Schwindel mit dem EU-Bio-Siegel – Pestizide in Bio-Produkten?

Apfel mit Bio-Siegel
Wie aussagekräftig ist das EU-Biosiegel?  | Bild: dpa/picture alliance

Bio-Äpfel aus Argentinien, Olivenöl aus Tunesien, Hülsenfrüchte aus China - warum kommen viele Bio-Produkte von so weit her, obwohl sie das EU-Biosiegel tragen? Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelkennzeichnung von Foodwatch: "Das ist teilweise einfach, weil es eine hohe Nachfrage gibt und der Bedarf nicht zu jeder Jahreszeit gedeckt wird." Produkte wie Kaffee und Bananen gibt es außerdem in der EU nicht oder nicht in ausreichender Menge. "Aber das ist auch erstmal nicht per se schlecht, wenn denn tatsächlich Bio drin ist, wenn Bio drauf steht."

Das EU-Biosiegel soll das garantieren. Für Produkte, die dieses Siegel tragen, gilt die Öko-Verordnung 834/2007. Sie legt zum Beispiel fest, dass beim Anbau keine Gentechnik eingesetzt werden darf. Für Düngemittel gelten strenge Vorgaben. Um die Einhaltung der Vorschriften zu gewährleisten gibt es private Öko-Kontrollstellen, die von der EU zugelassen werden müssen. Sie kontrollieren landwirtschaftliche Betriebe vor Ort.

Es gibt allerdings einen Haken bei der Sache, erklärt Huizinga: Die Kontrollbetriebe stehen in finanzieller Abhängigkeit zu den Produzenten. "Der Produzent vor Ort kann sich aussuchen, welche Öko-Kontrollstelle oder wer genau ihn kontrolliert." Das könne zu einer höheren Betrugsrate führen: "Der Unterschied im Preis von konventionellen Produkten und ökologischen Produkten ist sehr groß und deswegen ist es attraktiv für Betrüger, in diesem Segment Sachen unterzujubeln, die eigentlich gar keine Bio-Produkte sind."

Werden Bio-Betriebe im Ausland ausreichend kontrolliert?
Werden Bio-Betriebe im Ausland ausreichend kontrolliert?  | Bild: SWR

"Unregelmäßigkeiten" laut internem Bericht

Ein interner Bericht der EU-Kommission, der unserer Redaktion vorliegt, listet reihenweise "Unregelmäßigkeiten" bei importierten Bio-Produkten auf. Die verdächtigen Vorfälle haben sich demnach in den vergangenen Jahren sogar mehr als verdreifacht.

Sehen die privaten Kontrolleure über Missstände hinweg? "Das Problem ist, dass jeder zu kontrollierende Betrieb eben gleichzeitig unser Kunde ist", erklärt ein Insider. Er arbeitet für eine Kontrollstelle, die Biobetriebe zertifiziert und ist immer wieder im Ausland bei Kontrollen dabei.

Prüfer finanziell abhängig?

"Es gibt einen Interessenskonflikt, dass man einerseits seine Arbeit gut machen soll, andererseits aber von den Kunden finanziell abhängig ist. Da ist man ganz oft dem Druck ausgesetzt: Wenn ihr uns das Zertifikat nicht gebt, dann gehen wir zur Konkurrenz."

So entwickele sich eine Abwärtsspirale, was die Standards angehe. Aber fallen eingesetzte Pestizide bei Kontrollen von importierter Bio-Ware in Deutschland nicht auf? "Man muss zum richtigen Zeitpunkt spritzen, dann passiert das nicht. Da werden die Bauern so beraten, dass sie Pestizide mit kurzer Lebensdauer einsetzen, die sich dann schnell wieder abbauen. Und den Einsatz von Düngemitteln kann man im Labor sowieso kaum nachweisen", sagt der Insider.

Apfelplantagen in Chile –  Ist hier alles bio? Verbraucherfallen Reporterin Hendrike Brenninkmeyer findet es heraus.
Reporterin Hendrike nimmt Proben von den chilenischen Bio-Apfelbäumen.

Apfelplantagen in Chile

Dennoch hinterlassen die Betrüger Spuren: Auf Blättern, Blüten und im Boden auf den Feldern kann man die Pestizide nach dem Spritzen nachweisen.

Das wollen wir testen: In Chile. Dort soll es mehrere verdächtige Apfelplantagen geben. Direkt fällt auf: Eine Bioplantage, die wir überprüfen wollen, ist umgeben von konventionellen Feldern. Wir beobachten, wie dort gespritzt wird. Die Bio-Apfelbäume stehen gleich in Sichtweite.

