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Aufmachergrafik zu Die großen Kriminalfälle
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Das falsche Geständnis des Günther Kaufmann

Günther Kaufmann (Bild: dpa) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Schauspieler Günther Kaufmann starb am 10. Mai 2012 während eines Spaziergangs in Berlin. ]
Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle des vergangenen Jahrzehnts mit allen Zutaten, die Medien und Öffentlichkeit faszinieren: ein dubioser Mord, ein prominenter Verdächtiger in Geldnöten, Liebe, Hass und Eifersucht – und ein falsches Geständnis, das zu einem großen Justizirrtum führte. Mehr als zwei Jahre lang saß der Schauspieler Günther Kaufmann unschuldig in Haft. An seiner Verurteilung hatte er jedoch selbst mitgewirkt. Er hatte ein falsches Geständnis abgelegt.

"Ich kam mir vor wie ein Schauspieler, der vor der Kamera steht und eine Rolle spielt", erinnert er sich im Film. Es war die schlechteste Rolle seines Lebens, aber verdammt gut gespielt. Heute sagt er, sein Widersacher, der ermittelnde Kommissar und spätere Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling, habe ihn so unter Druck gesetzt, dass er schließlich einen Mord gestanden habe, den er nicht begangen hat. Der Kommissar ist ein ruhiger, bedächtiger Mensch. Aber Kaufmanns Spiel wühlt den Mann heute noch auf: "Ich habe keinen Menschen in meiner Laufbahn erlebt, der so stur ist wie der Herr Kaufmann. Das ehrt mich zwar, wenn er mir unterstellt, dass ich das geschafft habe, ihn zu einem Geständnis zu bewegen. Aber das stimmt einfach nicht."

Günther Kaufmann (r.) und sein Anwalt Robert Unger (Bild: dpa) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Schauspieler Günther Kaufmann unterhält sich am 27.03.2006 im Landgericht in München vor Prozessbeginn des Wiederaufnahmverfahrens mit seinem Anwalt Robert Unger. ]
Der Fall Günther Kaufmann ist von Anfang an ein Kräftemessen zwischen dem berühmten Filmschauspieler und dem erfolgsverwöhnten Kriminalkommissar. Der Film rekonstruiert dieses Duell aus der Sicht beider Beteiligter und erzählt die Hintergründe eines rätselhaften Mordes. Am 2. Februar 2001 um 17:54 Uhr geht ein Notruf bei der Einsatzzentrale der Münchner Polizei ein. Am Telefon ist der Filmschauspieler Günther Kaufmann. Er steht vor dem Haus des Steuerberaters Hartmut Hagen. Kaufmann befürchtet, dass seinem Freund etwas zugestoßen sei. Wenige Minuten später brechen Feuerwehrmänner die Tür auf und machen eine grausige Entdeckung: Hagen ist tot – ermordet ganz offensichtlich.

Günther Kaufmann ist der bekannteste schwarze Schauspieler Deutschlands. Ein Naturtalent. Entdeckt vom legendären Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Für ihn stand Kaufmann in den 70ern und 80ern in vielen Rollen vor der Kamera. Doch nach einem Streit warf Fassbinder seinen Protegé einfach raus. Seit den späten 90er Jahren hatte Kaufmann so gut wie keine Engagements mehr. Und er brauchte Geld.

Günther Kaufmann (Bild: dpa) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Günther Kaufmann im Landgericht Augsburg 2005: Im Wiederaufnahmeverfahren um den Tod seines Steuerberaters wurde er freigesprochen. ]
Kaufmann ist damals in dritter Ehe verheiratet mit Alexandra, der "größten Liebe seines Lebens". Im Film bekennt er: "Ich habe es mir nicht vorstellen können, dass die Frau mich angelogen hat, jahrelang." 1992 erkrankte Alexandra Kaufmann an Knochenkrebs. Die Therapiekosten verschlangen bald alle Ersparnisse der Kaufmanns, und die verzweifelte Frau entschloss sich, Geld bei einem guten Freund abzuzocken: beim späteren Mordopfer, dem Münchner Steuerberater und Finanzjongleur Hartmut Hagen. Sie tischte ihm eine abenteuerliche Geschichte auf, die frei erfunden war: Sie erwarte aus einem Schadensersatzprozess in den USA eine Millionensumme. Hartmut Hagen lieh dem Ehepaar Kaufmann daraufhin insgesamt 830.000 Mark für Anwalts- und Prozesskosten in den USA. Dafür versprach ihm Alexandra Kaufmann einen Anteil am angeblichen Prozessgewinn. Selbst Günther Kaufmann soll die Geschichte geglaubt haben. "Und die besucht mich später, in U-Haft", erinnert er sich an eine der letzten Begegnungen mit seiner Frau, "und ich sage ihr, sag mal, gibt es wirklich kein Geld?" Was Kaufmann tatsächlich nicht wusste: Alexandra verprasste das erschwindelte Geld – in Berlin zusammen mit ihrem Geliebten Hans-Joachim Uhlig.

