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Der Haribo-Check

Der Haribo-Check | Video verfügbar bis 16.10.2022

Haribo ist weltweit erfolgreich. Der Süßwaren-Konzern aus Bonn löst mit seiner Marke Begeisterung bei den Fans aus. In Deutschland werden Goldbären, Tropifrutti und Maoam besonders oft vernascht. Alleine 100 Millionen Goldbären produziert das Unternehmen täglich.

Aber ist der Goldbär so gut wie sein Ruf? Wie groß ist die Versuchung, zu Haribo-Produkten zu greifen? Wie sieht es mit dem Öko-Faktor aus? Und wie fair ist Haribo? Wir blicken hinter die Fassade des Unternehmens.

Check: Versuchung

"Haribo macht Kinder froh" – zumindest bis ihre Eltern erfahren, wie viel Zucker wirklich in Haribo steckt. In einer Stichprobe stellen wir fest, dass Eltern ihren Kindern am ehesten Goldbären zum Naschen erlauben würden – und sich die Kinder darüber freuen. Dabei unterschätzen viele Eltern aber den Zuckergehalt der Bärchen. 100 Gramm davon enthalten 46 Gramm Zucker. Mehr als bei Milchschnitten, Leibnitz-Keksen und Hanuta. 80 Prozent der Eltern, die wir befragt haben, lagen falsch und schätzten den Zuckergehalt der Bärchen geringer ein.

Zuckeranteil pro 100 Gramm
Zuckeranteil pro 100 Gramm

Aber führt Haribo auch Erwachsene in Versuchung? In einer Softwarefirma in Münster verteilen wir Haribo-Fruchtgummi. Mit versteckten Kameras beobachten wir, wie oft die Mitarbeiter unbewusst zugreifen. Hinterher konfrontieren wir sie mit dem Ergebnis. Die Mitarbeiter sind überrascht. Ganze 3,7 Kilogramm Haribo haben 30 Leute verputzt. Unbewusst haben unsere Tester also ordentlich zugeschlagen – ohne es wirklich zu merken.

Unser erstes Checkurteil: Die Versuchung ist enorm.

Check: Goldbär

Der Goldbär ist der Klassiker von Haribo. Können günstigere Gummibären mit ihm mithalten? Wir lassen zum Geschmackstest antreten: "Happy-Bears" von Lidl, Bio-Gummibärchen von Sobo – und natürlich den Goldbären. Das Ergebnis: Unseren 57 Testessern haben die Discounter-Bären am besten geschmeckt. Haribo und das Bio-Produkt belegen Platz zwei.

Der Grund? Den Testern war Haribo zu hart, erläutert Professor Guido Ritter, Ernährungswissenschaftler der Fachhochschule Münster. Haribo sagt dazu: Was in unserem Geschmackstest als "hart" beschrieben wurde, sei "von sehr vielen Haribo-Fans seit über 95 Jahren gewünscht und wird im Rahmen der von uns kontinuierlich durchgeführten sensorischen Tests unserer Produkte überprüft".

Der Inhalt eines Goldbären
Der Inhalt eines Goldbären

Wie unterscheiden sich die Bärchen sonst noch? In einer Stichprobe im Labor wird deutlich: Fast gar nicht. Haribo-Goldbären bestehen aus ein bisschen Aroma, Fruchtsaft, Wasser, Gelatine, viel Zucker und zusätzlichen Kohlehydraten. Die Lidl-Gummibärchen sind fast gleich zusammengesetzt – aber viel günstiger.

Unser zweites Checkurteil: Der Goldbär ist überschätzt.

Check: Öko-Faktor

In Haribo-Goldbären steckt Gelatine aus Schweineschwarte und –knochen. Wir wollen wissen: Wie geht es den Schweinen, die Gelatine für Haribo liefern? Haribo macht ein Riesengeheimnis um seine Produktion. Bei einem Blick in die Haribo-Fabrik in Solingen entdecken wir aber auf einem Sack ein Logo der Firma Gelita. Sie bestätigt uns später, ein Zulieferer von Haribo zu sein. 

