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Vorsicht, Verbraucherfalle! (2) - Selbstversuch Creme-Produktion

Billig und mit verblüffender Wirkung

Die Masse an Pflegeprodukten auf dem Markt ist unglaublich und die Preisspanne enorm. Einige gibt es schon für wenig Geld, manche kosten sogar mehr als 900 Euro. Und alle werben mit wundersamen Inhaltsstoffen. Dazu kommen Pseudo-Wissenschaft und raffinierte Formulierungen. So bringen uns die Hersteller dazu, für unsere Schönheit viel Geld zu investieren.

Die Masse an Pflegeprodukten auf dem Markt ist unglaublich und die Preisspanne enorm. Einige gibt es schon für wenig Geld, manche kosten sogar mehr als 900 Euro. Und alle werben mit wundersamen Inhaltsstoffen. Dazu kommen Pseudo-Wissenschaft und raffinierte Formulierungen. So bringen uns die Hersteller dazu, für unsere Schönheit viel Geld zu investieren.

Mal gucken, wie sich eine Billigcreme auf diesem Markt behauptet: Unsere Reporterin Eva steigt mit Unterstützung der Apothekerin Dr. Ursula Barthlen in die Kosmetikproduktion ein.

Zuerst muss der Grundstoff her und den gibt es beim Metzger: Schweinefett. Das klingt erst mal absonderlich, doch Schweineschmalz ist ein schon von unseren Vorfahren verwendetes natürliches Fett, das gut in die Haut einzieht und hautverträglich ist. Es bleibt nicht, wie zum Beispiel die Erdölprodukte Paraffin oder Vaseline, auf der Haut liegen Und das Beste: Es ist günstig! Eva ersteht 2 Kilogramm Schweinefett für 5 Euro. Und: Das Schweinefett ist völlig legal.

Jetzt fehlt nur noch ein toller Wirkstoff: Eva entscheidet sich für Olivenöl, da es sehr hautverträglich, gut fettend und pflegend ist. Außerdem schützt es auch vor freien Radikalen, so Dr. Ursula Barthlen.

Perfekt: mit dem Olivenöl lässt sich später gut Werbung machen. Dazu kommen noch etwas Bienenwachs und für die Haltbarkeit Vitamin E. Jetzt ist alles drin, was eine reichhaltige Gesichtscreme braucht. .

Nur einen kleinen Haken hat Evas Billig-Creme noch: Der Geruch ist eher unangenehm. Dieses Problem lässt sich aber mit der Zugabe eines Duftöls lösen. Eva entscheidet sich für Rosenöl. Und nimmt gerne den Vorschlag von der Apothekerin auf, dabei auf ein synthetisches Produkt zurückzugreifen, denn das duftet intensiv und ist günstig.

Ein billiges Duftöl – auch das ist ein beliebter Trick in der Industrie. Jetzt riecht unsere Creme herrlich nach Rose. Sie ist dank Schweinefett sehr hautverträglich. Und das Beste: Richtig günstig! 50 Milliliter kosten gerade mal 1,37 Euro.

Jetzt fehlt nur noch das Marketing. Wir schauen mal, wie das die Industrie so macht und stellen fest: Zuerst brauchen wir ein gutes Werbegesicht. Gerne genommen: Wissenschaftliche Institute und Doktoren. Das wirkt kompetent. Am Doktor soll's nicht fehlen. Reporterin Eva überzeugt ihren Kollegen – den preisgekrönten Filmautor Dr. Tilmann Achtnich - davon, sein Konterfei für Creme zur Verfügung zu stellen.

Tilmann ist zwar Doktor der Geologie, doch Frechheit siegt! Denn dass die Werbedoktoren Ärzte sein müssen, steht nirgends! Also: "Bitte seriös gucken!" Und schon hat unsere Billig-Creme ein vertrauenswürdiges Werbegesicht.

Nun geht es noch um die "bewiesene Wirksamkeit". Sie ist ein großartiges Verkaufsargument. Und die Kosmetikverordnung gibt nur vor, dass der Verbraucher nicht in die Irre geführt werden darf. Das heißt, die Aussagen müssen belegbar und wahrheitsgemäß sein. Die Mindestzahl der Teilnehmer bei einem sogenannten Verbrauchertest (Selbsteinschätzung von Probanden) ist bei Kosmetikprodukten – im Unterschied zu medizinischen Studien – nicht festgelegt. Vorgaben gibt es lediglich bei Sonnenschutzmitteln.

Keine konkreten Vorgaben: Das ist wunderbar für die Kosmetikbranche - und für uns! Unsere Reporterin trommelt fünf Frauen zusammen, die unsere Schweinefett-Creme ausprobieren. Bei allen geht der Daumen hoch und damit ist die Wirksamkeit bewiesen! Natürlich ist das zugespitzt, aber sofern es belegbar ist: theoretisch erlaubt.

Einem erfolgreichem Marketing steht jetzt nichts mehr im Weg: Wir gestalten den Tiegel mit einem Olivenzweig, weil sich Natur einfach immer gut macht. Und weil die meisten unserer Zutaten natürlich sind, bewerben wir sie auch als Naturkosmetik. Das können wir ganz legal, da die Verwendung des Begriffs "Naturkosmetik" gesetzlich nicht geregelt ist. Auch unser Doktor der Geologie bekommt seinen Platz auf dem Tiegel und ganz wichtig: die bewiesene Wirkung. Ganz korrekt versehen wir sie mit einem Sternchen und wer sich das Kleingedruckte anschaut, kann dort sehen, dass wir nur fünf Probanden hatten.

Fertig ist unsere gut riechende Schweinefett-Creme. Sie hat uns gerade mal 3 Euro pro Tiegel gekostet. Und das teuerste daran war nicht die Creme, sondern der Tiegel und das Design.

Wir sind bereit für die Markteinführung und unser Marketing wirkt. Zufällig ausgewählte Passanten würden für unsere Creme bis zu 30 Euro zu zahlen - das 10-fache unseres Herstellungspreises.

Und das ist noch nicht alles: Wir haben vier Frauen vier Wochen lang vier Cremes testen lassen – drei Markenprodukte und unsere Schweinefett-Creme. Im Labor wurden nach der Testphase nur sehr geringe Haut-Veränderungen festgestellt und diese können auch zufällig gewesen sein, also übliche Tagesschwankungen oder auch abhängig vom Wetter draußen. Klar, mit nur einer Testperson pro Creme ist unser Versuch sowieso wissenschaftlich nicht repräsentativ und aussagekräftig, aber …

… unsere Testerin Rita, die sich – ohne es zu wissen – vier Wochen lang morgens und abends unsere Schweinefett-Creme ins Gesicht geschmiert hat, hat als einzige der vier Frauen das Gefühl, das sich ihre Haut zum Positiven verändert hat. Und sogar ihre Tochter meinte, dass sie weniger Knitterfältchen hat. Eindrucksvoller hätte unser Selbstversuch nicht sein können!

Und damit beenden wir unseren Ausflug in die Welt der Kosmetik und überlassen das Geschichten erzählen den Beauty-Profis.