Fair-Kennzeichnung: Tricksereien verspielen die Glaubwürdigkeit

Fairtrade-Puzzle
Wie glaubwürdig sind Fair-Siegel?

Der Begriff "fair" ist rechtlich nicht geschützt. Jedes Unternehmen kann ihn nach seinen eigenen Vorstellungen in seiner Kommunikation verwenden. Hersteller nutzen das Zugwort, um ihre Produkte in ein positives Licht zu rücken und den Absatz anzukurbeln.

Und auch die verschiedenen Siegel sorgen nur bedingt für mehr Klarheit: Wie hoch der Anteil an fair gehandelten Zutaten ist, hängt vom jeweiligen Siegel und seinen Standards ab. 

Während beim in Deutschland bekanntesten Siegel Faitrade beispielsweise Produkte aus einer einzigen Zutat zu 100 Prozent fair gehandelt sein müssen, reicht es bei Mischprodukten mit dem Fairtrade-Siegel, wenn nur 20 Prozent fair gehandelte Zutaten enthalten sind. Und bei bestimmten Lebensmitteln wie Orangensaft, Kakao, Zucker und Tee kann ein Fairtrade-Siegel auf der Verpackung sein, obwohl die Lebensmittel gar keine fair gehandelte Zutaten enthalten.

Umstrittene 20-Prozent-Regel bei Mischprodukten

Für Mischprodukte gelten andere Standards.
Für Mischprodukte gelten andere Standards.

Seit Juli 2011 gilt für Mischprodukte wie Kekse, Eis oder Schokolade ein neuer Fairtrade-Standard: Statt 50 Prozent müssen seitdem nur noch mindestens 20 Prozent faire Zutaten enthalten sein. Marktüberprüfungen mehrerer Verbraucherzentralen haben ergeben, dass der Fair-Anteil in Produkten sehr unterschiedlich ist und zwischen 20 Prozent und 100 Prozent schwankt. Der Anteil fairer Zutaten muss zwar gekennzeichnet werden, ist aber meist nur auf der Rückseite der Verpackungen zu finden und zudem in kleiner Schrift.

Forderung der Verbraucherschützer:  Transparenter und verbraucherfreundlicher wäre es, den tatsächlichen Anteil fair gehandelter Zutaten groß unter dem Logo auf der Schauseite darzustellen, so dass der Prozentsatz auf den ersten Blick erkennbar ist.  

Herrausrechnen der Flüssigkeiten

Screenshot der Fairtrade-Seite zu den Standards für Mischprodukte (Stand 3. Juni 2016)
Screenshot der Fairtrade-Seite zu den Standards für Mischprodukte (Stand 3. Juni 2016)

"Hinzugefügtes Wasser und/oder Milchprodukte bleiben bei der Berechnung unberücksichtigt, wenn ihr Anteil mehr als 50 Prozent des Endproduktes ausmacht.“ Dieser Auszug aus den Standards für Mischprodukte von Fairtrade verdeutlicht das Spannungsfeld, in dem die Siegel vergeben werden. Mag es für diesen Standard einerseits gute Gründe geben, ermöglich er andererseits Unternehmen, den fairen Anteil in ihren Produkten schönzurechnen. Verbraucherschützer halten das für Etikettenschwindel.

Mehr dazu im Internet:
Fairtrade-Standards für Mischprodukte bei Lebensmitteln

Der Mengenausgleich führt zu Gemengelage

Seit 2011 gibt es für die Produktgruppen Kakao, Tee, Zucker und Orangensaft den sogenannten Mengenausgleich (englisch: "mass balance"). Hintergrund: Aufgrund der kleinbäuerlichen Strukturen können einige wichtige Rohstoffe wie Kakao, Zucker, Saft oder Tee beim bekannten Label "Fairtrade" nicht "physisch" zurückverfolgt werden.

Fairtrade
Erst wird gemischt, dann wird gerechnet.

