Falsche Frische-Versprechen – Darauf sollten Sie achten

Einkaufswagen mit verschiedenen Lebensmitteln
Ist "Frisches" drin, wo auch "frisch" drauf steht?

Frische Produkte gibt es im Supermarkt scheinbar nicht nur in der Obst- und Gemüseabteilung: In zahlreichen Regalen finden sich Produkte, die als "frisch" beworben werden. Frischer Blätterteig, frischer Kloßteig, erntefrisch gepresster Orangensaft, frisches Pesto, frisch geriebener Parmesan. Doch bei genauerem Hinschauen stellt man fest: Die Produkte sind hitzebehandelt, um sie haltbar zu machen, unter Schutzatmosphäre verpackt oder enthalten Zusatzstoffe. Warum dürfen diese Produkte dann mit der Bezeichnung "frisch" werben?

Welche Produkte dürfen als frisch bezeichnet werden?

Benjamin Stillner ist Fachanwalt für gewerblichen Rechtschutz und kennt die Tücken der Frische-Werbung. "Das Problem ist, dass der Begriff 'frisch' gesetzlich nicht definiert ist. Es gibt keine Definition, die sagt, 'frisch' bedeutet immer diese und diese Eigenschaft."

Fleisch-Packung
Wann darf Fleisch als "frisch" bezeichnet werden?

Nur für sehr wenige Produkte wie etwa Eier, Fleisch oder Fischerzeugnisse existieren gesetzliche Regelungen. Wir geben einen Überblick:

Gesetzliche Vorgaben der EU:

Die gesetzlichen Vorgaben der EU müssen die Hersteller bei der Kennzeichnung der Produkte unbedingt berücksichtigen.

Eier:

  • Eier der Güteklasse A dürfen bis zum 9. Tag nach Legedatum als "frische Eier" bezeichnet werden.
  • Für die Weiterverarbeitung gilt: Werden Eier verwendet, die nicht älter als 9 Tage sind, darf mit dem Zusatz "aus frischen Eiern hergestellt" geworben werden.

Fleisch:

  • "Frisches Fleisch" darf zur Haltbarmachung ausschließlich gekühlt, gefroren oder schnellgefroren worden sein.
  • Zulässig ist die Bezeichnung auch, wenn das Fleisch zudem im Vakuum oder unter Schutzatmosphäre verpackt wurde.

Fisch:

  • "Frischer Fisch" darf zur Haltbarmachung lediglich gekühlt werden.
  • Zulässig ist die Bezeichnung auch, wenn der Fisch zudem im Vakuum oder unter Schutzatmosphäre verpackt wurde.
  • Im Gegensatz zum Fleisch darf "frischer Fisch" nicht tiefgefroren werden.

Leitsätze des deutschen Lebensmittelbuches

Die Leitsätze des deutschen Lebensmittelbuches haben eine gewisse Verbindlichkeit für Hersteller – es handelt sich aber nicht um gesetzliche Vorgaben.

Teigwaren:

  • "frische Teigwaren" dürfen mit heißen Wasser oder Wasserdampf behandelt werden, pasteurisiert und gekühlt oder auch tiefgefroren sein.
  • Verboten hingegen ist das Trocknen der Teigwaren bei der Herstellung.
  • Wenn Teigwaren mit dem Begriff "Frischei" werben, müssen die Eier im Herstellerbetrieb aufgeschlagen und im frischen Zustand verarbeitet werden. Zulässig ist es aber auch, wenn die Eiprodukte im Produktionsbetrieb durch Pasteurisierung vorbehandelt, bei Temperaturen von höchstens 4 Grad gelagert und befördert, innerhalb von 24 Stunden an den Teigwarenhersteller geliefert und dort kurzfristig verarbeitet werden.
Spätzle-Packung
"Frische" Teigwaren dürfen bei der Herstellung nicht gefroren werden.

Freiwillige Kennzeichnungsvorgaben der Lebensmittelindustrie

Bei den freiwilligen Kennzeichnungsvorgaben der Lebensmittelindustrie ist die Verbindlichkeit für Hersteller am geringsten. Sie können diese Vorgaben berücksichtigen, müssen aber nicht. 

