sollen sie gehen."

Laut Beiersdorf bestreitet die Fabrik diese Schilderung. Doch wir treffen weitere Leiharbeiter, die sich ausgebeutet fühlen. Einige erzählen, sie hätten noch nicht einmal eine Krankenversicherung. Und wir bekommen einen Tipp – ein Slum, nur wenige Kilometer entfernt; dort lebten noch mehr Leiharbeiter. Wie Rakesh. Er ist hier seit drei Jahren und zeigt uns sein Zuhause, wo er zusammen mit einem Kollegen lebt. Es ist sehr ärmlich mit  Schlafplatz auf dem Lehmboden. Das Geld, erzählt er, reiche nur für selbst gebackenes Brot und Linsen.

Produkte zur Körperpflege – für die Elite einer aufstrebenden Nation. Nivea verdient daran mit. Viele aber arbeiten offenbar unter Bedingungen, die nicht vereinbar sind mit dem Nivea-eigenen Lieferantenkodex. Und Beiersdorf kann dem offenbar nicht viel mehr entgegenhalten, als dass man bei einem ohnehin lange geplanten Besuch in Indien besonders auf die Arbeitsbedingungen achten wolle.

Unser viertes Checkurteil: Die Fairness bei Nivea ist ausbaufähig.

Ein Film von Benjamin Best und Edith Dietrich

Sendetermin

Mo, 01.07.13 | 20:15 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.