Sind in den Bodenproben möglicher Weise Pestizide nachweisbar?
Sind in den Bodenproben möglicher Weise Pestizide nachweisbar?  | Bild: SWR

Wir nehmen an verschiedenen Orten und bei verschiedenen der verdächtigen Produzenten Proben von Blättern und Erde. Diese schicken wir in Deutschland zur Untersuchung in ein Labor.

Pestizide in allen untersuchten Proben

Und tatsächlich: In allen sieben untersuchten Proben haben die Wissenschaftler Pestizide gefunden. Für Böden und Blätter gebe es zwar keine gültigen Grenzwerte für Pestizide, so Lebensmittelexperte  Dr. Martin Frettlöh. Dennoch erwarte der Verbraucher eigentlich einen Anbau auf pestizidfreiem Gelände. "Die Argumentation der Landwirte ist dann immer, dass die Pestizide vom Nachbar rüber geweht worden sein könnten."

Ein Insider sagt uns jedoch, dass ein solch hoher Wert seiner Erfahrung nach eher auf den direkten Einsatz von Pestiziden schließen lasse.

Ambasel Trading: 800 Hektar zertifizierter Bio-Sesam
Ambasel Trading: 800 Hektar zertifizierter Bio-Sesam | Bild: SWR

Bio-Sesam aus Äthiopien

Wie bekommen einen weiteren Hinweis zu einem Betrieb, der angeblichen Bio-Sesam in Äthiopien produziert. Doch über die Firma "Ambasel Trading" lässt sich nicht viel herausfinden. Kontaktpersonen vor Ort warnen uns, nicht weiter nachzuforschen oder melden sich plötzlich nicht mehr. Lediglich Bildmaterial vom Hauptsitz in Addis Abeba wird uns zugespielt. 

Ambasel Trading ist eine der größten Firmen im Land, ein Import-Export-Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern. Das Unternehmen hat für den Anbau von 800 Hektar Sesam ein EU-Biozertifikat. Aber kann der Anbau wirklich bio sein?

Nach langer Suche kommen wir in Kontakt mit einem äthiopischen Journalisten. Er ist vor kurzem in die USA geflohen. "Ambasel Trading gehört der Regierungspartei. Die haben alle Angst vor der Regierung. Die hat dort ein System wie in Nordkorea aufgebaut, die kontrolliert dort jede Stadt und selbst das kleinste Dorf“, berichtet der Journalist.

Kaum Kontrollen möglich

Kontrollen seien so kaum möglich. "Wenn du richtig kontrollierst und die Regierung erfährt davon, dann musst du mit Konsequenzen rechnen. Die schicken dich ins Gefängnis."

Länder, in denen Kontrollen offenbar unmöglich sind, Pestizide auf Bioplantagen. Wie kann das sein?

Wir zeigen unsere Proben einem Sprecher der EU-Kommission.
Wir zeigen unsere Proben einem Sprecher der EU-Kommission.  | Bild: SWR

Nur sechs EU-Kontrollen im Jahr

Verhindern müsste das die EU. Sie soll eigentlich die privaten Ökokontrollstellen überprüfen - auch im Ausland. 55 solcher Kontrollstellen gibt es derzeit. Sie überwachen Produzenten in allen möglichen Ländern, dazu kommen noch geschätzt etwa 900 Sub-Kontrollstellen. Die EU schafft gerade mal sechs Kontrollen pro Jahr.

Macht es die EU mit ihren laxen Kontrollen Betrügern zu leicht?  Auf einer Pressekonferenz der EU-Kommission versuchen wir, Antworten zu bekommen. Vergebens – auf unsere Fragen erklärt ein Sprecher nur lang und breit das Kontrollsystem. Warum so selten kontrolliert wird? Darauf geht er nicht ein.

EU-Sprecher
Warum kontrolliert die EU Bio-Betriebe so wenig? Der Sprecher weicht aus.  | Bild: SWR

"Ich kann nicht auf diesen speziellen Fall eingehen, den ich nicht kenne", so der Sprecher. "Ich denke nicht, dass man von ein paar Beispielen auf das System schließen sollte. Aber wie ich bereits gesagt habe, wenn es Unregelmäßigkeiten gibt, die uns bekannt werden, haben sowohl die EU-Kommission als auch die Mitgliedstaaten die Möglichkeiten, zu handeln."

Unser Fazit: Wer sicher gehen möchte, dass bei "bio" auch drin steckt, was drauf steht, sollte auf weit gereiste Produkte möglichst verzichten und lieber regionale und saisonale Bio-Produkte kaufen.

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