Die Ermittler der Münchner Mordkommission sehen in der verworrenen Geschichte um das Darlehen sofort ein Motiv für das Ehepaar Kaufmann. Doch Alexandra hat ein Alibi. Kaufmanns Tochter Eva erinnert sich im Film noch immer fassungslos an die Zeit der Untersuchungshaft: "Alexandra hat bei uns gewohnt. Und es flossen auch Tränen, und ihr Günter sitzt jetzt in Haft, und er war es doch gar nicht, und sie weiß es auch nicht und … Ja sie hat nichts gesagt." Noch während der Ermittlungen starb Alexandra Kaufmann an ihrem Krebsleiden. Die Schwerkranke wurde nie ausführlich zu dem Fall vernommen. Die Staatsanwältin gibt heute zu: "Man hat sie da nicht so in die Mangel genommen … man hat es einfach so relativ kommentarlos hingenommen, was sie erzählt hat."

Hat Kaufmann die Schuld auf sich genommen, weil er fürchtete, sie sei in den Mord verstrickt? Liebte er sie immer noch? Die Geschichte des Prozesses ist die eines großen Justizirrtums. Kaufmann verirrt sich immer tiefer in seiner Selbstbezichtigung. Nach einer DNA-Analyse ist immerhin klar: Es waren drei Männer am Tatort. Kaufmann schauspielert sich durch den Prozess und scheut nicht einmal davor zurück, alte Freunde als Mittäter zu denunzieren. Sprachlos verfolgt sein Gegenspieler Wilfling das Drama: "Da saßen sich die beiden gegenüber, und da sah ich diesen ansonsten nicht sensiblen ehemaligen Zuhälterkönig, wie ihm die Tränen in die Augen schossen, und er sagte: Günther, was erzählst du denn da? Und da sagte Herr Kaufmann eiskalt: Das wirst du schon wissen. Du warst doch dabei."

Doch auch der alte Freund hat ein Alibi. Die Frage der Mittäterschaft bleibt ungeklärt, als Kaufmann zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. "Das Urteil ist gerecht," sagt er damals weinend in die Fernsehkameras. Tatsächlich ist es Kommissar Zufall, der dem Fall drei Jahre später eine spektakuläre Wende gibt und die Wahrheit ans Licht holt: Die drei Mörder waren aus Berlin nach München gekommen, einer von ihnen war der Geliebte von Alexandra Kaufmann. Sie hatte das Verbrechen in Auftrag gegeben. In einem Aufsehen erregenden Wiederaufnahmeprozess wird Günther Kaufmann in allen Punkten freigesprochen.

Packend, emotional und hintergründig erzählen Günther Kaufmann und Josef Wilfling im Film ihre Geschichten – jeder die seine. Das Duell zwischen dem Schauspieler und dem Kriminalkommissar bleibt spannend bis zum Schluss, und es kennt am Ende nur Verlierer.

Die Autoren

Peter Gerhardt

Geboren in Mainz, studierte Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Nach Zeitungsstationen in Hamburg und New York arbeitet er seit Ende der 90er Jahre beim Hessischen Rundfunk als Redakteur und Autor zahlreicher Dokumentationen, Reportagen und Magazinbeiträge. Für seine Reportage "ARD exklusiv: Papa macht Urlaub vom Krieg" wurde er 2007 mit dem "Medienpreis für herausragende Beiträge zur deutsch-amerikanischen Verständigung" der Rias Berlin Kommission ausgezeichnet.

Filmografie (eine Auswahl)

Im verflixten 10. Jahr – Die Deutschen und der Euro (ARD/hr 2012) Als Hessen fliegen lernte (hr 2010) Die Jahrhundertpleite – Wie der Lehman-Crash die Welt veränderte (ARD/hr 2009) Terroristenjagd im Sauerland – Wie das BKA ein Blutbad verhinderte mitAhmet Senyurt (ARD/hr 2009) Das Labyrinth von Malaval (Arte/hr) Papa macht Urlaub vom Krieg (ARD/hr 2006) Frankreich schwarzes Vaterland (Arte/hr 2004)

Kamil Taylan

Kamil Taylan In Istanbul geboren, diplomierter Soziologe. Er absolvierte ein Zeitungsvolontariat bei der türkischen Tageszeitung "Demokrat" und arbeitete als deren Deutschlandkorrespondent. Nach seiner Ausbürgerung aus der Türkei nach dem Militärputsch 1980 politisches Asyl in Deutschland. Seit 1982 Tätigkeit als Fernsehjournalist, vor allem beim Hessischen Rundfunk/ARD. Für seine Dokumentationen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Kamil Taylan ist Autor diverser Bücher.

Filmografie (eine Auswahl)

Der Tag als Theo van Gogh ermordet wurde, mit Esther Schapira (ARD/hr 2007, Prix Europa, TV Current Affairs) Der Tag als Jürgen W. Möllemann in den Tod sprang, mit Georg M. Hafner (ARD/hr 2007) Der Tag als die Welle kam – Der Albtraum von Bangniang (ARD/hr 2005) Zypern: Die Pirateninsel – Steuertricks und die Russenmafia (Arte/hr 2004) Familientragödien – Die Bluttat von Zwintschöna (ARD/hr 2003) Das Rote Quadrat – Weesenstein – die Flut und der Untergang eines Dorfes (ARD 2003) Das Rote Quadrat – Die Feuerfalle von Rostock (ARD/hr 2002, Prix Europa, CIVIS-Preis Deutschland) Das Rote Quadrat – Die lebende Fackel (ARD/hr 2000)

Buch und Regie: Peter Gerhardt, Kamil Taylan

Redaktion: Sabine Mieder/hr, Britta Lübke/RB

Kamera: Bernd Romkowski

Ton: Wolfgang Horch

Sprecher: Gert Heidenreich

Schnitt: Christina Piel

Sendetermin
Mo, 14.05.12 | 23:30 Uhr