Faire und konventionell produzierte Rohstoffe werden im Erzeugerland vermengt, und der faire Anteil wird berechnet. Entsprechend viele Produkte dürfen später mit dem Fairtrade-Siegel ausgezeichnet werden. So kann es aber sein, dass eine Schokolade mit einem großen Fairtrade-Logo tatsächlich kein einziges Gramm fair gehandelten Kakao oder Zucker enthält, weil sie sich in anderen Produkten ohne Kennzeichnung befinden.

Gab es einen Mengenausgleich, muss dies zwar auf der Verpackung angegeben werden. In der Praxis steht der Hinweis meist aber in sehr kleiner Schrift und zudem ohne jede Erläuterung auf der Rückseite der Verpackung.

Bessere Kennzeichnung gefordert

Und: Zu den Prinzipien von Fairtrade gehört das Verbot besonders umweltschädigender Pestizide. Die Kunden erwarten beim Kauf dieser Produkte daher, dass weniger Chemie eingesetzt wurde. Doch beim Mengenausgleich könnte dieser Produktvorteil auf der Strecke bleiben.

Forderung der Verbraucherschützer: Statt des bloßen Worts "Mengenausgleich" bedarf es einer deutlichen und vor allem auch verständlichen Kennzeichnung.

Sonderprogramm mit Verwechslungsgefahr

Fairtrade
Das bekannte Fairtrade-Siegel (links) und die drei neuen Fairtrade-Programm-Siegel (rechts)

Seit Anfang 2014 gibt es neue Fairtrade-Programme für Kakao, Zucker und Baumwolle, die sogenannte Rohstoffprogramme. So geht es beim Kakaoprogramm nur um den einen Rohstoff. Unternehmen verpflichten sich, eine bestimmte Menge Fairtrade-Rohkakao abzunehmen.

Zur Kennzeichnung der daraus hergestellten Produkte gibt es das neue "Kakao-Programm-Siegel". Mittlerweile finden sich im Handel weitgehend konventionelle Produkte, die das Kakao-Programm-Siegel tragen, das leicht mit dem traditionellen Fairtrade-Siegel verwechselt werden kann. Kakao ist hier die einzige Fairtrade-Zutat; alle anderen Zutaten stammen aus herkömmlichem Handel.

Damit kommen nun mit Siegeln versehene Produkte in den Handel, die deutlich weniger als 20 Prozent fair gehandelte Rohstoffe enthalten können. Wie hoch der Fairtrade-Anteil in diesen Produkten ist, erfährt der Verbraucher nicht.

Forderung der Verbraucherschützer: Notwendig ist eine verpflichtende und eindeutige Kennzeichnung mit der prozentualen Angabe des enthaltenen Fairtrade-Anteil auf der Vorderseite der Verpackung.

Klarheit sieht anders aus! 

Nach einer repräsentativen Umfrage 2013 wollen 69 Prozent der Verbraucher wissen, woher Produkte stammen. Ob aber soziale Standards tatsächlich eingehalten werden, können sie nicht überprüfen. Verbraucherschützen fordern daher, dass Kundeninformationen eindeutig, verständlich und ehrlich sind.

Einheitliches Siegel gefordert

Außerdem sorgen die unterschiedlichen Siegel, Markennamen oder Auslobungen, sowie die zunehmenden Auszeichnungen mit mehreren Siegeln auf einem Produkt für Verwirrung. Ein einheitliches, staatlich kontrolliertes Zeichen mit nachprüfbaren Standards würde da beispielsweise für mehr Transparenz beim Einkauf sorgen.

Aber: Ein bisschen ist besser als nichts!

Mit klaren Regeln und einer einheitlichen Kennzeichnung könnte der faire Handel nicht so leicht als Verkaufsargument missbraucht werden und der Verbraucher wüsste eher, woran genau er ist.

Bei aller Kritik bleibt aber festzuhalten: Ein bisschen Fair Trade in den Produkten ist besser als nichts. Und daher gilt: Wer etwas für die Nachhaltigkeit tun will, für den sind Produkte, die mit einem solchen Siegel ausgezeichnet sind, die richtige Wahl.

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