Kaschmir-Schwindel –  Wie bei der Edelwolle geschummelt wird

Reporterin Hendrike geht Kaschmir-Schwindel auf die Spur
Reporterin Hendrike geht Kaschmir-Schwindel auf die Spur

In vielen Läden werden Kaschmirpullover angeboten. Die Pullover kosten teilweise nur 80 Euro. Im Internet sind sie sogar noch günstiger. Dabei ist Kaschmir doch so wertvoll und rar? Wie kann das sein? Liegt es an der Qualität?

Um das herauszufinden wenden wir uns an Michael dal Grande. Er ist Edelhaarhändler und beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Kaschmir. Laut ihm ist die Qualität von Kaschmir stark vom Ursprung der Ware abhängig, aber auch von der Feinheit und der Faserlänge des Materials.

Bei hochwertigen Pullovern werden lange und feine Kaschmirfasern verwendet. Werden kurze Fasern zur Produktion eingesetzt, neigen die Pullover eher zu Pilling – kleine Knötchen, die sich auf der Oberfläche bilden.

Die kurzen Fasern sind ein Grund, warum Kaschmirpullover so günstig verkauft werden können.

EXKURS PILLING:

Als Pilling wird die Bildung von Knötchen oder Fusseln auf Stoffen bezeichnet. Der Grund dafür sind lose Fasern im Stoff beziehungsweise Fasern, die sich gelöst haben. Daher sind vor allem Stoffe mit kurzen Fasern davon betroffen.

Außerdem neigen synthetische Fasern eher zum Pilling als Naturfasern, da sie eine glatte Oberfläche haben und sich deshalb schneller aus dem Gewebe lösen. Bei Wollstoffen entstehen ebenfalls Knötchen – die Ursache hierfür ist mechanische Reibung. Der Pilling-Effekt ist deshalb vor allem an Stellen wie der Schultern oder unter den Armen festzustellen.

Manche Hersteller raten dazu, die lästigen Knötchen mit einem speziellen Rasierer abzurasieren. Davon raten Textilexperten ab. Denn das führt langfristig zu Materialschwund.

Michael dal Grande warnt aber auch vor Tricks der Hersteller. Zum Beispiel werden Fasern eingemischt, die kein Kaschmir sind und somit deutlich weniger kosten – beispielsweise Schafwolle. Vor allem bei Massenware aus China werde das gemacht. Damit kein Unterschied zwischen der Schafwolle und dem Kaschmir zu erkennen ist, wird sie chemisch verändert. Eigentlich hat Wolle extremere Schuppenspitzen als Kaschmir, mithilfe eines Enzyms können diese Schuppenspitzen aber schonend abgetragen werden.

Selbst für Experten kaum zu erkennen

Unter dem Mikroskop kann man sehen, dass die Wollfaser nach der Enzymbehandlung sehr glatt ist und fast keine scharfen Schuppenkanten mehr besitzt. Die Schafwolle fühlt sich deshalb genauso weich wie Kaschmir an und sieht dem edlen Stoff zum verwechseln ähnlich. Selbst für Experten ist die behandelte Schafwolle kaum noch von echtem Kaschmir zu unterschieden.

Pilling meint die Knötchenbildung auf der Stoffoberfläche.
Pilling meint die Knötchenbildung auf der Stoffoberfläche.

Welche Qualität haben günstige Kaschmirpullover?

Unsere Reporterin Hendrike will wissen, wie gut die Qualität der günstigen Kaschmirpullover ist: Werden lange Kaschmirfasern verwendet? Enthalten die Pullover wirklich die angegeben Kaschmirmenge? Und wurde Schafwolle untergemischt?

Dafür kauft sie Pullover sowohl von kleinen Händlern über Amazon, als auch Eigenmarken großer Händlern wie Peek&Cloppenburg, H&M, Hallhuber oder Karstadt. Professor Lutz Vossebein von der Hochschule Nierderrhein soll das Pillingverhalten der Kaschmirpullover untersuchen.

Im Überblick:

Beim Pilling-Test zeigt sich, dass die Qualität der Kleidungsstücke eher schlecht ist. Alle Kleidungsstücke weisen eine deutliche Knötchenbildung auf. Die starke Pillneigung spricht dafür, dass eher kurze Kaschmirfasern verwendet wurden. Peek& Cloppenburg weist diese Feststellung zurück: Flauschige Pullover würden nun mal zum Pilling neigen. Darauf verweisen auch andere Hersteller.

Fälschung im Test

Die Pullover werden aber auch unter einem speziellen Elektronenmikroskop betrachtet, um aufgrund der Faserstruktur Kaschmirfälschungen entlarven zu können. Dr. Kim-Ho Phan ist Echthaar-Analytiker und führt für uns diesen Test durch. Allein in diesem Jahr konnte er circa 20 Prozent Fälschungen feststellen, bei denen reines Kaschmir beworben wurde, tatsächlich aber auch Wolle oder Synthetik-Fasern enthalten waren.

Auch in Hendrikes Pullover-Stichprobe entdeckt er eine Fälschung: Eine Jacke, die über Amazon bestellt wurde und laut Händler 80 Prozent Kaschmir enthält, weist gerade mal einen Anteil von einem Prozent Kaschmir auf. Alle anderen Produkte waren in unserem Fall in Ordnung.

Deshalb gilt: Vorsicht bei vermeintlich günstigen Kaschmir-Produkten. Gute Qualität ist meistens nicht zum Schnäppchenpreis zu haben. Ein hochwertiger Wollpullover ist dann die bessere Wahl.