Milch:

  • Als "Frischmilch" darf auch pasteurisierte Milch bezeichnet werden, wenn die Pasteurisierung keine relevante Qualitätseinbuße bewirkt hat und die Haltbarkeitsdauer nicht übermäßig gesteigert wurde.
  • Als "frische Milch" darf auch die ESL-Milch bezeichnet werden. ESL steht für "extended shelf life" und bedeutet auf Englisch so viel wie längere Haltbarkeit im Regal. Allerdings muss der Zusatz "länger frisch" oder "länger haltbar" deutlich sichtbar aufgedruckt sein. Die ESL-Milch darf ein Mindesthaltbarkeitsdatum von 24 Tagen nicht überschreiten.
  • Im Gegensatz zur ESL-Milch wird die herkömmlich pasteurisierte Frischmilch meist mit dem Zusatz „traditionell hergestellt“ gekennzeichnet.

Irreführung verboten

Grundsätzlich gilt: Auch wenn es keine gesetzlichen Vorgaben gibt, darf die Werbung mit der "Frische" den Verbraucher nicht in die Irre führen, d.h. sie darf keine Erwartungen wecken, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. "Es gibt im Wettbewerbsrecht das sogenannte Irreführungsverbot. Das bedeutet, die Hersteller dürfen ihren Produkten nicht solche Eigenschaften zuschreiben, die die Produkte nicht haben", erläutert Rechtsanwalt Benjamin Stillner.

"Zum Beispiel jetzt bezogen auf diesen Gurkensalat, der wirbt mit 'frische Salatgurke und Dillspitzen'. Auf der Rückseite sehen wir aber, dass Konservierungsstoffe verwendet werden. Das passt natürlich nicht. Konserve und Frische-Produkt – das schließt sich begrifflich aus und da gibt es auch eine Rechtsprechung, dass wenn eben Konservierungsstoffe verwendet werden, also Haltbarkeitsmachungsmethoden stattgefunden haben, dann darf das Produkt nicht mehr mit 'frisch' beworben werden", erklärt er.

Vorsicht bei langer Haltbarkeit

Problematisch wird die Frische-Werbung, wenn das Lebensmittel etwa Haltbarmachungsverfahren durchlaufen hat oder wenn das Lebensmittel viele Wochen haltbar ist. Verboten ist auch die Werbung mit Selbstverständlichkeiten. Wenn etwa mit Eigenschaft geworben wird, die vergleichbare Produkte auch haben.

Ob eine Frische-Werbung zulässig ist, muss im Einzelfall immer ein Gericht klären. Und solange die Frische-Werbung niemand beanstandet, darf der Hersteller auch mit dem Frischebegriff werben.

Und die Hersteller sind erfindungsreich, um uns Verbrauchern besondere Frische vorzugaukeln. Sie werben etwa mit der  Bezeichnung "frisch", doch die bezieht sich nur auf den Geschmack oder auf die Kühlung, wie es bei Säften der Fall sein kann, obwohl diese in der Regel zweimal pasteurisiert werden – nach der Ernte im Ursprungsland und vor der Abfüllung. Damit also ein Haltbarmachungsverfahren durchlaufen haben.

Aus Brasilien kommen rund 80 Prozent des weltweit gehandelten Orangensaftes.
Aus Brasilien kommen rund 80 Prozent des weltweit gehandelten Orangensaftes.

Wie unterscheidet sich kühlfrischer von normalem Orangensaft?

Werbeslogans mit dem Begriff "frisch" sagen oft nicht viel über die tatsächliche Verarbeitung aus. Oft sind sie nur ein Trick um die Produkte teuer verkaufen zu können.

Deshalb genau auf die Verpackung schauen:

  • Begriffe wie pasteurisiert, wärmebehandelt bedeuten, das Produkt wurde erhitzt, um es haltbar zu machen.
  • Bei "unter Schutzatmosphäre verpackt" Produkten wurde ein Gasgemisch zugegeben, das die Haltbarkeit verlängert und bei Fleisch etwa die rote Farbe erhält.
Orangensaft-Flaschen
Wie frisch ist "kühlfrisch"?

Link zum Thema:

Verbraucherzentrale Hessen: Werbung mit "Frische" lässt Lebensmittelhersteller als aussehen