Doch woher bekommt Gelita die Schweineschwarten für seine Gelatine? Unsere Recherchen führen uns zum Fleischvermarkter Westfleisch.  Wir treffen Tierschützer, die uns heimlich gedrehte Videos aus Ställen von Zulieferbetrieben zeigen. Die Tiere, die in den Videos zu sehen sind, haben entzündete Augen, leben offensichtlich in ihren eigenen Exkrementen und sind übersäht mit Blessuren. Die Tierschützer haben außerdem gesehen, dass Trinkwasser abgestellt wurde – und das ist verboten. Laut den Tierschützern sind solche Bedingungen keine Einzelfälle.

Schwein
Tierschützer zeigen erschreckende Bilder aus Schweineställen.

Auf Nachfrage schreibt uns Westfleisch, dass ihnen keine Verstöße gegen die Tierschutzverordnung bekannt seien. Das erklärt uns auch Gelita und weist daraufhin:

»Die Schweineschwarten, die wir zur Herstellung unser Produkte einsetzen, stammen ausschließlich von gesunden Tieren, die in zugelassenen, zertifizierten Schlachthöfen geschlachtet wurden ( ….) und nach der amtlichen Fleischuntersuchung für genusstauglich befunden wurden.«

Haribo teilt uns mit, man arbeite gemäß der von Haribo und den Lieferpartnern geforderten hohen Standards "gemeinsam und kontinuierlich daran, mögliche Schwachstellen in den Lieferketten und Produktionsprozessen frühzeitig zu identifizieren und abzustellen. [...] Dabei setzen wir uns auch für artgerechte Tierhaltung ein." Auf die konkreten Verstöße, die die Tierschützer dokumentiert haben, geht Haribo nicht ein und sagt uns gegenüber nicht, ob sie etwas ändern wollen.

Unser drittes Checkurteil: Der Öko-Faktor ist bedenklich.

Check: Fairness

Eine Zutat spielt für fast alle Sorten von Haribo-Fruchtgummi eine wichtige Rolle: Carnaubawachs. Es verleiht den Gummibärchen ihren Glanz. Die Palme, die dieses Wachs produziert, wächst nur an einem einzigen Ort auf der Erde: im Nordosten von Brasilien. Dorthin fahren wir, um etwas über die Arbeitsbedingungen während der Ernte zu erfahren.

Wir besuchen Arbeiter, tief im Dschungel, bei fast 40 Grad im Schatten. Mit 12 Kilo schweren Stangen schneiden sie Palmstrünke ab. Heruntergefallene Strünke können mit ihren Stacheln für üble Verletzungen sorgen. Es sei eine harte Arbeit für wenig Geld, erzählen uns die Arbeiter.

Arbeiter auf Carnaubafarmen in Brasilien
Arbeiter auf Carnaubafarmen in Brasilien

Ein Vertreter des brasilianischen Arbeitsministeriums berichtet uns, bei Razzien auf den Carnauba-Farmen würden immer wieder Minderjährige entdeckt, die illegal arbeiten. Die Arbeitsbedingungen seien unmenschlich. So müssten die Arbeiter zum Teil im Freien schlafen oder in Lastwagen und es gebe kein sauberes Trinkwasser. Dies seien Zustände, die laut brasilianischem Strafgesetzbuch den Tatbestand ähnlich der Sklaverei erfüllen.

Erschreckende Arbeitsbedingungen vorgefunden

Auch auf Farmen, die wir besuchen, finden wir schlimme Arbeitsbedingungen vor, treffen unter anderem Minderjährige, die dort arbeiten.

Auf die Zustände auf den Farmen angesprochen, schreibt uns Haribo, ein Verstoß gegen die Richtlinien des Unternehmens sei Haribo nicht bekannt. Und weiter: "Wir danken Ihnen für den Hinweis und werden dieses Thema auch proaktiv über unsere Lieferanten nachverfolgen. Wir sind ein Unternehmen, was Kindern und Erwachsenen eine Freude machen will. Die Missachtung von sozialen und ethischen Standards können und wollen wir daher nicht akzeptieren."

Fazit: Carnaubawachs ist in fast allen Haribo Fruchtgummis enthalten. Die Arbeitsbedingungen auf den Farmen in Brasilien fanden wir erschreckend.

Unser viertes Checkurteil: Die Fairness ist unzureichend.

Das Gesamturteil

Das Gesamturteil des Haribo-Checks
Das Gesamturteil des Haribo-Checks

Ein Film von Melanie Jost und Matthias Fuchs

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Westdeutschen Rundfunk produziert.